Von der Post-Wahrheit zur Post-Empathie?

Dr. Todd Essig
 

Folgt auf die Post-Wahrheit mit dem Übergang von Print zu Digital in der Informationsarchitektur die Post-Empathie? Wenn ja, kann die Psychoanalyse den Schaden mindern? Vielleicht liegt es ja an uns.

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Post-Wahrheit und Post-Empathie sind offensichtlich ein Zeichen für eine grundlegende Veränderung im Bereich der Publizistik und des Journalismus, worin sich aber gleichzeitig auch eine generelle Trendwende offenbart. Nach Ansicht zweier Wirtschaftswissenschaftler, bei denen es sich übrigens um Vater und Sohn handelt (Susskind & Susskind, 2015), haben sich gegenwärtig sämtliche Professionen der Herausforderung einer sich von Grund auf verändernden Zukunft zu stellen. Alle möglichen Berufe sind davon betroffen, angefangen vom Bereich der Publizistik bis hin zum Bereich des Rechts, der Beratung und Gesundheitsfürsorge (und ja, es betrifft natürlich auch die psychoanalytische Behandlung). Die beiden Autoren sind der Auffassung, dass Künstliche Intelligenz (KI), Big Data und globale Vernetzung die berufliche Praxis auf eine tiefgreifende Weise verändern werden, wobei es um weit mehr als bloße Leistungs- und Effizienzsteigerung geht. Es wird vielmehr darauf hinauslaufen, dass die Menschen (also wir alle!) mit einer fundamental veränderten Zukunft zurecht kommen müssen, in der die zuvor ganz spezifisch und individuell auf den Einzelnen abgestimmten professionellen Dienstleistungen immer mehr von technologiegestützten Systemen und Maschinen übernommen werden.
 
Unter diesem Blickwinkel betrachtet sind Post-Wahrheit und Fake News lediglich eine unter vielen anderen Folgeerscheinungen innerhalb eines Berufsstandes – des Journalismus – der sich nunmehr krampfhaft und verzweifelt darum bemüht, auf der Höhe der Zeit zu bleiben, um nur ja mit dem sich von Print zu Digital wechselnden gesellschaftlichen Trend innerhalb der Informationsarchitektur Schritt zu halten. Vergleichbare Veränderungen machen sich tendenziell in allen Berufszweigen bemerkbar. Folglich werden wir mit Sicherheit auch in anderen Bereichen, also auch dem unseren, ähnlich gravierende Umwälzungen zu spüren bekommen. Deswegen frage ich: Was wird demnächst noch als „Post-“ oder „Fake“ auf uns zukommen? Was wird nach dem Verfall und Niedergang von Fakten und Wahrheit sonst noch auf der Strecke bleiben? Was für andere Werte und wichtigen Erfahrungen werden dem digitalen Fallbeil in der Zukunft zum Opfer fallen? Und was können wir von den derzeitigen Anpassungsschwierigkeiten des Journalismus möglicherweise lernen?
 
