Das Warum der Gewalt

Dr. Leonardo Peskin
 

Die hinterlistige Erfindung des schweren Beleidigungen gelitten in den Händen der "anderen" rechtfertigt die Regeln zu brechen und die Schaffung von Ausnahmen um eine angebliche wiederherzustellen.

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Um über das weite Thema der Gewalt aus psychoanalytischer Sicht nachdenken zu können, müssen wir hervorheben, dass es immer noch Gewalt gibt – trotz kultureller, wissenschaftlich-technischer und mit der weltweiten Wohlstandsverteilung in Verbindung stehender Bedingungen, die zu einer Abnahme der Gewalt führen könnten.

Im vergangenen Jahrhundert und zu Beginn dieses Jahrhunderts waren wir Zeugen der brutalsten Erfahrungen systematisierten Hasses. Dieser nahm Formen an, die beweisen, dass die Kultur, die Wissenschaft und die Technologie ebenso wie die Wohlstandsverteilung im Dienste der Verwüstung standen. Dies zeigt, dass mit Gewalt verbundener Hass ein wiederkehrendes Symptom für eine Entwicklung ist, welche einem sozialen Unwohlsein mittels direkter Triebentlastungen Erleichterung zu verschaffen vorgibt. Rache, Ausschreitungen gegenüber Armen, Unterschiedslosigkeit bei der Schaffung von Opfern, die wie Verbrecher behandelt werden, usw. – all dies sind typische Beispiele dafür, wie man das soziale Verlangen nach Thanatos-Entlastung zu stillen versucht. Die Erfindung schwerer Schandtaten, die angeblich von den „anderen“ begangen wurden, rechtfertigt den Bruch von Regeln und schafft Ausnahmebedingungen, die es erlauben, eine angebliche Ordnung wieder herzustellen. Dies ist üblicherweise die ideale Entschuldigung, um einen Freibrief für Metzeleien und Verfolgungen auszustellen. Alle Mittel fließen der Vernichtung des Mitmenschen zu, den man als Ursache irgendeines sozialen Missstands anprangert, was üblicherweise als Entschuldigung für die Freisetzung eines jeglichen Erbarmens entbundenen Hasses dient.

Es gibt eine Besonderheit in den Fällen staatlicher Gewalt, in unterschiedslosen Kriegen, in terroristischen Gemetzeln und in Massakern radikalisierter Gruppen, die unterschiedslos angreifen. Es muss nämlich ein ethisches Kriterium der Psychoanalyse geändert werden. Die Opfer tragen keine Verantwortung dafür, dass sie die Angriffe erleiden. Die Verantwortung liegt bei anderen und ist gegen die Opfer gerichtet – ein ethisches und moralisches Versagen, das in der Kultur der Angreifer liegt oder in der Gesellschaft, in der der Angriff sich ereignet und die es ermöglicht, dass sich erbitterte Wut gegen jemanden richtet, der als verantwortlich für etwas ausgewählt wird. Dies ist ein bedeutender Umsturz, stellt die Psychoanalyse in erster Linie doch das eigene Subjekt als verantwortlich für sein Schicksal in Frage.

Ein Subjekt konstituiert sich innerhalb einer Kultur, und diese bereitet es darauf vor, friedvoll oder kriegerisch zu sein. In Gesellschaften, die der Gewalt zuneigen, bilden sich gewalttätige Subjekte heraus, wie in jenen Gesellschaften, die in die bemerkenswertesten Ereignisse organisierter Gewalt verstrickt waren. Hier finden wir von Kindheit an belehrende Beispiele und Anreize. Erinnern wir uns an die Hitlerjugend, an die Kamikaze-Schulen und an die Ausbildungslager für muslimische Terroristen. Hier wird ganz deutlich, dass man ein Subjekt, um es zur Gewalttätigkeit zu erziehen, indoktrinieren muss, indem man Gewalt als Ideal einführt und indem man einen konsistenten Diskurs begründet, auf den sich die Umsetzung dieses Ideals stützen kann.

Unglücklicherweise können manche Gesellschaften ihre Mitglieder auch auf die Opferrolle vorbereiten. Dies ist in Fällen von Gewalt aufgrund sexueller oder religiöser Zugehörigkeit sehr wichtig, und auch bei Gewalt gegen Kinder.

