Terror auf der Couch

Dr. Eugene J. Mahon
 

Die jüngsten Terrorakte in Paris lassen mich an zwei klinische Beispiele denken, in denen Terror eine Rolle spielte.

0
Comments
2327
Read

Die jüngsten Terrorakte in Paris lassen mich an zwei klinische Beispiele denken, in denen Terror eine Rolle spielte: das Erleiden von Terror, die mühevolle Auseinandersetzung damit und die Auflösung seiner Wirkung bis zu einem gewissen Grad. Es handelt sich 1. um die Beobachtung zweier spielender Kinder und 2. um einen Ausschnitt aus der Psychoanalyse eines Erwachsenen.  Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Twin Towers in Manhattan stürzten und so die verstörten Bürger Amerikas monate-, wenn nicht jahrelang in Entsetzen versetzten, wurde folgendes Gespräch zweier Vierjähriger belauscht: 
Ryan: „Hast du gehört, dass gerade ein Flugzeug in einen der Twin Towers gestürzt ist?“

Eve: „Nein, Ryan. Zwei Flugzeuge stürzten in die Twin Towers. Das haben böse Menschen getan, aber unser Präsident wird sie fangen und dafür sorgen, dass sie damit aufhören. Und wenn er es nicht macht, tu´ ich´s.“ Man kann über das Ich dieses Kindes, über seinen Mut und seine Widerstandskraft nur staunen.

Wochen nach den Ereignissen des 11. September 2001 äußerte  ein erwachsener Analysand freie Assoziationen über die Terrorattacken. Dabei schwangen natürlich viele andere genetische Momente von Angst und Panik im Leben dieses Mannes mit, aber hier möchte ich mich nur auf die Besonderheit seiner Assoziationen zu den damaligen Ereignissen konzentrieren.  Er stellte sich die Not der Passagiere und der Crew vor, ihr Entsetzen und – als er sich mit ihrer ausweglosen Lage identifizierte – ihre imaginierte Passivität. Er konnte ihre Panik in seinem eigenen Bauch spüren, so, als wäre er selbst im Flugzeug, als nähere sich unaufhaltsam das Ende seiner Reise.  Er versuchte, sich gegen diese „Identifikation“ mit ihrer ausweglosen Passivität zur Wehr zu setzen und kämpfte darum, ein aktiveres Potential in sich selbst zu entfachen.  Er beschrieb, wie sein besiegtes, zunichte gemachtes, überflutetes „Ich“ sich aus seiner Passivität reißen konnte, indem er sich vorstellte, wie er im Cockpit mit seinen Angreifern kämpfte, ihnen Fußtritte versetzte, mit Gürtel und Gürtelschnalle oder mit sonst irgendetwas, was sich unter den Gegenständen in seiner Reichweite irgendwie als Waffe verwenden ließ, nach ihnen schlug.  Anders ausgedrückt: er hatte sich mit dem Überraschungsangriff der Terroristen, der seine Kampf- und Selbstverteidigungsbereitschaft überflutet hatte, „identifiziert“ und sich so anfänglich selbst seiner Aggression  beraubt. Indem er sich dazu zwang, seine eigene Aggression nicht mehr zu unterdrücken, fand er wieder Zugang zu ihr und konnte seine eingeschüchterte Passivität zurückverwandeln in aktives Handeln und Mut. Wochenlang befeuerte er „gezwungenermaßen“ aktive Phantasien in sich, um der schwächenden Passivität entgegenzuwirken, und verhalf so seinem früheren Mut wieder zu Wirksamkeit. (Dies ist nur eine Vignette: In so knappem Umfang kann ich nicht schildern, welche Beiträge der analytische Rahmen – oder  eigentlich der ganze genetische Kontext frühkindlicher Erfahrungen – leistete, und so der ganzen Ich-Entwicklung dieses Mannes gerecht werden, die es ihm gestattete, die Wirkungen des Terrors relativ rasch aufzuheben.)

