Die Lücke schließen: Sexuelle Differenz im Cyberspace

Dr. Thomas Munday
 

Das konkrete Ziel der Freud'schen Psychoanalyse ist die Anerkennung der Andersheit des Anderen vermittels der Akzeptanz der sexuellen Differenz. Ist dies im Internet-Zeitalter noch möglich?

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In meinem Beitrag möchte ich mich mit der schwierigen Frage auseinandersetzen, welche Auswirkungen das Internet auf die menschliche Psyche und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen hat. Obwohl das Internet nun schon für eine geraume Zeit lang nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken ist, so haben wir dennoch bisher immer noch nicht wirklich verstanden, wie und vor allem in welchem Ausmaß es unser Leben als Einzelne und als von Wechselbeziehungen abhängige Individuen bestimmt und beeinflusst. Der letzte große kommunikations-technologische Umbruch vergleichbaren Ausmaßes ereignete sich im Elisabethanischen Zeitalter mit Gutenbergs Erfindung der Druckerpresse, was eine dauerhafte Revolution sowohl des menschlichen Bewusstseins als auch der zwischenmenschlichen Beziehungen bewirkt hat. Heute „durchleben wir die gleichen Verwirrungen und Unentschlossenheiten, wie sie [die Elisabethaner] erfuhren, als sie sich gleichzeitig zwei gegensätzlichen Kultur- und Erfahrungsformen gegenübersahen“ (Mc Luhan, 1962, S. 5). Auch wir, die wir heute zwischen zwei Welten (der Vor-Internet- und Internetwelt) leben, ringen noch immer darum, dieses sich mit rasanter Geschwindigkeit entwickelnde Phänomen zu verstehen, das unsere Welt schneller verändert, als dass wir es verstehen könnten. Die von mir vorläufig aufgestellte These lautet, dass der Cyberspace sich einen Bereich zunutze macht, in dem die unweigerlich immer und ausnahmslos mit Problemen und Schwierigkeiten behaftete Differenz bzw. Kluft zwischen den Subjekten und Geschlechtern auf dem Spiel steht, wobei das bedrohliche Moment des Unterschieds sowie der Realität unserer Körper umgangen, ja mehr noch, beseitigt zu sein scheint – und dennoch, trotz all der Annehmlichkeiten, die uns diese Fluchten in die virtuellen Zufluchtsorte des Internets bescheren, sind wir möglicherweise gegenwärtig im Begriff, unser Potential für die reale Begegnung mit einem wirklichen Anderen mehr und mehr einzubüßen. 

Jedem noch so zufälligen und unvoreingenommenen Beobachter der Auswirkungen des Internets auf unser aller Leben kann wohl kaum entgangen sein, wie sich so etwas wie eine fortschreitende affektive Verflachung im Charakter der Individuen einstellt, bei einer gleichzeitig zunehmenden Globalisierung der Kultur sowie Bündelung von Macht aufgrund der Verbreitung von Informationen in den Händen von einer immer kleineren Anzahl von Leuten. Die Ironie der Situation liegt nun vor allem darin, dass wir uns unserer Individualität fortwährend und hartnäckig durch Selbstpräsentation und Selbstpublikation im Internet zu vergewissern versuchen, während wir dabei allerdings gleichzeitig die Unterminierung genau jener spezifischen Aspekte unseres Lebens immer noch weiter vorantreiben, die uns in Wahrheit dazu befähigen würden, unser eigenes Selbst von demjenigen der anderen abzusetzen und zu unterscheiden. Möglicherweise gelingt es uns, den Prozess, an dessen Anfang wir uns gegenwärtig befinden, besser zu verstehen, wenn wir uns eine Variante von Marshall McLuhans Sichtweise zunutze machen, derzufolge der durch elektronische Medien unaufhaltsam in Gang gesetzte Prozess früher oder später in das mündet, was er als „globales Dorf“ bezeichnet hat. So verführerisch und verlockend uns McLuhans Formulierung in all ihrer Prägnanz und Markigkeit auch anmuten mag, so irreführend ist sie doch in Wirklichkeit. (McLuhan, 1962 [McLuhan hat dies später selbst erkannt und verwendete nach der Publikation von 'Medien verstehen' (1964) den Begriff „globales Theater“] ). Das Medium Internet, wie es derzeit existiert, müsste man wohl treffender als eine globale Metropole bezeichnen, obschon eine solche meiner Ansicht nach gewiss zutreffendere Wortschöpfung wohl kaum dieselbe dauerhafte Faszination auf uns ausüben würde. Aber eben das ist ja der springende Punkt: diese anheimelnde nostalgische Verlockung, die von dem Begriff „Dorf“ ausgeht, und die uns dazu verleitet zu glauben, dass das Internet uns alle einander näher bringt.

