Fake News®: „Mit geschlossenen Augen leben“

Dr. Eduardo Gastelumendi
 

Fake News hat es schon immer gegeben. Als Nachrichten aus der vernetzten Welt haben sie heute eine andere Qualität als früher. Sie sind Ausdruck von Abwehrprozessen, die die äußere Realität leugnen.

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Falschmeldungen hat es schon immer gegeben. Fake News sind  Falschmeldungen, und sie sind noch mehr: sie sind das Markenzeichen für etwas, das uns seit Beginn unserer Kultur begleitet hat, nämlich die Täuschung, die Lüge, die weitererzählt und als Wahrheit verbreitet wird. Heute, in unseren „wilden Zwanzigern“, sind es aber Falschmeldungen, die durch den massiven und schwindelerregenden Gebrauch sozialer Netzwerke, durch eine Kommunikation in Echtzeit, die buchstäblich immer zur Hand ist, eine neue Dimension erlangt haben. 

Zu dieser Situation hat die Psychoanalyse mit ihrer beinah 130-jährigen Erfahrung etwas zu sagen. Zunächst wollen wir uns an die Abwehrmechanismen erinnern.

Die von der Psychoanalyse entdeckten und kategorisierten Abwehrmechanismen spielen in unserem Denken und Fühlen eine zentrale Rolle. Einerseits sind einige dieser Mechanismen, wie etwa die Verdrängung, wichtig für die psychische Struktur, indem sie das alltägliche Leben ohne beständige Ausbrüche des Primärprozesses ermöglichen und erleichtern. Allgemein täuschen uns die Abwehrmechanismen, die wir unbewusst einsetzen, um uns vor dem seelischen Schmerz zu schützen, den die innere oder äußere Realität oder deren Verbindung erzeugt. Sie schützen uns nicht nur, sie können auch ein Hemmnis für die Entwicklung des Geistes darstellen, da eine psychische Entwicklung ja eine Arbeit voraussetzt, die darauf abzielt, einen gewissen Schmerz als real anzuerkennen und ihn zu ertragen.

Betrachten wir also den festen Glauben an FN® als Anzeichen eines massiven und kollektiven Einsatzes von Abwehrmechanismen in einem Zustand der Regression. Im Jahr 1921 veröffentlichte Freud seine Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse [1], in der er die seelischen Prozesse bei Individuen beschrieb, wenn sie Gruppen oder Volksmassen bilden. Heute existieren neben den traditionellen Massen auch virtuelle Massen. In den Jahren der Covid-19-Pandemie sind diese das vorherrschende Phänomen. Wir haben entdeckt, dass Präsenz keine notwendige Vorbedingung für kollektive Prozesse der Regression darstellt. Der verbreitete Glaube an Fake News bestätigt, dass virtuelle Massen ähnlich funktionieren wie reale Massen. Es gibt allerdings einige Unterschiede. In dem oben erwähnten Text zeigte Freud, wie die Individuen in einer Masse ihr Ich-Ideal auf den Führer projizieren, indem sie ihn idealisieren und sich von ihm abhängig machen. Im Unterschied zu den Prozessen in realen Massen und der Projektion des Ich-Ideals auf den Führer scheinen die Individuen in virtuellen Massen ihre Ängste und Befürchtungen auf einen gemeinsamen Feind zu projizieren, indem sie sich – durch die Echtzeit-Kommunikation und vielleicht auch durch das Fehlen der Körperlichkeit im Kontakt zwischen den Individuen – miteinander in noch regressiverer Weise vereinen. In traditionellen wie in virtuellen Massen sind die wichtigsten psychischen Abwehrmechanismen, die wirksam werden, die Projektion (der Umstand, anderen die eigenen unbewussten Emotionen und Absichten zuzuschreiben, einschließlich der Projektion des Ideals und – in virtuellen Massen – der „unheimlichen“ [2]. Aspekte der Individuen auf angenommene Feinde), die Verleugnung (die bedeutet, das etwas zugleich gewusst und nicht gewusst wird) und die Verwerfung (also die Unfähigkeit, etwas zu symbolisieren oder zu denken, wobei an dieser Stelle des Geistes ein Loch verbleibt, das sich mit Überzeugungen füllen kann, wie etwa jenen, die die FN® anbieten).  Diese Mechanismen sind in uns allen präsent, aber in einem Zustand der Regression (in unserem Fall: wenn man Teil einer Masse ist) verstärkt sich ihre Funktion. Der Glaube an FN® macht die Rolle von Abwehrmechanismen, die die äußere Realität verleugnen, sichtbar. Die Realität ist komplex und hat viele Ursachen; zudem spielt immer der Zufall eine Rolle. Der Glaube an FN® ist so, als schließe man die Augen und erfinde eine alternative, vertrautere Geschichte, an die man dann glaubt. Ich möchte diesen Punkt mit folgenden Versen von John Lennon aus dem Lied Strawberry Fields Forever (1967) veranschaulichen:

Living is easy with eyes closed
Misunderstanding all you see 
It’s getting hard to be someone, but it all works out
It doesn’t matter much to me. [3]

