Das Gefühl der Möglichkeit des Wahrwerdens

Lin Tao
 

Die Bedeutung der physischen Präsenz des analytischen Paars in einem gemeinsam geteilten physischen Raum

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Die Tele-Analyse ist heute auf dem Vormarsch. Man darf wohl behaupten, sie erfreut sich inzwischen weltweit einer immer größer werdenden Beliebtheit. Das tele-analytische Setting stellt allerdings das psychoanalytische Setting, wie wir es von einer langen psychoanalytischen Tradition her kennen, in vielerei Hinsicht in Frage, wenn wir bedenken, dass bei einem tele-analytischen Setting beide, Analytiker und Patient, nicht länger in einem gemeinsamen Raum in persona beisammen, anders gesagt, physisch präsent, sind. Die Frage stellt sich nun, ob es uns gelingen wird, diese Herausforderung, die im Fall einer Tele-Analyse in einigen sehr wesentlichen Aspekten mit der Tradition bricht und infolgedessen nicht nur das herkömmliche analytische Setting an sich sondern dadurch auch den analytischen Prozess in vielerlei Hinsicht wesentlich verändert, als Chance anzunehmen, um gewisse, bislang als mehr oder weniger für selbstverständlich erachtete Aspekte neu zu überdenken und kritisch zu hinterfragen. In dem hier vorliegenden Beitrag schildere ich die erste real stattfindende Begegnung eines analytischen Paares in einem gemeinsam geteilten physischen, nicht virtuellen Raum, nachdem bereits eine circa zweijährige Behandlung in Form einer Tele-Analyse vorausgegangen war. Ich bin nämlich der Ansicht, dass dieses Beispiel etwas für den analytischen Fortschritt Unabdingbares und letztlich für den Erfolg der Analyse Ausschlaggebendes zum Vorschein bringt und evident werden lässt. Und zwar möchte ich anhand dieses Beispiels zu zeigen versuchen, welch enorme klinische Bedeutung dem Umstand zukommt, dass der Patient selber subjektiv für sich die reale Illusion entwickeln kann, dass seine Übertragungsphantasie Wirklichkeit bzw. wahr werden könnte. In diesem Zusammenhang werde ich dann auch noch eine mögliche Kombination von einer analytischen Behandlung im herkömmlichen Setting und tele-analytischer Arbeit in einer allerdings nur sehr kurzen Diskussion kritisch beleuchten.

Klinischer Hintergrund:

Frau A ist eine junge Frau in ihren Dreißigern. Sie ist verheiratet und hat eine fünf Jahre alte Tochter. Sie lebt in einer Stadt in einem europäischen Land, wohin sie vor einigen Jahren ausgewandert war, und wo sie jetzt ihren Beruf als Lehrerin ausübt. Sie ist seit zwei Jahren bei einem Analytiker in Analyse mit einer Frequenz von zwei Stunden pro Woche. Die Analyse fand ausschließlich über Skype, d. h. per Video-Telefon übers Internet statt. Zwischen Frau A und ihrem Analytiker hatte es auch vor Analysebeginn keine persönliche Begegnung gegeben. Als Frau A ihrem Analytiker vorgestellt wurde, fand auch dieses Erstinterview on-line per Video-Telefon übers Internet statt und von diesem Zeitpunkt an begannen sie dann auch gleich mit der Tele-Analyse, wiederum ausschließlich per Video-Telefon. Während der ersten zwei Jahre im Rahmen dieser Tele-Analyse sprach Frau A in der Hauptsache darüber, was sich so alles in ihrem gegenwärtigen Leben ereignete; und die diversen Gefühle, die dadurch in ihr evoziert wurden, konnten dann auch mit entsprechenden Kindheitserfahrungen in Verbindung gebracht werden. Sie entwickelte eine positive Übertragungsbeziehung zu ihrem Analytiker. Sie vertraute ihm und empfand ihm gegenüber auch Gefühle von Nähe. Doch was sie sich mehr als alles andere wünschte war, von ihrem Analytiker verstanden zu werden, was ihr das Gefühl gab unterstützt und gehalten zu sein. Zunächst empfand sie also gar nicht das Bedürfnis mit ihrem Analytiker im selben Raum physisch anwesend zu sein. Doch dann, als sie sich immer mehr auf den analytischen Prozess einließ, der ja bislang ausschließlich übers Internet zustande gekommen war, entstand doch irgendwann ganz allmählich der dringende Wunsch in ihr, eines Tages ihren Analytiker persönlich zu treffen, um mit ihm gemeinsam im selben Raum physisch anwesend zu sein. Und diesen Wunsch teilte sie ihm dann auch mit. Es kam nun immer häufiger vor, dass sie sexuelle Träume hatte, die auf ihren Analytiker bezogen waren. In diesen Träumen erlebte sie eine starke physische Nähe zu ihm. Trotz allem gelang es ihr nicht, ihre sexuelle Übertragung im Rahmen des tele-analytischen Prozesses weiter zu erforschen und zu vertiefen.

