Einführung
1. April 2022

Um den Begriff „ Fake News “ im Französischen wiederzugeben, entschied sich die Commission d’enrichement de la langue française [Kommission für Bereicherung der französischen Sprache] am 4. Oktober 2018 für das Wort „infox“, eine Neubildung, die die Wörter „information“ [Information] und „intoxication“ [Vergiftung] miteinander verschränkte. Eine sehr treffende Zusammenziehung dieser beiden Wörter, denn wenn es Fake News auch immer gegeben hat, so überfluten sie jetzt doch das ganze soziale Feld. Worauf geht ihre Verbreitung zurück? Dies will Ausgabe 16 von Psychoanalysis.today untersuchen, das letzte Themenheft dieser Online-Zeitschrift. Eine Abschluss-Ausgabe wird Artikel, die diese Zeitschrift mitprägten, enthalten. Und hier handelt es sich nicht um Fake News!

Der aktuelle Vormarsch des Begriffs der „Post-Wahrheit“ [Post Truth], der 2016 vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres gewählt wurde, stellt die Beziehungen zwischen Politik und Wahrheit zutiefst in Frage. Dies übersetzt eine Situation, in der Gefühle und Meinungen die Realität der Tatsachen überlagern, alle Gespräche begleiten und alle Debatten speisen. Selbst wenn die Lüge in der Politik immer existiert hat (Hannah Arendt, „Die Lüge in der Politik“), explodierte ihre Verbreitung 2016 mit dem Brexit-Referendum im Vereinigten Königreich und der Wahl Donald Trumps in den Vereinigten Staaten, Ereignissen, die in zwei Aufsätzen dieser Ausgabe analysiert werden. Es scheint, dass das Auftauchen des Begriffs „alternative Tatsachen“ jedes Gefühl von Scham und Schuld bei diesen beiden politischen Anführern hat verschwinden lassen.

Wilhelm Skogstad untersucht in seinem Aufsatz „Die ‚langen Beine‘ der Lügen und der Brexit“ detailliert, wie der erbarmungslose Gebrauch der Lüge die britische Bevölkerung dazu veranlasste, für den Brexit zu stimmen. Objektive Wahrheit und subjektive Wahrheit vermischen sich in der Zurückweisung wissenschaftlich begründeten Wissens zugunsten von Glaubensüberzeugungen.

Cordelia Schmidt-Hellerau geht in ihrem Text „Haben Sie kein Schamgefühl?“ von der Haltung argwöhnischen Protests eines Teils der amerikanischen Bevölkerung in Reaktion auf zwei Ereignisse aus: die Wahl Joe Bidens zum Präsident der Vereinigten Staaten und die Empfehlungen von medizinischen Expert:innen in Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie. Hier erreichte die Lüge eine perverse Dimension. Die Autorin fragt sich, ob die Psychoanalyse in der Lage wäre, der regressiven Bewegung der amerikanischen Gesellschaft hin zu einer Massenpsychose Einhalt zu gebieten. 

José Carlos Calich stützt sich in seinem Aufsatz „Ein psychoanalytischer Blick auf Fake News“ auf Jean Laplanches Übersetzungsmodell, das sich auf das Konzept des Mythisch-Symbolischen bezieht. Der zeitgenössische Mythos der Post-Wahrheit und der absoluten Freiheit hat zu bedeutenden gesellschaftlichen Veränderungen geführt: dem Vorherrschen einer modernen „Stammesstruktur“, der Illusion grenzenloser Lust, der Logik der Herrschaft. Wie die Kultur heilen von Narzissmus und Verachtung des Anderen? Wie analysiert die Psychoanalyse dieses neue Unbehagen in der Kultur?

Patrick Merot analysiert in seinem Aufsatz „Das Unbewusste produziert Fake News“ die komplexe Beziehung, die jeder zur Wahrheit hat. Jedes Ereignis wird nur durch die Art und Weise, in der man es wahrnimmt, zum historischen Faktum, was Freud dazu veranlasst, materielle Realität von psychischer Realität zu unterscheiden. Fake News und Verschwörungsmythen scheinen einander zu begleiten, aber entspringt dieses Gefühl des Getäuscht-Werdens nicht einer Verwirrung zwischen den Begriffen der Macht und der Autorität?

In seinem Aufsatz mit dem Titel „Fake News und die Landschaft der Psychotherapie“ behandelt Dr. Isaac Tylim, ausgehend von einer klinischen Erfahrung, in origineller Perspektive die Frage der Fake News in der Beziehung zwischen Analytiker:in und Patient:in.

In seinem Aufsatz „Fake News®: ‚mit geschlossenen Augen leben‘" behauptet Eduardo Gastelumendi, dass, wenn es Falschmeldungen auch immer gegeben hat, die Falschmeldungen unserer heutigen, vernetzten Welt sich doch ein wenig unterscheiden. Sie lassen deutlich den Einsatz von Abwehrmechanismen erkennen, die die äußere Realität verleugnen. Dieses Phänomen muss Psychoanalytiker:innen interessieren und sie dazu veranlassen, an der öffentlichen Debatte teilzunehmen.

Alice Lombardo Maher analysiert in ihrem Aufsatz „Die Menschen: eine Spezies von brillianten Killern“ die inneren Kräfte, die Menschen dazu antreiben, sich gegenseitig umzubringen, auf symbolischer Ebene oder in der Realität. Alice Lombardo Maher ermutigt uns dazu, über dieses zerstörerische Verhalten nachzudenken, um es auszurotten.

Todd Essig warnt uns in seinem Aufsatz „Von der Post-Wahrheit zur Post-Empathie“ vor den Schäden, die der Verlust des Wahrheitsbegriffes in unserer heutigen Kultur nach sich zieht. Die Psychoanalyse macht hier keine Ausnahme. Die verkörperte Remote-Analyse, eine Begegnung mit dem/der Analytiker:in über den Bildschirm, läuft Gefahr, ersetzt zu werden durch die Begegnung nur mit einer Maschine, was uns in die Ära der Post-Empathie versetzen würde.

Diese Nummer präsentiert auch ein Video-Interview, das Liliana Pedrón mit Dr. José Eduardo Abadi führte. Vom Standpunkt der Psychoanalyse aus spricht José Eduardo Abadi über die Beziehung zwischen Fake News und Realität, Ängsten und Macht.

Welche Zukunft gibt es in der Ära der Post-Wahrheit für eine Gesellschaft, deren Werte Profit und sofortige Lust heißen? Wie könnten wir uns in eine Gesellschaft verwandeln, die solidarischem und nachhaltigem Fortschritt den Vorzug gibt? Wird es dem Menschen gelingen, die Fakten nicht mehr zu manipulieren, in der Absicht, eine störende Wahrheit zu verbergen? Müssen wir auf die Wahrheit verzichten? Wird die Post-Wahrheit der Demokratie guttun?
 
Eine inspirierende Lese-Erfahrung und gutes Nachdenken!

Chantal Duchêne-González
 
Übersetzung: Susanne Buchner-Sabathy