Ich würde die Behauptung wagen, dass in diesem Zusammenhang der Empathie, welche ja in der Ich-Du Beziehung der zeitgenössischen Psychoanalyse einen so hohen Stellenwert einnimmt (Buber, 1970/1923; Greenber & Mitchell, 1983), tatsächlich eine Schlüsselfunktion zukommt, und zwar gerade jetzt, wo wir im Begriff stehen, in so vielen unterschiedlichen Bereichen mehr und mehr „Post“ zu werden. Ebenso wie sich der Journalismus im Zuge des gesellschaftlichen Wandlungsprozesses hin zu einer digitalen Informationsarchitektur mit einem stetigen Zuwachs von Fake News und Post-Wahrheit konfrontiert sieht, so haben auch wir im Bereich der psychischen Gesundheitsfürsorge, einschließlich der psychoanalytischen Behandlungspraxis, zu konstatieren, dass die Empathie in zunehmendem Maße Gefahr läuft, auf der Strecke zu bleiben. Nun möchte ich nicht gerade behaupten, dass wir kurz davor stehen, in so etwas wie Post-Empathie und künstliche Intimität abzugleiten, obschon ich tatsächlich befürchte, dass wir uns tendenziell bereits auf dem Weg dorthin befinden (Essig, Turkle und Russell, 2018). Ich würde sagen, dass sich die Psychoanalyse derzeit an einem Scheideweg befindet, an dem uns immer noch die Möglichkeit offensteht, der Ausweitung von Post-Empathie und künstlicher Intimität effektiv entgegenzuwirken, bevor es dann möglicherweise tatsächlich zu spät sein wird. Wir leben gegenwärtig in gewisser Hinsicht in einer privilegierten Zeit, die uns die Chance bietet, einerseits die Vorzüge eines kulturellen Übergangs in eine digitale Informationsarchitektur willkommen zu heißen und zu nutzen, und andererseits aber auch dafür zu sorgen, uns die für uns Menschen so lebenswichtige und schützenswerte Möglichkeit der durch direkte und persönliche Kommunikation – d.h. nicht-technologisch – vermittelte Empathie und Intimität auch weiterhin zu bewahren. Es wird vermutlich ein langer und mühsamer – vielleicht sogar unmöglicher – Weg sein, bis dahin zu gelangen, wo eine solche „Sowohl-als-auch“ Haltung in der psychoanalytischen Community auf breiter Basis Akzeptanz findet, obwohl es meiner Ansicht nach im Wesentlichen von eben dieser Akzeptanz abhängig sein wird, ob es uns schlussendlich gelingt, innerhalb der psychoanalytischen Community die für uns alle bestmöglichen und zukunftweisenden Entscheidungen zu treffen.
 
Natürlich sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass die Tatsache, dass wir von Post-Wahrheit sprechen, nichts daran ändert, dass es objektiv gesehen auch weiterhin Fakten und Wahrheiten gibt (genauso wie es auch in einem Klima von Post-Empathie weiterhin wirkliche Empathie geben wird). Es ist nur so, dass den „tatsächlichen Fakten“ in unserer heutigen Welt nicht länger diejenige Bedeutung beigemessen wird, die sie früher einmal ganz selbstverständlich für uns alle hatte. Die Wahrheit nimmt nicht mehr den selben hohen Stellenwert ein wie einst. Den traditionellen Fachjournalismus gibt es heute nicht mehr, i.e. die „freie Presse“ als demokratisches Vorzeigeschild, der die Aufgabe zukam, aus der Informationsfülle nach objektiven Kriterien die Realität herauszufiltern – wobei es noch oberstes Gebot journalistischer Ethik war, sich stets der Wahrheit verpflichtet zu fühlen. Den traditionellen Ikonen der Medien konnte man noch Glauben schenken und weitgehend vertrauen, wenn sie unliebsame und unbequeme Wahrheiten publizierten. Und auf einige wenige trifft dies auch heutzutage noch zu. Aber soziale Netzwerke, künstliche Intelligenz (KI), dezentralisierte Vertriebskanäle, verschärfter Wettbewerbsdruck in Unternehmen und nicht zuletzt die Mühelosigkeit und Einfachheit, mit der anhand von einigen wenigen Mausklicks von der Wahrheit nicht (oder nur schwerlich) zu unterscheidende Falschmeldungen in die Welt gesetzt werden können, haben mittlerweile eine Medienlandschaft entstehen lassen, in der die Realität manipuliert wird, um auf eben diese Weise Vorurteile zu bekräftigen und die Identität bestimmter Bezugsgruppen zu stärken. Hauptsache ist, die Dinge erscheinen irgendwie „wahr“, denn letztlich kommt es nur darauf an, sich die Bestätigungsfehler zunutze zu machen, um dadurch möglichst viel Aufmerksamleit zu bekommen, d.h. gewissermaßen zum „Blickfang“ zu werden. Natürlich gibt es auch heute noch Journalisten, die tatsächlich auf der Suche nach Wahrheit und realen, überprüfbaren Nachrichten sind. Aber die Medienikonen von heute sind dennoch in überwiegendem Maße darauf aus, zu unterhalten, zu beschwichtigen und die bereits bestehenden Vorurteile zu bestätigen. Unangenehme Wahrheiten werden einfach als Fake News abgetan. Die ursprüngliche, ethisch so anspruchsvolle Zielsetzung des Journalismus ist dabei weitgehend auf der Strecke geblieben.
 