In der dritten Zeile spricht Lennon von der Schwierigkeit „jemand zu sein“. Es wurde angemerkt, dass FN® für jene sehr attraktiv sind, die in irgendeiner Weise am Rande der Gesellschaft stehen. Der Glaube an FN® und ihre Verbreitung ermöglichen es, sich als wichtiger und aktiver Bestandteil der Gesellschaft zu fühlen. FN® entwickeln eine sehr große Anziehungskraft, wie die New York Times vor vier Jahren schrieb:

Forscher des MIT fanden heraus, dass Menschen Falschmeldungen jenen Meldungen vorziehen, die der Wahrheit entsprechen, und dass deshalb Falschmeldungen raschere Verbreitung finden, eine größere und tiefere Reichweite haben als Meldungen, die der Wahrheit entsprechen; falsche Berichte wurden 70% häufiger mit anderen geteilt als wahre Berichte. 

Erinnern wir uns an das Sprichwort, wonach die Lüge süß, die Wahrheit aber bitter ist, da letztere Mut und Arbeit erfordert, um sie ertragen zu können. 

Neben dem Wunsch nach einer größeren gesellschaftlichen Teilhabe und neben den Abwehrmechanismen scheint die Bereitwilligkeit, an FN® zu glauben, den entscheidenden Einfluss zweier Persönlichkeitsstrukturen zu enthüllen: der paranoiden und der psychopathischen Persönlichkeitsstruktur. Sehen wir uns die erstere genauer an. Die Etymologie des Begriffs der Paranoia setzt einen Glauben an oder eine Überzeugung von etwas voraus, das „parallel“ zur Realität existiert, etwas, das möglich, aber ein Irrtum ist. Die Person kann vollkommen unrecht haben und gleichzeitig überzeugt sein, recht zu haben – also ganz außerhalb der Realität stehen -, oder sie kann teilweise unrecht haben, indem sie einer realen Tatsache einen viel höheren Wert oder ein viel höheres Gewicht zuerkennt, als diese tatsächlich besitzt [4]. Es wird also einem einzigen Agens die Ursache für eine Situation zugeschrieben, die das Ergebnis vielfältiger Faktoren ist. So gelingt es, etwas, das heftige Ängste auslöst, in Gewissheit zu verwandeln. Dann ist es nicht mehr nötig, noch weiter zu denken. Und etwas zu hinterfragen ist auch nicht mehr so wichtig. Es ist ja schon Gewissheit.

Paranoia erzeugt auch die Erfahrung, dass man selbst, das Subjekt, das Zentrum der Ereignisse und der Aufmerksamkeit und der Absichten der anderen ist. Da es sich um Reminiszenzen der frühkindlichen psychischen Organisation in den allerersten Lebensmonaten und -jahren handelt, tragen wir selbstverständlich alle einen paranoiden Kern in uns, der durch Regression in spannungsreichen Situationen reaktiviert werden kann.  Von da rührt die Gewissheit her, (von jemandem) betrogen und getäuscht zu werden, und auch die Notwendigkeit, die Schwindler und Verursacher des Übels zu finden. 

Viele der FN® werden absichtlich in Umlauf gesetzt, auch wenn es unterschiedlichen Faktoren geschuldet ist, dass sie viral werden. In der Geschichte sehen wir, dass die Verbreitung von Falschmeldungen absichtsvoll und bis hin zur Psychopathie genutzt wurde - aus politischen, wirtschaftlichen, strategischen und persönlichen Beweggründen. Autoritäre Regierungen nutzen unterschiedliche Kommunikationsmedien, um Meldungen zu verbreiten, die zu verschwörerischem Denken anregen – mit dem Ziel, zu größerem Einfluss und zu größerer politischer Macht zu gelangen[5].

Was bedeutet Wahrheit in diesem Kontext von Falschmeldungen? Darauf gibt es nicht eine einzige und noch weniger eine einfache Antwort. Um in diesen Überlegungen voranzukommen, möchte ich einen vor kurzem in der Washington Post veröffentlichten Aufsatz zitieren („ 'American Tradition': Lessons from a year covering conspiracy theories“), und zwar zitiere ich einen Teil, in dem der Autor José A. Del Real seine Schlussfolgerung hinsichtlich der oben genannten Frage formuliert:

Jetzt wird mir etwas Wichtiges zur Frage der Wahrheit klar, […] eine Frage, über die ich jahrelang nachgedacht habe. Dass die Wahrheit nämlich nicht etwas ist, was bloß gefunden und verbreitet werden muss, sondern dass sie im weitesten Sinne etwas ist, was verhandelt wird, etwas, was sich im Laufe der Zeit durch Glauben und Vertrauen vermittelt. Und dass, wenn diese fehlen, auch das ganz Offensichtliche sehr einfach von Phantasie hinweggefegt werden kann.