Massiv verbreitete gewalttätige Ideale, die in pseudorationale Diskurse umgewandelt wurden, erfüllen sich in unseren Tagen unter zwei Voraussetzungen: die eine ist die globale und massive Verbreitung der Macht mittels Indoktrinierung, die jedem einzelnen das Recht verleiht, diese Ideen im Rahmen organisierter Banden auszuführen;; die andere Voraussetzung ist, dass sich mit der Unterordnung der Gesetze unter die Ideale die restriktive und ordnende Funktion des Gesetzes als symbolischer Repräsentant eines impulshemmenden Dritten in unheilvoller Weise zerrüttet.

Die beunruhigendste Form der Gewalt ist die, die wir „auf völlige Auslöschung gerichtete
Gewalt“ nennen können, um sie von der individuellen oder gruppenspezifischen Gewalt zu unterscheiden, die in Einzelfällen als aggressives Handeln auftritt, wenn die symbolische Eindämmung versagt. Bei der Gewalt unter dem Nationalsozialismus als paradigmatisches Beispiel handelte es sich nicht um ein intellektuelles oder kulturelles Versagen, sondern um ein höchst rationales Projekt. Es war ein sadistischer intellektueller Gewinn, der das raffinierteste Hassobjekt schuf. Er machte aus dem Mitmenschen etwas, das zerstört werden musste, etwas, das keinerlei Ähnlichkeit mehr mit einem Menschen aufwies.

Je raffinierter der symbolische Apparat ist, der den Trieb befeuert, umso listiger die Konsequenz und umso ausgeklügelter unheilvoll die soziale Organisation, die sich herausbildet.

Die kulturellen Veränderungen seit der Besiegung des Nationalsozialismus haben die Thanatos-Macht demokratisiert, der wissenschaftliche und technologische Fortschritt erleichterte den Zugang zur Zerstörungsgewalt mit ausgefeilten Produkten, über die jeder verfügen kann. Das Subjekt verliert jede Verantwortung, erfreut sich einer Begriffsverkettung, die wir heute täglich hören: „Dringlichkeits- und Notfallsverordnung“, „Ausnahmezustand“, „Gehorsamspflicht“, „befreites Gebiet“, „Kollateralschäden“ - all dies ermächtigt potentielles Handeln des Subjekts zu Unbarmherzigkeit. Entsprechend der Organisation des Dritten Reichs konnte jedweder Bürger einen Juden oder einen Regimegegner erniedrigen oder töten.

Wir sollten berücksichtigen, dass das Gesetz im allgemeinem Sinne, wenn wir von jenem Gesetz sprechen, das das Über-Ich als solches übernimmt, weder gemäßigt noch gleichmütig ist, es ist parteiisch, es ist eine aus dem Kontext genommene Interpretation des gesamten Körpers des Justizsystems, und darum lässt sich sagen, dass es als Gesetz eine gewisse Tendenz zur Unvernunft hat. Wir wollen in Betracht ziehen, dass der normale und sogar der gebildete Mensch alle Gesetze eines Rechtssystems weder kennen noch erinnern kann. Die Frage, nach welchem Gesetz ein gewöhnlicher Mensch seine Handlungen ausrichten soll, ist äußerst komplex. Dennoch kann der Staat dem Über-Ich nicht ähneln, wenn er parteiische oder unsinnige Gesetze anwendet, doch ist das genau das, was wir in den totalitären Staaten sehen. In diesem Sinne möchte ich einen Ausdruck der „Ethik“ Hermann Görings zitieren: Recht ist, was uns gefällt[1]. Vielleicht gibt es keine andere Alternative: religiös formuliert, muss ein rechtschaffener Mensch „gesetzesfürchtig sein“ und das Gesetz im allgemeinen Sinne muss unabhängig von umstandsabhängigen Konventionen sein, der „Ausnahmezustand“ muss vermieden werden. [2] Das Gesetz im allgemeinen Sinne, auf das sich das Urteil eines Sachwalters oder eines Experten stützt, kann nicht das Gesetz des Über-Ichs sein.

Die Gewalt, die uns keine Ruhe lässt, ist jene, die symbolisch begründet ist. Ein Diskurs, der ein Subjekt anweist, sein Begehren auf ein zeitlich ausgedehntes Projekt zu richten und die Beharrlichkeit und die Kraft zu besitzen, es ans Ende zu bringen. Diese Beschreibung ähnelt stark dem, was wir über die Organisation der Paranoia wissen, in deren Absicht eine übertriebene Sicherheit der Urteile liegt, welche wiederum diese Absicht unterstützen.