Von 2007 bis zum Ausbruch der Pandemie konnte ich regelrecht mitverfolgen, wie der Journalismus von innen heraus verwahrloste und sich sukzessive von der Wahrheitssuche abkoppelte, was dazu führte, dass er sich immer weniger der Wahrheit verpflichtet fühlte. Neben meiner psychoanalytischen Praxis schrieb ich seinerzeit mehrere hundert Kolumnen, in denen ich hauptsächlich zu Fragen und Belangen der Technologie und Gesundheitsfürsorge Stellung nahm, wobei ich zunächst für ein Nachrichten-Start-up schrieb, das sich True/Slant nannte, und später dann für Forbes, nachdem ersteres von Forbes aufgekauft worden war (Essig, 2020). Was ich im Zuge dessen kennenlernte, war eine sich im Niedergang befindliche Profession, die sich noch nicht vom Schock der digitalen Revolution bzw. Transformation erholt hatte, wo nunmehr jedwede Version von Realität innerhalb von Sekunden mit einem einzigen Mausklick verfügbar war. Autoren und Herausgeber hatten ihre Mühe, sich in diesem neuzeitlichen Wettbewerbsdschungel zurechtzufinden und sich jede nur mögliche Aufmerksamkeit zu ergattern. Ich war also einer von ihnen und wurde dementsprechend nur häppchenweise bezahlt, und zwar je nachdem, wie viele und welche Leser meine Artikel angeklickt und sich angeschaut hatten.
 
Schon recht früh begann ich mit zwei anderen Autoren [1] zusammenzuarbeiten, um hinter die Geheimnisse der SEO (search engine optimization), also der Suchmaschinenoptimierung, zu gelangen. Dabei wollte ich vor allem herausfinden, wie sich etwas möglichst schnell und effektiv im Netz „viral“ in Umlauf bringen und verbreiten lässt. Im Zuge dessen hielten wir dann ständig Ausschau nach unseren Zustimmungswerten, wobei wir Glücksmomente erlebten, wenn die angeklickten Zahlen in die Zehn- oder Hunderttausende oder gar noch darüber hinaufkletterten, wohingegen wir betrübt waren, wenn ein Artikel, auf den wir vielleicht sogar besonders stolz waren, sich offensichtlich keiner großen Beliebtheit erfreute. Im Nachhinein ist mir dann ziemlich klar geworden, was passiert, wenn man Jagd auf die Zustimmung der „Endnutzer“ macht: ignorierte bzw. ausgeblendete Wahrheiten üben denselben Einfluss aus wie Wahrheiten, die ganz bewusst von der Berichterstattung zurückgehalten werden; und all diejenigen Wahrheiten und wirklichen Nachrichten, die mit bereits bestehenden Überzeugungen und Vorurteilen kollidieren, werden ohnehin ignoriert. Ich merkte, die Leute verloren das Interesse an den Fakten, sobald sie diese einmal zur Kenntnis genommen hatten, geschweige denn, dass sie deren Realität anzuerkennen bereit gewesen wären, insbesondere dann, wenn dies mit einem, wenngleich nur geringfügigen Unbehagen einherging. Und außerdem, warum sollten sie sich überhaupt der Mühe unterziehen, eine auch nur ansatzweise unangenehme Realität anzuerkennen, wenn es doch so unglaublich einfach war, nur einen Klick weiter eine genauso plausibel erscheindende Version der Wahrheit zu finden, die einem sogleich ein gutes Gefühl vermittelte, was einen selbst, das eigene Leben sowie die eigenen Entscheidungen betrifft. Und folglich ist es offensichtlich so, dass in unserer von Post-Wahrheit und Fake News geprägten Welt die einzige allgemein anerkannte Berichterstattung diejenige ist, die uns „Wahrheiten“ anbietet, die wir hören wollen.
 