Glaube und Vertrauen. Diese beiden Begriffe lassen uns Psychoanalytiker sofort an das denken, was wir aus Theorie und Klinik über deren Sinn und Wert in der Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit, eines gut integrierten Narzissmus, der Beziehung zu anderen und zur Außenwelt wissen. Es handelt sich hier um grundlegende Emotionen, die sich auf Basis von Erfahrungen der Nahrungsaufnahme während der ersten Lebensjahre herausbilden; wenn es diese nicht gibt, neigt die Psyche dazu, entgegengesetzte Emotionen hervorzubringen: Ungläubigkeit, Misstrauen und die Unfähigkeit, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Dann ist es besser, die Augen zu schließen, die Welt auszusperren und sich mittels der eigenen Ängste und Wünsche eine eigene Welt zu konstruieren.

Noch ein paar Worte zu Täuschen und Getäuscht-Werden. Diese Polarität ist Teil des Spiels von Leben und Tod. 
Wir begegnen ihr bereits sehr früh in der Evolution der Arten: bei den Tieren, natürlich bei den Säugetieren, aber auch bei anderen Wirbeltieren, etwa bei Fischen (z.B. haben manche Fische einen dunklen Fleck am Schwanz, der wie ein Auge wirkt, um ihre Fressfeinde zu überlisten), bei Mollusken (wie wir es in der hochemotionalen Doku „My Octopus Teacher“ sahen), bei Insekten, die sich ihrer Umgebung anpassen, bis hin zu Pflanzen (das beste Beispiel sind hier fleischfressende Pflanzen, die ihre Nahrung mit unterschiedlichen Kniffen anlocken). Zu täuschen und getäuscht zu werden ist also allgegenwärtig. Dies gehört zum politischen Spiel, zum Wettstreit der Kompetenzen, zum Leben in der Gemeinschaft und zum Zusammenleben im Alltag. 

Diese Polarität erlangt in unserem Inneren aber ein anderes Gewicht. Wenn wir die Fähigkeit zu Selbstreflexion haben, können wir uns als menschliche Wesen, einander ähnlich und voneinander verschieden, anerkennen. Von dieser wechselseitigen Anerkennung (wie sie Jessica Benjamin formulierte) erwächst eine ethische Notwendigkeit: die Notwendigkeit, den Anderen als ein Subjekt, das einem selbst ähnlich ist, zu respektieren und eventuell für ihn zu sorgen. Es handelt sich um einen Evolutionsschritt, der bisher nicht eingetreten ist und der – wenn wir nach dem  gehen, was wir ringsum beobachten können - möglicherweise nie eintreten wird.

Was können wir als Psychoanalytiker tun, außer zu verstehen, was sich hier im Kollektiv und in der Regression psychisch ereignet?

In ihren Neujahrswünschen für 2022 sagte die IPA-Vorsitzende Harriet Wolfe folgendes:

Psychoanalyse ist ebenso eine Behandlungsmethode wie eine Form, über menschliche Reaktionsweisen angesichts von Unsicherheit, Verlust und Trauma nachzudenken. Psychoanalyse fördert eine bessere Wahrnehmung, ein besseres Verständnis und eine bessere Auflösung von zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Konflikten.

Wir können diese bessere Wahrnehmung in unseren Behandlungszimmern fördern. Aber dies scheint nicht auszureichen. Wir wissen, dass Freud dank der Psychoanalyse in Hinblick auf die individuelle Entwicklung optimistisch war, dass er aber die Entwicklung unserer ganzen Zivilisation pessimistisch einschätzte. Trotzdem ging die Psychoanalyse schon vor Jahren hinaus auf die Straßen, bereit am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen. Ihre Teilnahme in diesen Bereichen außerhalb des Behandlungszimmers nimmt zu, aber noch reicht sie nicht aus. Wir stehen vor der Notwendigkeit und vor der Pflicht, noch mehr an der öffentlichen Debatte teilzunehmen, uns noch mehr in Massenmedien zu äußern und uns – welch entsetzliche Vorstellung! – vielleicht sogar in die Politik einzumischen. Wie Hanna Segal in Zusammenhang mit ihrer Sorge über die Verbreitung von Nuklearwaffen in den 1980er-Jahren sagte, ist es auch hier „das wahre Verbrechen, dazu zu schweigen“.
 
[1] Freud, Sigmund (1921 c): Massenpsychologie und Ich-Analyse. GW XIII, 71-161.
[2] Anmerkung S. B.-S.: dieses Wort wird im spanischen Original deutsch zitiert.
[3] Mit geschlossenen Augen zu leben ist einfach, 
man missversteht zwar alles, was man sieht, 
es ist auch schwierig, jemand zu sein, aber alles passt, 
und es ist mir auch nicht so wichtig.
[4] Wie der peruanische Psychoanalytiker Saúl Peña zu sagen pflegte, liegt bisweilen die beste Abwehr der Neurose in der Realität.
[5] Siehe die Texte im Internet, in denen Joseph Goebbels als "Vater der Fake News" betrachtet wird oder Edward Bernays, Neffe von Martha und Sigmund Freud, als Erfinder der  Propaganda und PR-Theorie. Zu Bernays  siehe den bemerkenswerten Dokumentarfilm von Adam Curtis: "The Century of the Self" (https://www.youtube.com/watch?v=eJ3RzGoQC4s&t=21s)
 
Übersetzung: Susanne Buchner-Sabathy
 
 

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