Als Frau A dann vor einiger Zeit plante, in diejenige Stadt zu reisen, in welcher der Analytiker lebt, teilte die Patientin dies ihrem Analytiker mit. Sie unterhielten sich dann auch darüber, wann und wo sie sich zu einigen Face-to-Face Sitzungen treffen könnten. Es zeigte sich auch sehr bald, als sie nur darüber sprachen, dass die Hauptinitiative bei der ganzen Unternehmung im Grunde von Frau A ausging. Es vermittelte sich dem Analytiker, dass es ihr ein wirkliches Anliegen war, die Gelegenheit zu bekommen, zum ersten Mal Sitzungen mit ihm zu haben, wo sie beide zusammen im selben Raum physisch anwesend sein würden.

Das erste Zusammentreffen in einem gemeinsam geteilten physischen Raum:

Der Analytiker hatte Frau A Ort und Zeitpunkt für ihre erste gemeinsame Sitzung mitgeteilt. Als es dann soweit war, wartete er auf ihr Kommen. Er war sich ganz und gar nicht sicher, wie genau sie in Wirklichkeit aussehen und wie sie auf ihn wirken würde. Er fragte sich, ob sie ihm vertraut erscheinen oder im Gegenteil eher fremd vorkommen würde, oder wie immer auch sonst. Mit einmal wurde ihm klar, wie sehr er sich doch wünschte, ihre gegenseitige Wahrnehmung voneinander, wie sie im Laufe der letzten zwei Jahre der Tele-Analyse entstanden und gewachsen war, möge sich im Wesentlichen bestätigen und so bleiben, wie sie war. Aber es kamen ihm doch immer mehr Zweifel, ob das so überhaupt möglich war.

Pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt klopfte es an die Tür. Der Analytiker ging die Tür öffnen, und vor ihm stand Frau A. Sie hatte eine Art von Freizeitkleidung an, so wie man sie für gewöhnlich trägt, wenn man Sport treibt. Sie warf einen neugierigen Blick auf den Analytiker, als wollte sie nachschauen, ob es sich wirklich um den selben Analytiker handelte, den sie von ihren Video-Telefon Sitzungen im Internet her kannte. Gleich beim ersten Blick, den der Analytiker auf Frau A warf, kam ihm die Patientin irgendwie vertraut vor und gleichzeitig auch wieder überhaupt nicht, was sehr gemischte und äußerst komplexe Gefühle in ihm auslöste. Der Analytiker bat sie einzutreten. Frau A ging zunächst ein wenig im Zimmer umher, so als müsste sie sich erst einmal einen genaueren Eindruck verschaffen von dem Raum, in dem sie sich hier und jetzt gemeinsam mit ihrem Analytiker befand. Erst als der Analytiker sie bat, sich doch zu setzen, nahm sie Platz. Sie bewegte ihren Körper mit kleinen raschen Bewegungen im Sessel hin und her. Dann sagte sie, dass der Sessel nicht so weich sei, wie sie es sich erhofft und vorgestellt hatte. Dann sagte sie noch: “Sie haben nicht gut für mich vorgesorgt.” Ein Anflug von Enttäuschung huschte über ihr Gesicht. Daraufhin sagte sie, sie könne die Sitzung nicht wirklich genießen, weil der vom Analytiker für sie vorgesehene Sessel nicht weich genug sei. Nach einer Weile fügte sie dann noch hinzu, dass sie, um ihn zu testen, tatsächlich habe sehen wollen, ob er einen bequemen Sessel für sie vorbereitet habe. Der Analytiker deutete dies dahingehend, dass sie seine Sorge um sie daran messen wolle, ob sie es sich hier physisch auch wirklich bequem machen könne. Sie nickte zustimmend und fügte hinzu, dass sie selber zuhause vor jeder tele-analytischen Sitzung für sich selber einen bequemen Armsessel bereit stelle, dass sie aber heute hier in ihrer ersten gemeinsamen Sitzung im selben Raum, es sich gewünscht hätte, das Gefühl zu haben, dass er es ist, der all dies für sie tut und für sie Sorge trägt.