Nun glaube ich, dass der Empathie in der Zukunft ein ganz ähnliches Schicksal der Abwertung bevorsteht, womit die Menschen dann immer mehr das Interesse daran verlieren Erfahrungen zu machen, bei denen sie auf ganz persönlichen Begegnungen beruhende Vertrautheit und Intimität erleben, ohne dass sie sich dessen überhaupt noch wirklich gewahr wären, was sie dadurch einbüßen. Wie und auf welche Weise kann so etwas passieren? Ich denke, die Empathie wird Schritt für Schritt mit schlafwandlerischer Sicherheit zu einer Sache der Vergangenheit werden, anders gesagt, sie wird in einer Art von schleichendem Prozess „Post-„ werden, und zwar deswegen, weil man es sich auch hier wie im Fall der Wahrheit möglichst einfach und bequem machen will. Irgendwann werden die im Fall der Empathie zeitaufwendigen, nicht selten turbulenten und schwierigen in uns Menschen ablaufenden inneren Prozesse schlichtweg als obsolet und unzeitgemäß angesehen werden, und darüber hinaus als zu ineffizient, verglichen damit, was durch auf Big Data basierender künstlicher Intelligenz (KI) erreichbar erscheint. Demzufoge lassen sich zwei, miteinander korrelierende Hauptantriebskräfte für das Entstehen einer von KI geprägten post-empathischen Welt künstlicher Intimität bestimmen: zum einen die schwindende Wertschätzung von auf persönlichen, zwischenmenschlichen Erfahrungen gründender Empathie, und zum anderen die rasant fortschreitenden Entwicklungen auf dem Gebiet der Technologie (Essig, Turkle und Russell, 2018). Dies führt uns zu den für uns Analytiker so zentralen Fragen: Werden wir es passiv über uns ergehen lassen und einfach hinnehmen, dass das Ich-Es das Ich-Du in einer Flut von technologie-gespeisten Simulationen von Empathie ertränkt? Oder versuchen wir ernsthaft herauszufinden, was dagegen zu tun wäre?
 
Beispiele für erste Versionen von Post-Empathie gibt es ja bereits mehr als genug. Gewohnheitsbildende bzw. suchterzeugende Simulationen von empathischem Verstehen werden uns ganz einfach untergeschoben, und zwar etwa in der Schrecksekunde der Erkenntnis, in der wir plötzlich merken, dass uns beim Online-Shopping etwas zum Kauf angeboten wird, von dem wir nicht einmal selbst wussten, dass wir es wollten. Man stelle sich diesen Moment des Ertapptwerdens vor, wo wir nicht etwa dann ein Gefühl von Anerkennung erleben, wenn uns ein Freund, sondern der eigene Spotify-Account einen neuen Künstler empfiehlt, der uns Freude und Vergnügen verspricht, für den Fall, dass wir uns dafür entscheiden, dieses Produkt zu erwerben. Es geht hier übrigens um dasselbe Vergnügen, das uns dieindviduell auf uns abgestimmten Tiktok-Videos bereiten, oder die uns von Netflix als unsere absolute Lieblingssendung empfohlene neue Show (Pieracccini, 2021; Schrage, 2020).
 