Ich nutze diese beiden Beispiele nur als Sprungbrett für eine viel breitere psychoanalytische Diskussion. Ich frage mich, in welcher Weise Terror das individuelle Ich schädigt und wie dieser Schaden durch therapeutische Intervention verstanden und bereinigt werden kann. Freud traf eine sehr wichtige Unterscheidung zwischen der Angst, die dem Ich signalisiert, seine Abwehrstrategien zu mobilisieren, und der Furcht, die ein Ich zeigt, welches überflutet wurde, weil es nicht genügend Zeit hatte, sich auf einen überraschenden Angriff vorzubereiten. Wenn das Ich im Augenblick des Entsetzens tatsächlich traumatisch überflutet wurde, wird es nicht seine ausgefeiltesten und stabilen Abwehrstrategien entfalten: es wird in einen primitiveren Zustand einer kindlichen Abwehrreaktion regredieren. Tatsächlich lässt gerade dieser regredierte Ich-Zustand den Diagnostiker erkennen, dass ein traumatisches Entsetzen das Ich anfänglich überflutet und beschädigt hat. Die therapeutische Folge ist natürlich, dass sich, sobald das Ich zurückfindet zu seiner früheren Widerstandskraft, wieder entwickeltere Abwehrmechanismen geltend machen.   Diese Zusammenfassung wird in keiner Weise der Komplexität einer therapeutischen Reise gerecht, welche aus überfluteter Hilflosigkeit zurück in einen Zustand von psychischer Stabilität und Mut führt. Die Pariser, die in Restaurants gingen und dabei skandierten: „Je n´ai pas peur“ [„Ich habe keine Angst“], haben ganz deutlich etwas von der emotionalen Stabilität, die sie anfangs verloren hatten, zurückgewonnen. Die Herausforderung für alle Fachkräfte im psychosozialen Bereich besteht darin, zu verstehen, warum bestimmten Individuen Tapferkeit  so rasch wieder zugänglich ist, während sie anderen so schwer eingeflößt werden kann.     Der sich immer weiter ausdehnende Bereich der Psychoanalyse verschaffte uns eine reiche klinische Erfahrung, die uns zeigt, dass viele Individuen auf Basis der kumulirten Traumata ihrer Kindheit von schierem Entsetzen erfüllt sind. Es ist, als hätten sie während ihrer ganzen Kindheit – oft sogar während ihres ganzen Lebens – in einem privaten Reich des Terrors gelebt. Die therapeutische Arbeit, solchen Menschen dabei zu helfen, eine nie erlangte oder allzu früh aufgegebene Ich-Stärke zu entwickeln, kann heroisch und beängstigend sein. Es war nie einfach, das therapeutische Handeln der Psychoanalyse oder der Psychotherapie genau zu formulieren, aber alle Analytiker stimmen darin überein, dass eine von Empathie und Einsicht geprägte therapeutische Atmosphäre heilsam sein kann. Eugene O`Neill meint: „Gebrochen ist der Mensch bei seiner Geburt. Er lebt durch Zusammenflicken.“ Wenn dies stimmt, so muss das Zusammenflicken auf individueller Ebene – natürlich gestützt auf die Gesellschaft und ihre Institutionen – den Mut finden, seinen eigenen gebrochenen Entwicklungspotentialen einen spiegel vorzuhalten und die Risse seiner eigenen seelischen Brüche zu schließen.     Die Psychoanalyse ist nur eine dieser sozialen Institutionen, aber eine wichtige: von Anfang an wurde sie von intellektuellen Terroristen angegriffen, die versuchten, das Kühne an ihren revolutionären Entdeckungen der Instinkte zu verhöhnen.  Mitunter regredierte sie traumatisiert und eingeschüchtert, zog sich aus der Kühnheit ihrer mutigen Entdeckungen zurück, und agierte vielleicht selbst wie ein Opfer von Trauma und Terror. Doch immer löste die Psychoanalyse solche regressive Strebungen auf und ließ ihren Glauben an die Würde absoluter innerpsychischer Wahrheit neu erstehen, eine Würde, die Instinkt und intellekt miteinander vermählt und darauf besteht, dass keinem der beiden gestattet werden darf, den anderen zu unterdrücken, da Würde und Tugend ohne das Mark des Instinkts, das ihnen Authentizität verleiht, nichts als Begriffshülsen wären. In diesem Kontext ist es wichtig, dass sich die Gesellschaft daran erinnert, dass Terror kein neues Phänomen ist.  