Eine weitere Sorge ist die Gewöhnung an die Gewalt. Obgleich viele Male untersucht und überprüft, überraschen staatliche Gewalt und organisierte Grausamkeit immer wieder als unfassbar. Jedes Mal, wenn die Menschheit eine neue Ausdrucksform der verheerenden menschlichen Schlechtigkeit „als Zuschauer“ oder als Hauptakteur verfolgt, überrascht sie sich selbst, zumindest geschieht dies mit jenem Teil der Menschheit, der dazu neigt, mit moralischen Wällen Scham, Schande und Schuld an den grausamen Taten abzuwehren.[3] Jene Gesellschaften jedoch, die an Gewalt gewöhnt sind, werden durch nichts überrascht und alles ist akzeptabel, jedes Mal gibt es mehr Fälle von Gewöhnung. Dort gibt es Ereignisse, die die Gleichgültigkeit jener, die bereits an Grausamkeit gewöhnt sind, ja, zu diesem Zweck geschaffen sind, mit jedem Mal stärker herausfordern. Es gibt sehr viele sehr ähnliche Erfahrungen, die ermessen lassen, wie „unheilvoll“ wir sozial formbar sind, wenn es darum geht, Grausamkeiten mitanzusehen: denken wir nur an die Deportationen und Juden-Pogrome im nationalsozialistischen Europa oder an das rückkehrlose „Verschwinden“ entführter Personen unter der Militärdiktatur in Argentinien. Es war wohl auch nicht mehr überraschend, die Züge der Deportierten Richtung Vernichtungslager fahren zu sehen. Vielleicht müssen wir gerade wegen dieses naiven Erstaunens, das Grausamkeit in manchen Gesellschaften hervorruft, oder dieser Exzesse von Duldsamkeit, die sie in anderen auslöst, aufmerksam bleiben und diese Phänomene untersuchen. Nur, wenn wir erinnern und unsere Erinnerung geistig verarbeiten, gibt es Hoffnung, dass wir die unerbittliche Wiederholung abmildern können. Täglich verfolgen wir die staatliche Korruption, Wandalismus und Kriminalität mit immer weniger Überraschung, und es erstaunt uns auch immer weniger, dass die Quellen der Gewalt dieselben sind wie die, die sagen, sie wollten sie auflösen.

Die schwersten Formen der Misshandlung oder der Aberkennung der Rechte eines Mitmenschen zeigen sich in Gesetzen, wenn diese sich gegen eine Gruppe richten oder diese aus dem Verbund einer Bevölkerung absondern.

Eine Schlussfolgerung ist, dass jene Gewalt besonders beunruhigend ist, die von einem Diskurs angetrieben wird, der eine Absicht zeigt, welche den Nächsten nicht als Nächsten anerkennt und eine abgesonderte Behandlung von Rechten und Leistungsfähigkeiten für all jene sucht, die dem Charakter dieses Einheitsdiskurses nicht zustimmen. Obgleich jeder Diskurs ein symbolischer Diskurs ist, stellen die Formen, die Einheitsdiskurse annehmen, die Symbolik in den Dienst einer imaginären narzisstischen Absicht, die die Unterschiede auslöscht, damit schließlich jeder Diskurs sich dem Willen seines Herrn beugt.

Damit die Dinge auf diese Weise funktionieren, wird die Realität „abgeflacht“ [4], indem das allgemeine Ideal mit dem allgemeinen Gesetz vereinigt wird und indem man dafür sorgt, dass der Machtwille des Gebieters auf keinen Widerstand stößt. Die Zeichen für eine Übereinstimmung zwischen den narzisstischen Idealen und den Gesetzen weisen auf das Risiko künftiger Ereignisse hin. Diese Art von Deformation ist typisch für das Über-Ich und je mehr sie einer sozialen Organisation unter dem Imperativ des Über-Ichs ähnelt, desto näher sind wir dem Schlimmsten. Obwohl die Besonderheiten zeigen, dass der rechtskräftige Diskurs, sobald er sich geformt hat, eine autonome Maschine ist, wird diese immer von irgendeinem Anführer als handelnder Person betätigt. Vielleicht zählt dies zu weiteren Besonderheiten dieser Angelegenheit, ebenso wie die Massenorganisation, durch welche sie geprägt ist, oder die Tatsache, dass man jemandem folgt, der sich an Stelle des Ideals zum Anführer erklärt.
Die Psychose, die Psychopathie oder irgendeine andere nosografische Kategorie werden übertroffen durch diese Arten des Einwirkens, weil die niederträchtige Bedingung transstruktural ist.