Aber die Erscheinungsformen von Post-Empathie gehen heutzutage bereits weit über diese uns mittlerweile schon vertrauten und leistungsstarken Empfehlungsmaschinen hinaus. Es gibt heute bereits unterschiedlichste Beziehungs-Simulatione [2]. Replika [3] ist beispielsweise ein KI-gesteuerter Chat-Bot-„Freund“. Die Website verspricht: „Der KI-Begleiter, der sich um dich kümmert. Immer da, um dir zuzuhören und mit dir zu sprechen. Immer an deiner Seite“. Viele Menschen unterhalten bereits einen intensiven emotionalen Austausch mit dem Programm, was sogar soweit geht, dass manche Männer KI-Frauen kreieren, nur um sie dann verbal zu attackieren und zu beschimpfen (Bardhan, 2022). Und etwas, das ganz speziell zur psychischen Gesundheitsbetreuung bereitgestellt wird, ist Woebot [4], ein KI-gesteuerter Chat-Bot, der kognitive Verhaltenstherapie (CBT) anbietet, bei der kein wirklicher Mensch als Therapeut beteiligt ist. Diese Website avisiert doch tatsächlich stolz: „Willkommen in der Zukunft der psychischen Gesundheitsfürsorge“. Außerdem gibt es da auch noch Elle [5], einen KI-gesteuerten Video-Avatar, der darauf abgestimmt ist, unter Depressionen und post-traumatischen Stress-Syndromen leidende Veteranen zu behandeln. Wir stellen also fest, dass es bereits heute eine bestimmte Art von therapeutischer Beratung gibt, ohne dass dabei am anderen Ende der Internetverbindung ein menschliches Gegenüber beteiligt ist. Und in dem Maße wie Fake- und Video-Simulationstechnologien immer photorealistischere Bilder und Darstellungen zu produzieren in der Lage sind, wird es immer einfacher, etwas vorzutäuschen und sich damit im Gegenzug immer weniger Gedanken darüber zu machen, ob man es in der Sitzung nun mit einem anderen Menschen zu tun hat oder aber lediglich mit einem KI-Programm als „Provider“. Auch wenn das heute vielleicht noch wie eine Schreckensvision bzw. dystopische Science Fiction anmutet, viel zu absurd, um in der Zukunft wahrscheinlich oder gar möglich zu werden, so bin ich dennoch der Ansicht, dass sich Menschen mit Interesse für die Psychoanalyse in nicht allzu ferner Zukunft für eine gewisse Art von Tele-Analyse entscheiden, genauer gesagt für eine Tele-Analyse, die nicht von einer wirklichen Person, sondern von einer KI-gesteuerten Maschine zur Verfügung gestellt wird.  
 
Natürlich wird von einer KI-Simulation auf dem Bildschirm niemals dieselbe kreative, intuitive und genuine Kraft ausgehen, wie sie die menschliche Zuwendung eines Psychoanalytikers zur Verfügung zu stellen vermag, sei es nun durch die direkte Begegnung im Behandlungszimmer oder auch möglicherweise indirekt über den Bildschirm. Aber dieser Einwand hilft uns nicht wirklich weiter, um besser zu verstehen, worum es in der hier vorliegenden Diskussion eigentlich geht, denn tatsächlich führt dieser Einwand am wesentlichsten Punkt der Lektion vorbei, die uns die Post-Wahrheit zu lehren imstande ist. Damit Post-Empathie triumphieren kann, ist es nämlich keineswegs notwendig, dass die Technologie uns eine von der Wirklichkeit ununterscheidbare Simulation liefert. Die Post-Wahrheit liefert uns ganz von selbst den Beweis dafür, dass viele Menschen, die eine post-empathische, durch KI-gesteuerte on-Screen Behandlung anstreben, dies nicht aus dem Grunde tun, weil sie diese von einer von einem wirklichen Menschen zur Verfügung gestellten on-Screen Behandlung nicht unterscheiden könnten, sondern es ist in Wirklichkeit vielmehr so, dass in dem Moment, in dem man sich erst einmal für eine solche on-Screen Behandlung entschieden hat, von dem, was man als so viel einfacher und bequemer empfindet, eine solch unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeht, dass man am Ende nichts anderes mehr will bzw. sich vorzustellen vermag (Alter, 2017). Sobald die Menschen sich erst einmal daran gewöhnt haben, dass sich die on-Screen Therapie für sie nicht mehr wirklich von einer auf der persönlichen Begegnung mit einem anderen Menschen basierenden Therapie unterscheidet, werden sie aufhören nach dem zu suchen, was eine wirkliche therapeutische oder psychoanalytische Behandlung erst ausmacht. Man könnte es folgendermaßen formulieren: Wenn der einzigartige Wert genuiner, vollkommen verkörperter Empathie immer weniger wahrgenommen und anerkannt wird, dann werden viele Menschen immer häufiger den einfacheren Weg gehen, d.h. sie werden den ausgeklügelten, bequemen und kostengünstigen Therapien, die von KI-Programmen gesteuert werden – wie beschränkt diese letztlich auch immer sein mögen - den Vorzug vor einer durch eine andere Person durchgeführten Behandlung geben - und zwar wohlgemerkt vor allem deswegen, weil sie es verlernt haben werden, vermittels der eigenen emotionalen Erfahrung zu erleben und zu begreifen, dass die vielen erfüllenden und turbulenten Erfahrungen, die eine vollkommen und gegenseitg verkörperte Empathie zuallererst ausmachen, unverzichtbar zu einer psychoanalytischen Behandlung dazugehören.   
 