Nur jemand, der sich etwas vormacht, weigert sich, das Tier in sich anzuerkennen. Die Geschichte lässt uns nicht vergessen, dass die Ehe zwischen der Tiernatur und der Homo-Sapiens-Natur des Menschen nicht im Himmel geschlossen wurde, sondern eher in der Hölle Darwinscher Zweckdienlichkeit.  Realisten erkennen aber an, dass es noch immer die beste aller vorstellbaren Ehen ist. Es ist rückblickend beängstigend, die Worte Robespierres in einer 1794 im französischen Nationalkonvent gehaltenen Rede zu betrachten: „So wie im Frieden die Triebfeder der Volksregierung die Tugend ist, so ist es in einer Revolution die Tugend und der Schrecken zugleich; die Tugend, ohne welche der Schrecken barbarisch, der Schrecken, ohne den die Tugend ohnmächtig ist.“–  Dies mag so klingen, als würde der Terror versuchen, seine ruchlosen Instinkte mit Vernunftgründen zu rechtfertigen, doch die Psychoanalyse beharrt  noch immer darauf, dass der Mensch nur dann gerettet wird, wenn er die instinkthafte Tier-Natur  in sich anerkennt, die Natur eines Tieres, das seine Instinkte zu bändigen und seine potentiellen Barbareien in Kunst, Moral, Einsicht, gesellschaftliche Institutionen umzuwandeln gelernt hat. Freud betont, dass Eros und Thanatos Seite an Seite existieren und lernen müssen, miteinander zu kooperieren, statt einander zu verschlingen. Er betont, dass verleugnete Aggression und verdrängter Instinkt zu endlosen Kriegen führten und dass Krieg die tragische Rückkehr eines verdrängten Inhalts ist, der niemals zur Einsicht seiner eigenen potentiellen Erleuchtung gelangte.    Wenn vom Krieg gezeichnete Individuen in die Gesellschaft zurückkehren, erleben sie deren Struktur häufig als ihnen fremd. Sie werden gequält von wiederkehrenden Träumen, in denen es um Trauma, Überleben, Schuld und Panik geht. Wieder und wieder versuchen sie, diese giftigen inneren Mischung  in Träumen zu verarbeiten, um die ursprüngliche überraschende Furcht zu beseitigen, die ihr Ich überflutete. In diesem Zusammenhang meint Freud, dass die wiederkehrende Natur dieser traumatischen Träume ein verzweifelter Versuch ist, dem Ich diesen kurzen Augenblick des Nachdenkens, Wiedergutmachens, Seelenzusammenflickens zurückzugeben,  dessen sie durch die Plötzlichkeit des traumatischen Schreckens beraubt wurde.  In gewisser Weise versuchen alle therapeutischen Interventionen das zu erreichen, was auch das schlafende Ich dieser tragischen, vom Krieg verfolgten soldaten jede Nacht in der Verzweiflung ihrer Träume zu erreichen  versucht: eine Beseitigung der Furcht, die das Ich regredieren und sozusagen auf nur einem seelischen Bein stehen ließ.  Die therapeutische Beziehung kann als Agent dieser Beseitigung betrachtet werden, selbst wenn der Prozess des innerpsychischen „Zusammenflickens“ und Gesundens kaum irgendwie definiert werden kann.    In gewisser Weise helfen wir dem geschlagenen Ich, wieder ins Cockpit zu klettern und die Terroristen abzuwehren, die eine Zeitlang das Flugzeug des innerpsychischen Geschehens in Besitz genommen und unter ihre Kontrolle gebracht haben.  Wenn der therapeutische Prozess mit einer Phantasie verglichen werden kann, wie Loewald meint, so ist es natürlich eine äußerst heilsame Phantasie: der Mut versucht, wieder handlungsfähig zu werden, sich von einer regressiven Panik zu befreien, die meint, Furcht lasse sich nur in regressiver Hilflosigkeit beseitigen, und sich von diesen anfänglichen Zusammenbruch eines wehrhaften Ichs abzugrenzen.  Aus der therapeutischen Nahrung der heilenden Phantasie muss sich natürlich der Plan für einen Feldzug entwickeln. Wenn Denken ein Probehandeln ist, muss eine gedankenvolle Phantasie schließlich zu Handlungsfähigkeit führen.  Spielende Kinder nehmen ständig zukünftige Handlungsfähigkeit vorweg, spielen sozusagen die Blaupause einer Entwicklungsbewegung und eines Fortschritts.  