Gleich zu Beginn der Sitzung war dem Analytiker aufgefallen, dass er selber jetzt, weitaus mehr als das während der tele-analytischen Sitzungen jemals der Fall gewesen war, auf seine Körperhaltung achtete und viel genauer mit seinen Augen hinschaute und darauf achtete, was so alles passierte. Er hatte tatsächlich ein ungleich stärkeres Gewahrsein von ihrer beider physischen Präsenz, was es ihm möglich machte, den ganzen Reichtum an non-verbaler Körpersprache erspürend zu erahnen. Zum Beispiel konnte er eine ganze Reihe von Einzelheiten unterscheiden, die ihm bisher noch nie aufgefallen waren und die sich ihm jetzt lediglich über die Körpersprache seiner Patientin vermittelten; dazu gehörte etwa ihre frische Gesichtsfarbe, ihre lebhaften Körperbewegungen, ihre Haltung, etcetera etcetera. Diese Art von non-verbaler Kommunikation lieferte ihm reichlich Material, um über seine Patientin auf eine ganz neue Weise nachdenken und sie vor allem auch gefühlsmäßig und intuitiv erfassen zu können. Auf der anderen Seite fühlte er sich aber gleichzeitig auch selber in seiner eigenen physischen Präsenz seiner Patientin viel mehr ausgesetzt, so wie er es zuvor im virtuellen Raum der Tele-Analyse mit Frau A per Internet noch nie erlebt hatte. Dies wiederum hatte weitreichende Auswirkungen für Frau A, wie sich sehr bald zeigen sollte, denn sie entwickelte nun im Hier und Jetzt der realen Gegenwart des Analytikers eine viel tiefere sexuelle Übertragungsbeziehung zu ihm.