Wie diejenigen Journalisten, die den Kampf noch nicht aufgegeben haben, Fakten und Wahrheit bei ihrer Berichterstattung zu schützen, so sollten meiner Ansicht nach gerade auch wir als Psychoanalytiker uns ganz besonders für die Anerkennung und Wertschätzung von voll verkörperter Empathie einsetzen, d.h. für diejenige Empathie, die aufbaut auf affektivem Attunement, impliziten Imitationsvorgängen, interaktiven Synchronitäten, gemeinsamen Beziehungserfahrungen von Geben und Nehmen und vielen anderen Prozessen mehr. Mit anderen Worten, wir sollten uns aus Überzeugung für eine Empathie einsetzen, die nur auf der Grundlage und vermittels einer realen und direkten Begegnung von Menschen realisierbar ist und eben nicht via Bildschirm. Diesbezüglich möchte ich nochmals auf die Bedeutung der zuvor bereits erwähnten Akzeptanz einer „Sowohl-als-auch“ Haltung verweisen. Ich glaube nämlich, der einzige Weg, wie wir uns Empathie auch in Zukunft erhalten können, besteht darin, dass wir auf der einen Seite all die Möglichkeiten und Vorteile ausschöpfen und nutzen, die uns durch die sich ständig weiterentwickelnde digitale Informationsarchitektur angeboten werden, und dass wir auf der anderen Seite aber gleichzeitig die Unantastbarkeit empathischer Verbindungen anerkennen und nach Kräften zu schützen versuchen, weil wir als Analytiker potentiell mehr als alle anderen über ein tieferes Wissen verfügen, dass eine wirklich empathische Verbindung nur unter der Voraussetzung zustandekommen kann, dass zwei oder mehr Menschen körperlich gemeinsam am selben Ort und in derselben Zeit präsent sind.
 
Ob unsere Professsion eine Zukunft hat oder nicht, wird möglicherweise von dieser „Sowohl-als-auch“ Haltung abhängig sein. Zwei Risiken kommen mir dabei in den Sinn, die wir keinesfalls aus dem Auge verlieren sollten. Zum einen müssen wir uns wirklich bewusst zu machen versuchen, was eine on-Screen-Begegnung im Unterschied zu einer persönlichen Begegnung in einer therapeutischen Beziehungskonstellation nicht zu vermitteln und zu ermöglichen vermag. Wenn uns dies nicht gelingt, dann machen wir, ob wir es wollen oder nicht, unweigerlich einen Schritt in Richtung einer post-empathischen Welt von KI-gesteuerter psychischer Gesundheitsfürsorge, d.h. letztlich auch einer Psychoanalyse ohne Psychoanalytiker. Bei Durchführung einer Tele-Analyse oder Tele-Therapie sollte in jedem Fall ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht werden, welche Unzulänglichkeiten und Grenzen dies in organisatorischer sowie klinischer Hinsicht unweigerlich mit sich bringt [6]. Doch andererseits können wir der Entwicklung in Richtung einer post-empathischen Welt auch dadurch Vorschub leisten, dass wir es versäumen, die mögliche Vielfalt und Tiefe einer on-Screen Behandlung entsprechend zu würdigen. Dies wäre etwa mit einer Nachrichtenorganisation vergleichbar, die darauf besteht, dass Papier und Druckerschwärze unverzichtbar sind, um die Zeitung zu einer Zeitung zu machen. Damit die Psychoanalyse auch in Zukunft überleben und weiterbestehen kann, müssen wir uns als Psychoanalytiker also möglicherweise dazu durchringen, einen radikalen „Sowohl-als-auch“ Standpunkt einzunehmen: einerseits für die mit der technologischen Entwicklung einhergehenden Versprechen offen sein und andererseits unmissverständlich diejenigen Möglichkeiten hervorheben, die mittelbar und unmittelbar an die Voraussetzung gebunden sind, dass zwei oder mehr Menschen leibhaftig in einem Raum beisammen sind.  
 
