Immigranten in Europa, in den Vereinigten Staaten, überall. Bilder über Bilder; Geschichten und Dramen, oft in Echtzeit zu sehen in den Massenmedien. So wird dieses Massengeschehen – als charakteristische Auswirkung der zahllosen Nachrichten, die uns erreichen – ein oder zwei Jahre lang schwere Wolken über uns senken. Darin erstickt, steht die Zeit still, und taut erst in der Begegnung mit der Erinnerung, mit all ihrem Schmerz und all ihrer Süße, wieder auf.
Migrieren, emigrieren, immigrieren. Immigration, Immigrant sein. Und wenn die Emigration hastig erfolgt, auf der Flucht oder doch beinah, je nach den Umständen... von einem Land ins andere migrieren, von einer Sprache zu (und mit) einer anderen... und manchmal mit dem Glück oder dem Unglück, zum besagten Zeitpunkt ein Kind oder Jugendlicher zu sein. Dies war bei mir so, doch glaube ich nicht, dass es mir damals bewusst war... Die Erinnerung warf plötzlich und überraschend ein Schlaglicht auf ein Empfinden von Freude. Ich erinnere mich an freudige Momente bei der Auswanderung und bei der Einwanderung, doch nicht nur daran.
Die erste Szene: ich fühle Schwindel, weil ich in die Luft geworfen werde und dann in die starken Arme meines Bruders falle, der mir, in meiner Angst und meiner Lust, froh ins Ohr flüstert: "Wir gehen dorthin, wir gehen weg von hier. Es ist ein Geheimnis, erzähl es niemandem, hast du gehört, du Schlingel?" Er war 13 Jahre alt und strahlte, und ich war sechs, seine Erregung hatte sich auf mich übertragen und ich war ganz aufgeregt, weil er mir gestattete, einen Blick in die geheimnisvolle Welt der Erwachsenenangelegenheiten zu erhaschen. Es war Sonntag, und ich war damit beschäftigt gewesen, durch das Fenster unseres "riesigen" Esszimmers einem Radrennen zuzusehen, als diese Ankündigung eines künftigen Ereignisses, dessen Bezüge mir noch recht unverständlich waren, mich aus dieser Beobachtung riss.
Damals waren wir "Fremde" in Marrakesch, obwohl die Familie meines Vaters bereits Ende des 14. Jahrhunderts vor der Inquisition aus Spanien geflohen war. "Fremde" waren wir, weil wir der jüdischen Gemeinde angehörten, und zudem noch im Milieu der französischen Kultur lebten. Dieses Zusammentreffen verdoppelte die Besorgnisse angesichts unserer muslimischen Umwelt: diese war gegenüber Juden und dem ganzen jungen Staat Israel feindlich eingestellt und leistete Widerstand gegen den französischen Einfluss, von dessen Oberhoheit sich Marokko 1960 befreite. Als Kinder war meine und meiner Geschwister Bewegungsfreiheit eingeschränkt, man beobachtete die Umgebung, man fürchtete mögliche Angriffe. Später erfuhr ich, dass zu Beginn der 1960er-Jahre sehr viele Menschen Marokko verließen, vor allem viele aus der jüdischen Gemeinde, darunter beinah meine ganze Familie, die in die USA, nach Kanada, Europa und Israel auswanderte. Erst Jahre später wurde ich mir bewusst, dass in der Vorbereitung für die Flucht das Haus magnetisiert war von einer Atmosphäre der Heimlichkeit: Möbel wurden weggerückt, wurden weggebracht, weg von der eifrigen, stillen Aktivität, mit der die Reisekleider für das kalte Europa vorbereitet wurden. Denn in Paris und dann in Marseille wurde französisches Geld, wahrscheinlich auf dem Schwarzmarkt in Marrakesch eingetauscht, aus den Falten und Knöpfen unserer Jacken und Hosen befreit. Nach langen Monaten in Marseille beugten sich meine Eltern dem Drängen eines anderen Bruders, des ältesten, der gegen den Rat unserer französischen Onkel den zionistischen Traum verwirklichen und im Kibbuz leben wollte. Nach einigen langen Monaten machten wir uns auf nach Israel. Von Paris und Marseille bewahre ich Erinnerungen, Momentaufnahmen, die sich mit Fotos von Landschaften und Besuchen an unterschiedlichen Orten und bei verschiedenen Verwandten vermengen, alle aber gefärbt vom aufgeregtem Warten auf das Schiff, das uns an das Ziel bringen sollte, dass zwischen den älteren Geschwistern und den Erwachsenen – den Eltern, den Onkeln und Freunden, die in Europa, den USA und Kanada lebten – so sehr umkämpft war.