Frau A produzierte eine freie Assoziation, die im Wesentlichen um eine Unentschiedenheit kreiste, präzise gesagt, um die Zeitspanne zwischen dem Zeitpunkt des Sexualverkehrs, des Schwangerwerdens und dem schließlichen Zeitpunkt des Wissens um die Schwangerschaft. Frau A berichtete, dass sie, einige Tage bevor sie zu ihrer Sitzung mit dem Analytiker aufgebrochen war, Sex gehabt habe mit ihrem Ehemann. Folglich wisse sie nun nicht, ob sie, noch bevor sie den Analytiker persönlich getroffen habe, schwanger geworden sei von ihrem Mann oder nicht. Aber vielleicht würde sich ja nach der Begegnung mit dem Analytiker tatsächlich herausstellen, wenn sie zuhaue einen Schwangerschaftstest machen ließe, dass sie wirklich schwanger sei. Doch dann wisse sie immer noch nicht, ob sie nun vor oder nach ihrer gemeinsamen Sitzung schwanger geworden sei. Der Analytiker fragte sich, warum wohl gerade die Sitzung als Zeitkoordinate solch eine Bedeutung für seine Patientin hatte. In dem Moment sah er, wie Frau A lächelte, und da sprach sie auch schon weiter. Sie sagte zu ihm, ihre Freundin sei mit ihrem Chef auf einer Geschäftsreise gewesen und hinterher habe sie, als sie feststellte, dass sie schwanger war, nicht genau gewusst, ob sie nun von ihrem Mann oder von ihrem Chef schwanger geworden sei. Der Analytiker versuchte dies folgendermaßen zu deuten: obwohl sie auf einer Ebene offenbar sagte, sie sei möglicherweise von ihrem Ehemann schwanger geworden, als sie vor ihrer gemeinsamen Sitzung bei sich zuhause noch Sex mit ihm hatte, so scheine es dennoch daneben auch noch eine andere, heimliche Phantasie in ihr zu geben, nämlich dass sie mit ihrem Analytiker während der Sitzung Sex haben könnte und dann davon schwanger werden würde. Sie hörte zwar, was der Analytiker sagte, konnte aber anscheinend nicht recht verstehen, was ihr der Analytiker damit sagen wollte; sie erklärte ihm, dass es nach dem Sex mit ihrem Mann immer noch eine gewisse Zeit brauchen könne schwanger zu werden, und das könnte nun eben vor, während oder nach der Sitzung passieren. Der Analytiker sagte, dass seine Deutung offensichtlich Ängste in ihr ausgelöst habe, die möglicherweise mit einer Phantasie im Zusammenhang stehen, dass sie sich von der physischen Präsenz des Analytikers, mit dem sie sich gemeinsam in einem Raum befindet, verführen lassen könnte, oder aber mit der Phantasie, dass sich der Analytiker von ihrer physischen Präsenz verführen lassen könnte, mit dem Ergebnis, dass sie beide Sex miteinander haben und sie davon schwanger würde. Sie nickte bestätigend und erzählte dem Analytiker daraufhin, dass sie tatsächlich die Phantasie gehabt habe, sie beide hätten Sex zusammen hier in diesem Raum. Sie sagte außerdem, dass ihr diese Phantasie allerdings große Angst gemacht habe, und dass sie die Befürchtung gehabt hätte, sie und ihre wirkliche Amwesenheit könnten einen negativen Einfluss auf ihn ausüben. Zum Beispiel sei sie wirklich besorgt gewesen, seine analytische Funktion könne ihm dadurch abhanden kommen, und er wäre dann nicht mehr wie zuvor in der Lage, seine analytische Arbeit zu tun; und gleichzeitig würde man sie für eine schwer gestörte Patientin halten.

Diskussion:

