Vorwort
Kompilator des Vorworts: Liliana Pedrón - IPA, 21 Juli 2020
Psychoanalyse in Zeiten der Pandemie
Das Editorenteam unseres ejournals Psychoanalysis.Today hat gemeinsam beschlossen, eine Sonderausgabe aus aktuellem Anlass zum Thema Pandemie zu veröffentlichen. Die vorliegende Ausgabe hat ein etwas anderes Format als üblich, mit mehreren kürzeren Aufsätzen, die allesamt von Autoren aus unterschiedlichen Ländern und Regionen der Welt verfasst wurden, und deren grundsätzliche Weltanschauungen und Wertvorstellungen mit denjenigen der Community der Psychoanalytischen Vereinigungen im Wesentlichen in Übereinstimmung stehen. Dieses ejournal soll einem denkwürdigen historischen Moment, von dem wir alle gegenwärtig Zeuge werden, Rechnung tragen, in dem sich das Augenmerk und Bestreben der gesamten Menschheit aktuell darauf richtet, der Covid-19 Pandemie auf den Grund zu gehen, um zu verstehen, wie sie sich entwickelt hat und wie sie unter Kontrolle zu bringen ist. Covid-19 ist eine gefährliche Krankheit, deren Folgewirkungen derzeit noch nicht absehbar sind.
Kündigt sich hier womöglich eine neue Form von Normalität an? Werden die durch die Pandemie verursachten Veränderungen unwiderruflich und unumkehrbar sein? Und welche Auswirkungen wird all dies auf die Psychoanalyse haben?
Wir haben aktuell mehr Fragen, als dass uns Antworten zur Verfügung stehen. Der Ausbruch der Pandemie hat sich unweigerlich und auf einschneidende Weise auf die psychoanalytische Praxis ausgewirkt, und zwar vor allem dadurch, dass die virtuellen Kommunikationswege gegenwärtig in verstärktem Maße für die Durchführung analytischer Behandlungen genutzt werden. Eine Reihe der infolge der Pandemie notwendig gewordenen Veränderungen in den Rahmenbedingungen und Behandlungstechniken werden vermutlich nach einer gewissen Zeit wieder zurückgenommen werden, und dennoch wird all dies dauerhaft Spuren hinterlassen.
Im Rahmen dieses Vorworts sollen diesmal sämtliche Mitglieder unseres multinationalen Herausgeberteams von Psychoanalysis.Today einzeln zu Wort kommen, um sich persönlich dazu zu äußern, was die Erfahrung der Pandemie für sie bedeutet.
Ursula Burkert – EPF: Nachdem es uns nun über Jahrzehnte hinweg vergönnt war, gewissermaßen ein Leben in Wohlstand und Freiheit zu führen, hat uns der fortschreitende Klimawandel und der Ausbruch der Covid-19 Pandemie zu Bewusstsein gebracht, dass wir dies nicht länger als eine Selbstverständlichkeit betrachten können, da eine sich ständig verändernde Wirklichkeit all dem voraussichtlich immer mehr Einschränkungen auferlegen wird. Wir alle haben gegenwärtig Verluste zu beklagen und müssen Sorgen und Ängste erdulden. Infolgedessen entwickeln wir aktuell offenbar ein gesteigertes Bewusstsein – und auch eine Dankbarkeit - für die einfachen Dinge des Lebens.
Daniel Biebel – FePAL: Ebenso wie in der Zeit vor Covid-19, so sollte es auch heute unser vordringlichstes Anliegen sein, dass wir im Rahmen unserer psychoanalytischen Behandlungen alles daran setzen, gemeinsam mit unseren Patienten darüber nachzudenken, wie vor, während und nach dem Sturm das individuelle Schicksal und die jeweils individuelle Lebenssituation am besten bewältigt werden kann. Wir sind als Analytiker dazu aufgerufen, auch weiterhin zu unserer beruflichen Verantwortung uns selbst, unseren Patienten und der Psychoanalyse gegenüber zu stehen und unser Können und Wissen nach Kräften dafür einzusetzen.
Marina Bilenky – FePAL: Die Pandemie hat uns nun nochmals die bereits zuvor bestehenden gesellschaftlichen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in Brasilien und in der übrigen Welt auf drastische und schmerzliche Weise vor Augen geführt. Wir erleben derzeit, wie die Bevölkerung Brasiliens darum ringt, als Einzelne und als Gemeinschaft die Pandemie so unbeschadet wie nur irgend möglich zu überstehen, um sich den im Land herrschenden politischen und sozialen Missständen nicht einfach wehrlos und verzweifelt zu überlassen.
Chantal Ducheme – EPF: Mit Beendigung des Lockdowns werden unsere Patienten nun in zunehmendem Maße von Gefühlen sozialer Unsicherheit, Besorgnis und Angst eingeholt.
Helen Fronshtein – NAPsaC: Zwei Analytiker aus den Vereinigten Staaten erläutern, wie unterschiedlich die Covid-19 Pandemie von Bürgern dunkler Hautfarbe und Bürgern weißer Hautfarbe erlebt wird. Je nachdem, was für Privilegien jemand genießt, desto ungleich besser stehen die Chancen, diese Pandemie einigermaßen unbeschadet zu überstehen.
Adrienne Harris – APsaA : Die Pandemie ist eine Form von Apres-coup, an und für sich ein traumatisches Ereignis und eine Gefährdung für Leib und Leben. Aber sie eröffnet uns derzeit gleichzeitig auch die Möglichkeit der Rückerinnerung, Wiederbelebung und Neubearbeitung unserer frühen Traumata, die jeder Einzelne von uns auf seine ganz spezifische und individuelle Weise in und mit sich herumträgt.
Gouri Salvi – IPA : Zwei Psychoanalytiker – aus Australien und Israel – machen sich Gedanken über die Umstellung auf online Sitzungen in Zeiten von Covid-19. Dabei sind sie zuversichtlich, dass mehrdimensionales Denken und das Verstehen von komplexen Zusammmenhängen auch im Rahmen einer Interaktion vermittels flacher Bildschirme möglich ist.
Die durch die vielen verschiedenen Autoren gewährleistete Vielfalt und Pluralität der Sichtweisen in der vorliegenden ejournal Ausgabe erlaubt es den Lesern, sich mit ganz unterschiedlichen Themen und Realitäten vertraut zu machen und auseinanderzusetzen, und so ihren Teil dazu beizutragen, das psychoanalytische Wissen in Zeiten der Pandemie zur Anwendung zu bringen und weiterzuverbreiten.
Wir laden Sie herzlich dazu ein, als Leser die unterschiedlichen in dieser Ausgabe präsentierten und erörterten Sichtweisen und Standpunkte kennenzulernen, in der Hoffnung, dass sich hierdurch für Sie nach all den strengen Quaratänemaßnahmen möglicherweise ein gangbarer Weg eröffnet oder auch so etwas wie ein Lichtblick oder Hoffnungsschimmer am Horizont abzeichnet.
Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.