Der zweite prägende Moment: ein Jahr später, vielleicht am zweiten Tag im neuen Land, ich komme euphorisch von der Straße zurück ins Haus, mit einem einzigartigen Gefühl von Freiheit, öffne die Haustür und treffe auf denselben Bruder, diesmal jedoch traurig und in Tränen aufgelöst – ich hatte ihn nie zuvor weinen sehen. Gelehnt an den Türpfosten zwischen Küche und Wohnzimmer, sprach der Vierzehnjährige unter Schluchzen mit den ebenfalls immer bestürzteren Eltern über den Verlust seiner Heimat, von der ungeheuren Enttäuschung über dieses "Ende der Welt", an dem er nun gelandet war...
Früh, noch als Kind, trat ich ein in die Welt der Einwanderung, in der sich (in der ersten Szene) meines Bruders anfängliche Aufgeregtheit mit der meinen vermischt und in den Schmerzen der Enttäuschung überlebt hatte, die dem Heimweh (der zweiten Szene) innewohnten. Ich zitiere unten eine drei Jahrzehnte später aufgeschriebene Passage aus meiner Panorama-Erinnerung an die Zeit zwischen meinem siebten und 14. Lebensjahr:
"Ich wuchs in einem dieser Viertel auf, die an Feindesland grenzen und auch fern vom Stadtzentrum sind. Kein Kind wurde dort geboren, bevor ich und meine Familie ankamen. Es gab dort nur Einwanderer. Es war eins jener "Paradiese", von deren Existenz nicht zu wissen sich Gott nie gestatten würde oder die zu vergessen ihm nie einfiele. Fruchtbares Land für jene Pioniere, die schließlich die illustren Seiten der Geschichte füllten und in deren Blut die Ideologie kocht, die, obwohl aufrichtig, in der Praxis blind, rau und dumm ist, eine Ideologie, die die Geschichte, die Träume und die Leidenschaften – das ganze Leben – jener missachtet, die sie für die Verwirklichung ihrer Utopie zu opfern vorgibt.,
Dort entstand jedoch viel Leben – was jemand, der von oben herabblickt, nicht vorhersehen kann: viele Sprachen, acht oder mehr, die ich noch identifizieren kann; Gerüche, Bräuche, Facetten von Lebensformen und von religiösen Praktiken sowie andere Unterschiede innerhalb eines kuriosen Spektrums, das bei den jüdischen Traditionen Osteuropas beginnt und bis zu jenen Traditionen reicht, die in den Gemeinschaften der nordafrikanischen Länder entwickelt wurden; ganz zu schweigen von jenen Traditionen, die von unseren Nachbarn von der anderen Seite der Grenze – dem Feind – herkamen, jenen Nachbarn, deren Stimmen, Lieder, Düfte und Lichter uns in der Abenddämmerung erreichten, wenn die Nacht über der kleinen Gemeinde zu schweben begann, die nichts von der Ideologie wusste, die ihr Schicksal bestimmen sollte...
Eine fremde Ideologie, die vorgab, aus dem Land einen "melting pot" zu machen, die jedoch in Wirklichkeit das Gegenteil tat, nämlich dessen Immigranten, dessen Zukunftsgeneration, innerlich und äußerlich zu isolieren."[1]
Diese beiden Szenen – die Szene der Vorfreude und die Szene der Enttäuschung, die Szene der Entdeckungslust und die Szene des Heimwehs – definieren die Erfahrung des Immigrant-Seins. Und dies bewahrheitet sich auch, wenn die erwähnte Verbindung zwischen den beiden Seelenzuständen, wie in der von mir zitierten Erinnerung, durch das Gewicht besonderer politischer, sozialer und persönlicher Umstände beeinflusst ist. Die Hinwendung zum Fremden in der Sicherheit des Vertrauten ist Teil der Trauerarbeit, in der beständig um den Zugang zu den Versprechungen und Genüssen der neuen Umgebung gekämpft wird. Einerseits gibt es da das Verlangen, die Erregung, die durch die Begegnung mit der neuen Welt und der neuen Sprache ausgelöst wird, andererseits gibt es Schübe von Heimweh, von Sehnsucht nach Ort und Zeit des Zuvor.