An anderer Stelle (Mahon 2004) sagte ich, dass Spiel und Durcharbeiten einander insofern entsprechen, als es beim Durcharbeiten darum geht, im realen Leben Einsicht in Handeln zu verwandeln, statt zuzulassen, dass sie sich in einer Form intellektueller Selbstzufriedenheit niederschlägt, die dazu neigt, den Namen der Handlung zu verlieren, wie Hamlet in seinem großen Monolog sagt.  Jeder, der Erfahrung mit Psychotherapie hat, jeder der unter Mühen zu Einsichten gelangte, die, statt „den Namen der Handlung zu verlieren", sich in bedeutungsvollem Handeln geltend machen können, kennt diesen vorwärts und rückwärts verweisenden Prozess therapeutischer Arbeit nur zu gut. Doch jeder analytische Prozess trägt in gewisser Weise diese außerordentliche Mühe in sich, die in dem Versuch liegt, die Wirkungen des Schreckens auf den menschlichen Geist zu überwinden. Jene Pariser Bürger, die „Je n’ai pas peur” skandieren, können uns allen als große Vorbilder dienen.  Genauso wie Eve und der Analysand, der – in dem Bestreben, seinem Ich wieder Zugang zu dem Mut zu verschaffen, den es in einem Augenblick von Panik und Entsetzen verloren hat – darauf besteht, ins Cockpit zu klettern, um seine Angreifer abzuwehren.  Es gibt viele Bürger, die das nicht so rasch tun können, aufgrund einer Vielzahl von quantitativen, qualitativen, genetischen, dynamischen und konstitutionellen Faktoren.   All diese Faktoren sollten in diagnostischen und prognostischen Beurteilungen angesprochen werden.  Es ist harte Arbeit, die Kummer und Enttäuschung mit sich bringt, die aber auch belohnt wird. Ich erinnere mich an die Arbeit mit einem kleinen Mädchen, das schrecklich verletzt war durch den relativen Verlust des Vaters, den ihr die Scheidung der Eltern zeitweilig genommen hatte.  Sie zeichnete das Bild eines Hauses. Große Sorgfalt verwandte sie auf das Zeichnen der Haustür. „Eine Tür ist eine Träne in einem Haus", sagte sie. Die Trennungsangst hatte für sie Komponenten von Schrecken, da sie sich die entsetzlichsten Folgen ausmalte, wenn ein Elternteil fortging. In ihrer kindlichen Vorstellung war der Vater für immer irgendwohin geschickt worden, was auf einer Aggression beruhte, die sie fühlte, aber nicht verstand, und die die Beständigkeit innerer Liebe zerstörte.  Es gab eine Träne in ihrer Seele, die sie nicht zeichnen konnte. Und so war die Zeichnung eine bewegende Verlagerung  und Sublimierung dieses Schmerzes.  Als sie viele Monate später in der spielerischen  Atmosphäre des therapeutischen Prozesses über die Scheidung sprach, über die Sorgerechtsbestimmungen, über das Hin und Her zwischen zwei Häusern, sagte ich einfühlsam: „Eine Tür ist eine Träne in einem Haus." Voll Stolz und voll Geringschätzung korrigierte sie mich: „Oh, darüber bin ich hinweg!"   Ich hatte nicht Schritt gehalten mit der Weiterentwicklung ihres Ichs und hatte bekommen, was ich verdiente.  In die Schranken gewiesen, aber stolz auf ihren Fortschritt, habe ich das Gefühl, dass dies einer der besten Irrtümer ist, die mir je unterliefen! Wir fühlen, dass einst ganz Paris, als Person gesehen, wird sagen können:. „Oh, darüber bin ich hinweg!"  Wir alle kommen über Tragödien, Traumata, Schrecken   hinweg, natürlich nicht indem wir all das verdrängen, sondern indem wir uns daran erinnern. Vielleicht wird die Erinnerung nie wieder unschuldig sein, doch vielleicht war sie das ja auch nie, hätte das nie sein sollen: Am besten vergisst man nie, dass Liebe sicherer, unangreifbarer ist, wenn man die eigene gesunde, adaptive Aggression nie aus dem Blick verliert, nie verdrängt, sondern immer als potentielle Handlungsfähigkeit bewahrt, selbst angesichts von Terror und Niedertracht. 

Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Buchner-Sabathy
 
 
 

Weitere Artikel von:
 


Star Rating

12345
Current rating: 0 (0 ratings)

Comments

*You must be logged in with your IPA login to leave a comment.