Bedauerlicherweise findet diese „Sowohl-als-auch“ Haltung in der Psychoanalyse aktuell noch keine breite Akzeptanz. Zahlreiche Analytiker sprechen sich stattdessen entweder für die eine oder die andere Seite aus. Manche weigern sich schlichtweg, sich auf diese Welt, wie sie heute nun mal ist, wirklich einzulassen.  Als Mitglied der IPA-Arbeitsgruppe zur Fernanalyse in der psychoanalytischen Ausbildung weiß ich davon zu berichten, dass es aktuell viele Kollegen gibt, die unmissverständlich und leidenschaftlich für die eine und dafür umso rigoroser gegen die andere Seite plädieren; ihr Standpunkt lautet, wenn man körperlich nicht gemeinsam in einem Raum präsent ist, dann kann auch keine wirkliche und echte Psychoanalyse durchgeführt werden. Ich denke, wenn wir als Psychoanalytiker weiterhin auf diesem rigorosen Standpunkt beharren, dann sind wir nicht viel anders als seinerzeit diejenigen Mönche nach der Erfindung des Buchdrucks, die ausschließlich die von Hand kopierten Schriften gelten ließen. Anstatt der Psychoanalyse zu nutzen, schaden wir ihr dadurch lediglich, weil wir uns auf diese Weise den Weg verbauen, uns die potentiell nutzbringenden Möglichkeiten der digitalen Informationstechnologie zu erschließen, was uns in der Folge nur umso weiter von den Menschen entfernt, die von einer psychoanalytischen Behandlung, wie wir sie anzubieten haben, möglicherweise profitieren könnten.  
 
Doch es gibt umgekehrt auch solche, die sich vorbehaltlos auf die aktuell verfügbaren technologischen Möglichkeiten stürzen, ganz offensichtlich ohne sich wirklich darüber im Klaren zu sein, in welch seichte Gewässer sie sich damit begeben. Als Beispiel hierfür mögen die vor Kurzem von der APsaA genehmigten Standards und Richtlinien dienen. Darin werden explizit nur die Vorteile des Fernunterrichts und der Fernanalyse für die psychoanalytische Ausbildung hervorgehoben, was die Tele-Analyse für Ausbildungskandidaten als eine Möglichkeit unter vielen anderen anerkennt. Dies wiederum lässt die verkörperte Anwesenheit von zwei oder mehreren Personen an einem Ort als irrelevant erscheinen – vielleicht sogar als eine überflüssige Unannehmlichkeit – was uns der post-empathischen Welt einen weiteren Schritt näher bringt.
 