Verglichen mit einer traditionellen Analyse im Rahmen eines herkömmlichen Settings, wo Patient und Analytiker physisch in einem Raum gemeinsam anwesend sind, weist die Tele-Analyse per Internet und Video-Telefon einige gravierende Einschränkungen bzw. Nachteile auf (Lin Tao, 2015). Meiner Ansicht nach ist es enorm wichtig, dass wir uns zwar der Implikationen, die diese Einschränkungen für die analytische Arbeit und den analytischen Prozess haben, klar zu werden versuchen, ohne jedoch diese neue Form der Tele-Analyse deswegen einfach bloß pauschal zu kritisieren und abzulehnen. Anhand des klinischen Beispiels in meinem Beitrag habe ich zu schildern versucht, wie das erstmalige reale Zusammentreffen auf beiden Seiten, d. h. sowohl bei der Patientin als auch beim Analytiker, einen heftigen Aufruhr der Gefühle, oder wie Bion (1979) es ausdrückte, einen 'emotionalen Sturm' verursachte, und zwar nicht erst, als sie zu ihrer ersten Sitzung in einem gemeinsam geteilten physischen Raum zusammen trafen, sondern, sogar noch davor, in Erwartung des Zusammentreffens, nachdem sie ja nun für einen so langen Zeitraum, d. h. etwa zwei Jahre, ausschließlich im Rahmen einer Tele-Analyse zusammengearbeitet hatten. Durch die plötzliche Veränderung wesentlicher Parameter des Settings, i. e. durch die physische Gegenwart beider Parteien in einem gemeinsam geteilten physischen Raum, trat unmittelbar in Erscheinung, wie wichtig die emotionale Verbindung zueinander für beide, Analytiker und Patientin, war. Frau A konnte ganz offensichtlich von der physischen Präsenz des Analytikers unmittelbar für sich Gebrauch machen, indem sie nämlich ihren Analytiker, genauer gesagt, seine Sorge um sie in einem gemeinsam geteilten physischen Raum, sogleich auf die Probe stellte; (siehe ihre Kritik an dem Sessel, der ihr nicht bequem genug erschien!). Dies wiederum scheint auch ein deutlicher Hinweis darauf zu sein, dass die Patientin bislang etwas vermisst hatte, nämlich dass sie bisher nicht in der Lage gewesen war, sich von ihrem Analytiker physisch gehalten zu fühlen in dem gemeinsam geteilten, virtuellen tele-analytischen Raum. Oder anders ausgedrückt, es war ihr unter den Voraussetzungen der Tele-Analyse nicht gelungen, jenen dritten Raum zu kreieren zwischen ihrem eigenen physischen Raum und demjenigen des Analytikers. Bei sich zu Hause in ihrem eigenen physischen Raum in der physischen Abwesenheit des Analytikers, hatte sie sich in der Vergangenheit im Rahmen der bisherigen Tele-Analyse immer selbst um all die notwendigen Vorbereitungen für ihre Sitzung kümmern müssen, wie z. B. für die richtige Postion des Sessels zu sorgen, den Computer einzustellen und anderes mehr. Dies macht deutlich, dass die analytische Arbeit, wie wir sie vom traditionellen Setting her kennen, mit Anwesenheit der beiden Protagonisten in einem gemeinsam geteilten Raum, die Voraussetzung dafür schafft, dass Analytiker und Analysand sich als eine signifikante Einheit erleben können, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass jeder der beiden Protagonisten seine eigene individuelle Einheit von Körper und Geist für sich selber erlebt, sondern darüber hinaus auch noch eine andere Einheit, die ein Ganzes darstellt, und welches erwachsen ist, und sich zusammen setzt, aus den Geist-Körper-Einheiten zweier singulärer Individuen, was den Wahrheitsgehalt des alten chinesischen Weisheitsspruchs bestätigen würde, wonach ”die Einheit von Geist und Körper ein Ganzes” ergibt. Im Unterschied zur tele-analytischen Arbeit stellt nämlich die analytische Arbeit in einem herkömmlichen Setting 'eine totale Situation' dar. Von dieser Perspektive her betrachtet, kann man wohl sagen, dass das traditionelle Setting die Entstehung einer besonderen Beziehungsqualität zwischen Patient und Analytiker in spezifischer Weise fördert und begünstigt, wobei der physischen Präsenz eines jeden der beiden Protagonisten in der realen Gegenwart des jeweils anderen, eine ganz entscheidende psychologische Bedeutung zukommt. Das traditionelle psychoanalytische Setting scheint geradezu prädestiniert dafür zu sein, dass die Situation von den beiden Beteiligten als Ganzes erfasst bzw. erlebt werden kann. In diesem Zusammenhang wäre zunächst das Erleben der Einheit von Körper und Geist zu nennen, aber natürlich ebenso das Gewahrsein eines vom analytischen Paar gemeinsam geteilten physischen Raumes, sowie das gesteigerte intensive und lebendige Gefühl für das Hier und Jetzt (King 1973) im Zusammensein mit dem anderen. Die diesbezüglichen klinischen Implikationen manifestierten sich im Fall von Frau A besonders deutlich und lebhaft in der von ihr produzierten sexuellen Phantasie bezogen auf ihren Analytiker, aber auch in den Begleitumständen, d. h. ihrer beider gemeinsamer Präsenz in einem gemeinsam geteilten Raum, was der Patientin schließlich erst die Möglichkeit eröffnet hatte, diese sexuelle Phantasie zu entwickeln.