Die Erinnerungen an Kindheit und Jugend, einige verdeckt und andere gefärbt von dem, was Erwachsene sagten und bezeugten, brachten mich zu diesem Verständnis. Inzwischen tauchen
nachträgliche Erinnerungen auf, durch Bedenken und Überprüfen der Erfahrung, die sich aus meiner zweiten (oder ist es vielleicht die dritte?) und letzten Immigration ableitete, einer Immigration, die mich vor mehr als 30 Jahren, diesmal als junger Mann, nach Brasilien führte und mich mit einer neuen Sprache, einem neuen Land, einer neuen Kultur konfrontierte.
In Brasilien und in Lateinamerika ganz allgemein prägten eine Haltung von Respekt, Neugier und einer gewissen Verehrung während dreier Jahrzehnte und bis heute die Aufnahme und die Aufnahmebereitschaft für den Fremden, der vom alten und "kultivierteren" Kontinent kommt. Das kulturelle Bewusstsein Brasiliens und Lateinamerikas und dessen Verbindungen zur Kolonialgeschichte formen diese Haltung gemäß der paradoxen Identifikation mit der "ersten Welt" und der Verachtung für die "dritte Welt", in der man lebt und der man angehört. Dennoch verringert diese Herzlichkeit in der Mittel- und Oberschicht der Aufnahmegesellschaft den Zwiespalt nicht, den der Immigrant in Hinblick auf seine Umgebung empfindet. Denn es gibt etwas schwer Fassbares in diesem brasilianischen Milieu, mit dem wir engen Kontakt hatten, was die psychische Arbeit des Immigranten noch vergrößert. Die paradoxe Identifikation des Lateinamerikaners ist sicher ein Anzeichen für die schwache Verbindung mit eigenen Institutionen. Die Geschichte der politischen Instabilitäten in der Region, die Korruption usw. bauten Identifikationen mit Eliten auf, die sich abbilden in der Reifikation von Familiennamen, in der Wertsteigerung ihrer Ländereien und anderer Erbstücke, in der Verachtung für Arbeit, im Rassenvorurteil, usw. Es genügt, die Fernsehnachrichten der letzten Jahrzehnte zu verfolgen, die das wichtigste kulturelle Vehikel für die Massen in diesem Land sind, um diese Identifikationsachse zu überprüfen. All dies schuf eine Diskrepanz, die den Abstand des Fremden von diesem Milieu kolonialer Wurzeln und Laster noch vergrößert. Dies kann dem Fremden noch größere Ungebundenheit in seiner kulturellen und ökonomischen Kreativität bescheren. Die kulturellen Sensibilitäten Lateinamerikas einerseits und eine gewisse Befangenheit in reifizierten sozialen Werten andererseits lassen ein freieres Terrain für die Auseinandersetzungen des Immigranten mit der neuen Umgebung, der neuen Heimat. Andererseits stützen dieselben lateinamerikanischen Bedingungen teilweise romantische Besorgnisse "um die Natur", um die "ursprünglichsten" und unschuldigsten Teile der Region und um die "einheimischsten" Fragmente dieses Kontinents. Meiner Ansicht nach sind diese Bestrebungen zum Teil Ersatz für die Verbindungen des Immigranten zu seiner Herkunft. Sie ermöglichen sozusagen ein nostalgisches Beenden der Trauerarbeit.
Migration, Emigration und Immigration stehen für geografische und demografische Verschiebung: ein Subjekt lässt sich in einem neuen und anderen Kulturkreis nieder. Dennoch wollen wir hier vor allem eine zeitliche Dimension hervorheben, nämlich die Arbeit der Zeit oder auch die seelische Arbeit, die spezifisch ist für das Immigrant-Sein. Ausgehend von persönlichen Erinnerungen an meine Immigrationen im Alter von 6-7 und von 25-26 Jahren und an mein Heimisch-Werden in unterschiedlichen Kontinenten, Kulturen und Sprachen, konnte ich – wiederum unter zeitlichem Blickwinkel,
nachträglich – eine doppelte Bewegung unterscheiden. Eine Bewegung, die bevorzugt ist in der Position des Fremden – was nichts besagen will als dass sie ohne Schmerzen ist –, eine Bewegung von frischer Offenheit für neue und endlose Möglichkeiten der Aufnahme. Die andere Bewegung, die mühsam ist und mindestens ebenso lang anhält – manchmal sogar länger – ist eine Trauerbewegung zwischen Heimweh und Loslösung von den eigenen Ursprüngen. Diese Arbeit der Zeit und ihre für jeden Immigranten einzigartigen Merkmale und Ziele sind indessen abhängig vom und eingeschrieben in den spezifischen kulturellen Kontext, in den man einwandert, tragen aber auch die besonderen Prägungen des Eingefügt-Seins in den kulturellen Kontext jenes Umfeldes, aus dem man ausgewandert ist.