Abschließend möchte ich sagen, dass die aus der Erfahrung von Post-Wahrheit und Fake News zu lernende Lektion vielleicht folgendermaßen zusammengefasst werden kann: Sofern wir uns wirklich ernsthaft gegen die mehr als wahrscheinliche Ausweitung von Post-Empathie in unserer Welt zur Wehr setzen wollen, sollten wir nicht dort Flagge zeigen und kämpfen, wo die Unterschiede zwischen einem Computerprogramm-generierten und einem Personen-generierten Bildschirm-Bild ohnehin offensichtlich und augenfällig sind. Der entscheidende Unterschied, auf den es wirklich ankommt, ist vielmehr derjenige zwischen einer on-Screen Behandlung und einer Behandlung, bei der der Psychoanalytiker und der Patient sich persönlich begegnen. Um diesem Unterschied gebührend Rechnung tragen zu können, genügt es jedoch nicht ausschließlich die Vorteile der altbewährten persönlichen Begegnung im Behandlungszimmer für die psychoanalytische Therapie hervorzuheben und zu rühmen, sondern es gehört heutzutage eben auch dazu, die nutzbringenden Anwendungsmöglichkeiten einer on-Screen Behandlung anzuerkennen und im Einzelnen zu erörtern - und zwar mit all den damit verbundenen unvermeidlichen Unzulänglichkeiten, Beschränkungen und Gefahren. Wenn wir es nicht sind, die sich für die auf persönlicher Begegnung gründende Empathie einsetzen, wer, so frage ich mich, soll es dann tun?
 
[1] Jeff McMahon schreibt über umweltfreundliche Technologie. Zu finden sind seine Beiträge auf http://forbes.com/sites/jeffmcmahon. David DiSalvo schreibt über Wissenschaft und Gesundheit. Seine Beiträge finden sich auf http://forbes.com/sites/daviddisalvo. Meine Beiträge sind nachzulesen auf https://www.forbes.com/sites/toddessig
[2] Eine besonders beängstigende Vision, wohin dies in nicht allzu ferner Zukunft führen könnte, siehe in Love and Sex with Robots von David Levy, worin der Weg in eine Zukunft beschrieben wird, in der die Einsamen, oder vielleicht auch nur die Interessierten, sich in ihre „emotional intelligenten“ Sexbots verlieben (siehe dazu auch Knafo & Bosco, 2016).
[3] Zu finden auf https://replika.ai
[6] Eine Beschreibung des paradoxen klinischen Tanzes, sich einerseits auf die technologisch-vermittelte psychoanalytische Beziehung mit einem Patienten einzulassen und sich andererseits gleichzeitig der damit einhergehenden Einschränkungen und Mängel bewusst zu sein, ist nachzulesen bei Essig and Russell, 2021.
 
Literatur
Alter, A. (2017). Irresistible: The Rise of Addictive Technology and the Business of Keeping us Hooked. Hamondsworth: Penguin.
Bardhan, A. (2022). Men are creating AI girlfriends and then verbally abusing them. Futurism. Downloaded 1/20/2020 from https://futurism.com/chatbot-abuse.
Buber, M. (1970). I and Thou (W. Kaufmann, Trans.). New York, NY: Charles Scribner & Sons. (Original work published 1923).
Essig, T. (2020). ‘Training Done? Write!’ A response to Alexander Stein. Psychoanalytic Perspectives, 17(2), 173-182.
Essig, T., & Russell, G. I. (2021). A report from the field: Providing psychoanalytic care during the pandemic. Psychoanalytic Perspectives, 18(2), 157-177.
Essig, T., Turkle, S. & Russell, G.I. (2018). Sleepwalking towards artificial intimacy: How psychotherapy Is failing the future. https://www.forbes.com/sites/toddessig/2018/06/07/sleepwalking-towards-artificial-intimacy-how-psychotherapy-is-failing-the-future/
Greenberg, J. R., & Mitchell, S.A. (1983). Object Relations in Psychoanalytic Theory. Cambridge, MA: Harvard University Press. 
Knafo, D., & Bosco, R.L. (2016). The Age of Perversion: Desire and Technology in Psychoanalysis and Culture. London: Routledge.
Levy, D. (2007). Love and Sex with Robots: The Evolution of Human-Robot Relationships (p. 352). London: HarperCollins.
Pieraccini, R. (2021). AI Assistants. Cambridge, Mass.: MIT Press
Schrage, M. (2020). Recommendation Engines. Cambridge, Mass.: MIT Press
Susskind, R. E. & Susskind, D. (2015). The Future of the Professions: How Technology will Transform the Work of Human Experts. Oxford University Press, USA.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck
 

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