Frau A hatte in dem Moment, als sie zum ersten Mal mit ihrem Analytiker in einem gemeinsam geteilten Raum zusammen traf, die Phantasie, dass sie von ihm schwanger werden könnte. Auch wenn sie bereits früher im Rahmen der vorangegangenen tele-analytischen Arbeit gelegentlich die ein oder andere sexuelle Phantasie bezogen auf ihren Analytiker gehabt hatte, so unterschied sich dennoch diese Phantasie grundlegend von den früheren. Im Rahmen der tele-analytischen Arbeit nahm sie ihre sexuelle Phantasie in gewisser Hinsicht lediglich als eine Phantasie, weil sie ja genau wusste, dass ihr sehr weit entfernt lebender Analytiker nie und nimmer aus dem Computerschirm würde heraus treten und in ihren Körper eindringen können. Als sie dann jedoch tatsächlich in der Wirklichkeit den selben physischen Raum mit ihrem Analytiker teilte, bekam ihre sexuelle Phantasie mit einmal eine physische Grundlage, was für sie soviel bedeutete, dass ihre sexuelle Phantasie möglicherweise Wirklichkeit bzw. wahr werden könnte. Infolgedessen drehte sich bei dieser ersten Begegnung ihre Phantasie inhaltlich in der Hauptsache ums Schwanger-werden von ihrem Analytiker. Als diese Phantasie allerdings dann zur Sprache gebracht wurde, löste dies sogleich intensive Gefühle von Angst und Unsicherheit bei der Patientin aus, der Analytiker könnte dadurch Schaden erleiden und seine analytischen Fähigkeiten einbüßen, während man hinwiederum sie als einen schweren pathologischen Fall einstufen würde. Das erste Zusammentreffen der Patientin mit ihrem Analytiker in einem gemeinsam geteilten Raum nach vorangegangener zweijähriger gemeinsamer tele-analytischer Arbeit, erhellte schlaglichtartig die Bedeutung eines zentralen Moments im Kontext des traditionellen analytischen Arbeitens. Als nämlich Frau A, evoziert durch die neue Situation der realen Begegnung, ihre auf den Analytiker bezogene sexuelle Phantasie und Übertragung entwickelte, so gab es da in ihrer Vorstellung jetzt die implizite Möglichkeit, dass ihre Phantasien und Wünsche, wie zum Beispiel ihre sexuelle Phantasie bezogen auf den Analytiker, Wirklichkeit werden könnten. Was dabei das Entscheidende ist, ist der Umstand, dass diese Phantasien in Verbindung mit einer heimlichen Hoffnung auf ein mögliches Wahrwerden dieser Phantasien in einem gemeinsam geteilten physischen Raum, die Phantasie und die Übertragung als solche qualitativ verändern, anders gesagt, vom Patienten als realer erlebt werden können, da sie für den Patienten jetzt eine größere emotionale Valenz bekommen haben: Und dies ist, meiner Ansicht nach, eine unabdingbare Voraussetzung für eine natürliche Entwicklung der Übertragung und somit für das effektive Durcharbeiten der Übertragung.

Obwohl die tele-analytische Arbeit sich in gewisser Hinsicht durchaus positiv auf die psychische Befindlichkeit des Patienten auswirken kann, so muss man doch auch sagen, dass dieses von mir geschilderte Fallbeispiel dennoch evident werden lässt, dass unter den Bedingungen eines ausschließlichen tele-analytischen Settings notwendige Verbindungen zwischen Körper, Psyche und physischem Raum nicht in ausreichendem Maße zustande kommen, wodurch die Intensität und die Qualität der Übertragung u. U. entscheidend beeinträchtigt werden, und infolgedessen produktive analytische Arbeit nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist.