Die doppelte Bewegung des Fremdseins, die, allgemein gesprochen, das ganze Spektrum jener Empfindungen erzeugt, die der Immigrant in der Konfrontation mit dem Leben im neuen Land durchlebt, gleicht in vielerlei Hinsicht dem Verlauf des analytischen Prozesses. Verschiedene Autoren und Arbeiten verbreiteten sich über diese Entdeckung des Unbewussten, wie sie der Lage des Fremden eigen ist. Was nicht die Absicht dieses kleinen Kommentars darstellte.
Wir wollen noch einmal zurückkehren zum Motiv und dem Beginn dieses Artikels, der sich auf Migrationsbewegungen infolge des syrischen Bürgerkriegs bezieht. Was den Westen in Zusammenhang mit wirtschaftlichen, demographischen und ethnischen Sensibilitäten zwang, sich mit – vor allem ethischen – Notlagen in diesen Einwanderungsbewegungen auseinanderzusetzen. Die tragischen Zwischenfälle, die prekären Bedingungen, unter denen unter anderem die Überfahrt stattfindet, waren immer schockierend und traumatisch, sind es noch und werden es immer sein! Die spektakulären Bedingungen des aktuellen Zuschauers, der es gewohnt ist, die "Weltereignisse" in Echtzeit oder beinah auf öffentlicher Bühne zu verfolgen, lassen das Leben des Subjekts zur Masse verkommen oder tendieren dazu, es aus dem Blickfeld und dem Empfinden zu löschen – das Leben dieses Subjekts, das unser Nächster ist, unser
Nebenmensch (sic), der Immigrant.
Es ist nicht übertrieben, hier an Freud zu erinnern, der immer auf das
Schicksal als wesentlichen Faktor für das Seelenleben hinwies. Das Schicksal des Ursprungsobjekts (des Erwachsenen) betrifft nicht nur den, der dieses Objekt war und wie es uns zu Beginn unseres Lebens empfing, sondern auch den kulturellen Kontext, der es entsendet hatte und in den es uns entsendet, in dem das erworbene Repertoire erprobt wird und wo sich neue Schicksale eröffnen. In keiner Immigrationsbewegung, vor allem nicht in einer, die einer Gruppe durch die Zuspitzung politisch-sozialer und religiöser Krisen aufgezwungen wird, werden die Immigranten vom bösen Schicksal des plötzlichen Schocks verschont: die subjektive Lage verdankt sich dem kulturellen Hiatus, in dessen Leere die aus dem Heimatboden gerissenen Wurzeln keinen neuen Halt finden und man an einer Begegnung mit einer neuen und unsicheren Heimat verzweifelt. Eine Lage, in der die Untauglichkeit des Sprechens und der Sprachen, der Werte und Bräuche, und die damit verbundene Scham, Erniedrigung und Auflehnung das Leben der ersten Generationen bedroht. Krise, Instabilität und Unsicherheit jeder Art sind weit verbreitet, ebenso wie auch die Marginalisierung in Krankheit, geistiger Zerrüttung, Isolation und Gewalt in dem Szenario nicht fehlt, das prägend ist für einen beträchtlichen Anteil der Gemeinschaft der Immigranten. Und indessen ist das Schicksal des Emigranten und des Immigranten nicht immer ganz und gar übel, sondern oft im Gegenteil. Vor allem vom Standpunkt einer Wiederherstellung der Generationenfolge ist Immigration ein Schicksal des Individuums, ebenso wie sie für die Kollektive in der Neubelebung, in der Erneuerung des Lebens des Subjekts und der einzelnen Kulturen ein Schicksal der aufnehmenden Nationen ist. Migrieren, emigrieren und immigrieren bedeutet, das Leben in Gang zu halten, heißt ihm Zeit und die Geschichte des Subjekts und der Kulturen einzuflößen.
* Ordentliches Mitglied und Lehranalytiker der SBPSP und Präsident der FEBRAPS.
[1] Siehe S. 202 meines Buches
Torções na razão freudiana (Unimarco, São Paulo, 2005) oder im Originalartikel aus dem Jahr 1998, “O especialista, especificidade da alma”,
Revista Percurso 22, S. 24
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