Unglücklicherweise neigen die Menschen dazu, sich von Anführern und Diskursen verleiten zu lassen, diese werden ständig gesucht und werden dann anscheinend in irgendjemandem gefunden, der sich in der Führerschaft ansiedelt: an jenem Ort also, wo das Ich-Ideal seine Leitungsfunktion ausübt. Die Symbolik schafft den Thron und überreicht das Zepter, und irgendjemand, der sich die Macht anmaßt, erhält sie auch. Wenn die Losung einmal in Umlauf gesetzt und die Menge desensibilisiert ist, werden Volk oder Armee zu Automaten, die von den Weisungen des Diskurses gesteuert werden. Diese Regression bedroht jede menschliche Gruppe und es genügt sehr wenig Zeit, manchmal nur wenige Augenblicke, damit tausende Jahre von Kultur verlorengehen. Damit diese Arten der Einwirkung zeitlich andauern, müssen sie unterstützt werden durch ein Projekt mit Wünschen, die sich auf eine Absicht beziehen und, wie jeder Wunsch, als letzten Sinn, ob er sich nun erfüllt oder nicht, eine Erwartung von Befriedigung in sich tragen. Die Möglichkeit der Befriedigung kann bis hin zur abwegigsten reichen, die man sich vorstellen kann, und die erwartete Befriedigung kann sogar, wie es schon viele Male geschah, völlig unvorstellbar sein. Auch so kann sie bei normalen Leuten, die sich nicht fragen, weshalb  sie tun, was sie tun, , dauerhaft  und motivierend sein. Wenn die Qualität des Diskurses bewahrt wird, der eine Gesellschaft organisiert, besonders die Beschaffenheit ihrer Gesetze und Gebräuche, so bedeutet dies, dass seine Ethik solche Phänomene offenbar zu vermeiden hilft. In einer gewissen Analogie mit der Krebserkrankung ließe sich sagen, dass sich die symbolische Qualität einer Gesellschaft in Bezug auf ihre intellektuelle Verfeinerung, wie das Immunsystem in einem von Krebs befallenen Körper, in den Dienst der Krankheit stellt. Die intellektuelle Verfeinerung intensiviert noch die übelsten Projekte, und manchmal werden Scham, Ekel, Schuld und Strafe aufgelöst durch „gute Beweggründe". Die zugrunde liegenden Wälle  des repressiven Systems formen sich durch die Parameter der integrierten Kultur. Aus all dem folgt, dass der Mensch recht schwach ist, wenn er leitende Persönlichkeiten braucht, die über die Qualität der Regeln wachen und besonders darüber, dass diese mit gewissem Anstand erfüllt werden.
 
Aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Buchner-Sabathy
 
[1]Ludwig WITTGESTEIN, Conferencia sobre ética, S. 60. Spanien, Paidós, 1990.
 
[2]Giorgio AGAMBEN, Lo que queda de Auschwitz. El archivo y el testigo. Spanien, HOMO SACER III, Pre-textos, 2002
[3]NUSSBAUM, Martha C., El ocultamiento de lo humano, Repugnancia, Vergüenza y Ley”, Argentinien, Katz Editores, 2006
[4]PESKIN, L. “Del ‘acto cruel’ a la psicopatología de la delincuencia cotidiana.” Revista de APA, 2000: vol. Internacional n. 7
PESKIN, L. Historia. Historiales, El espesor de la realidad, Bs. As., Ed. Kargieman, 1994.
PESKIN, L. (2008). Los laberintos de la violencia, en Violencia y psicoanálisis, Ed. Lugar-    APA. Buenos Aires.
PESKIN, L. (2008) La violencia de hoy y de siempre, Revista de APA, 4, 2015
PESKIN, L.“La realidad, el sujeto y el objeto”. Paidós. Bs. As. 2015
 

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