Um dafür wenigstens teilweise einen Ausgleich zu schaffen, wäre so etwas wie eine Kombination von beiden Formen des analytischen Arbeitens denkbar: die tele-analytische Arbeit würde dann in regelmäßigen Abständen immer wieder durch die analytische Arbeit in einem traditionellen Setting komplettiert werden, um auf diese Weise dem Patienten die Möglichkeit zu geben, die im Dienste des analytischen Fortschritts stehende und notwendige Illusion zu entwickeln, dass nämlich seine Phantasien und seine Wünsche in der Übertragungsbeziehung Wirklichkeit und wahr werden könnten, auch wenn diese Möglichkeit des Wirklich-werdens während der Phase des ausschließlich tele-analytischen Arbeitens vom Patienten in seiner Vorstellung in die Zukunft projiziert, d. h., auf das nächste persönliche Zusammentreffen verschoben werden muss. Allerdings dürften die Probleme nicht einfach damit auszuräumen sein, dass man dem Patienten neben der tele-analytischen Behandlung zwischendurch immer wieder auch eine analytsiche Behandlung im traditionellen Setting anbietet. Zum Beispiel könnte die regelmäßige persönliche Begegnung im gemeinsamen analytischen Raum auch dazu führen, dass die tele-analytischen Sitzungen fortan nur von der Hoffnung des Patienten oder der Patientin auf das nächste persönliche Zusammentreffen bestimmt werden. Was ich damit sagen will ist, dass in einem solchen Falle sich der Patient nach einem Analytiker sehnen würde, der sich in einer anderen Zeit und in einem anderen Raum befindet, und eben nicht nach demjenigen, der sich ihm im Hier und Jetzt des virtuellen Raums präsentiert. Es könnte in einem solchen Fall sogar dazu führen, dass sich der Patient bzw. die Patientin von der Beziehung im Hier und Jetzt gänzlich abkoppelt, was die tele-analytische Arbeit stark beeinträchtigen würde. 'Es mag aber durchaus auch Fälle geben, wo es sich gerade umgekehrt verhält, d. h. wo sich der Patient durch den gemeinsam geteilten Raum im klassischen Setting so unter Druck gesetzt fühlt, dass er geradezu danach verlangt, dem Analytiker nur im virtuellen Raum zu begegnen via Internet. Dabei besteht dann allerdings die Gefahr, dass das tele-analytische Setting zu einem Zufluchtsort wird, den der Patient dazu benutzt, sich dort zu verstecken, anders ausgedrückt, das tele-analytische Setting wäre in dem Fall ein externalisierter Raum, der vom Patienten zum Zweck des psychischen Rückzugs (Steiner, 1993) benutzt wird. Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, sich darüber klar zu werden, welche Bedeutung die beiden verschiedenen Settings für einen ganz bestimmten Patienten haben, vor allem, wenn es um die wichtige Entscheidung geht, innerhalb einer Behandlung die beiden Settings, das klassische und das tele-analytische Setting, sinnvoll zu kombinieren.

Abschließend möchte ich sagen: die Tele-Analyse stellt ein neues Arbeitsfeld dar, ein Feld, das viele neue Möglichkeiten eröffnet, die allerdings erst noch gründlich erforscht und verstanden werden müssen.

Literatur:

Bion, W. R. (1979) Making the best of a bad job. In: Clinical Seminars and Other Works (pp. 321 - 331), ed. F. Bion. London: Karnac, 1994.

King, P. (1973) The therapist-patient relationship. Journal of Analytical Psychology. 18: 1 - 8

Lin, T. (2015) Teleanalysis: Problems and limitations. Chapter 9, Psychoanalysis Online 2: Impact on Development, Training, and Therapy. Edited by Jill Savege Scharff. (Will be published in 2015)

Steiner, J. (1993) Orte des seelischen Rückzugs. Pathologische Organisationen bei psychotischen, neurotischen und Borderline-Patienten. Stuttgart: Klett-Cotta, 2013 (4. A.).

 

Aus dem Englischen übersetzt von M. A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck, Nürtingen am Neckar

 

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