Von dem Begriff „Dorf“ geht etwas unmittelbar Beruhigendes aus, und zwar dadurch, dass er uns eine Art von Sicherheit und ein Gefühl von Identität in Aussicht stellt – jeder weiß, wer die anderen sind, und was man von ihnen zu erwarten hat. Die einzelnen Identitäten erhalten durch die Beständigkeit und Regelmäßigkeit der im Dorf unterhaltenen Beziehungen ihren festen Platz, kurz gesagt, es stellt sich so etwas wie Vertrautheit und Familiarität ein. Dagegen ist das Medium der Begegnung in der Großstadt von Anonymität geprägt, wobei sich ein aufregender aber gleichzeitig auch angsteinflößender Raum auftut, in welchem man sich losgelöst von jeder geerdeten Partikularität immer wieder neu selbst erfinden kann. Die wachsende Beliebtheit solcher Meetings bzw. Treffen in der 'globalen Metropole' des Internets sind gewissermaßen ein Indiz dafür, dass dieser Trend auch weiterhin anhalten wird, nur dass dabei noch ein weiteres, uns in unserem Sein verankerndes Grundelement wegfällt – denn die Subjekte begegnen sich jetzt nurmehr noch in Form von entkörperlichten bzw. geisterhaften Stimmen. Und genau dieser uns vom Internet gebotenen radikalen Möglichkeit, uns von der physischen Natur bzw. Herkunft unserer Identität vollkommen loszulösen, möchte der Imperialismus von Mark Zuckerbergs Philosophie der „einen Identität“ entgegenwirken. Und so erscheint uns Facebook mit seinem Anspruch, verstreute Elemente miteinander zu verbinden und somit zu einer dauerhaften 'Geschichte' zu vereinigen, oberflächlich betrachtet möglicherweise tatsächlich als ein Beispiel für die Neuerschaffung der Familiarität im Internetdorf, wobei es sich bei genauerer Analyse natürlich herausstellt, dass es sich dabei in Wirklichkeit lediglich um eine Form der Reaktionsbildung auf unsere durch das Internet offengelegte Angreifbarkeit und Fragilität handelt, der wir uns in unseren fortwährenden Versuchen, uns eine singuläre Identität zu erschaffen, unweigerlich ausgesetzt fühlen. 

In der globalen Metropole geschehen ganz ähnliche Dinge wie auch in der Großstadt, wo sich die Gesellschaft in Gruppen von Gleichgesinnten unterteilt, die dann in dieser spezifischen kulturellen Nische, oder eben, wenn es nicht passt, in einer anderen, diejenigen Bestätigungen und Zusicherungen erhalten, die sie brauchen, um das Gefühl zu haben zu wissen, „wer sie sind“. Im Dorf fühlen wir uns entweder bestätigt und beruhigt oder aber beunruhigt und enttäuscht, wenn uns unsere Nachbarn durch ihre Blicke oder Worte zu verstehen geben, dass wir „anders“ sind, wohingegen unsere nächsten Nachbarn in der Großstadt möglicherweise eine ganz andere Sprache sprechen und in einer uns vollkommen unbekannten und fremden Welt zuhause sind als wir, so dass uns genügend Freiraum bleibt, unsere eigene Welt und Identität in ihr so zu definieren, wie wir es jeweils für angemessen und geeignet befinden.  Und doch bringt dieser unsere eigenen Identitäten betreffende Erfahrungsmodus etwas zutiefst Beunruhigendes und Beängstigendes mit sich, werden wir doch gerade dadurch unweigerlich mit dem Nichts des Subjekts konfrontiert, allerdings ohne dabei die vielerlei möglichen von außen kommenden Unterstützungen zu erfahren – in Lacan'schem Sinne hieße das, dass wir direkt der Leere ins Auge blicken, die das Subjekt konstituiert, „eine reine Lücke, die durch das Gleiten von einem Signifikanten zum anderen aufrechterhalten wird“ (Zizek, 2009, p. 104). Das Internet ist derjenige Ort, wo sich diese Signifikanten endlos vervielfachen, um uns auf diese Weise angesichts der be-unruhigenden Dekontextualisierung, die ja das typische Merkmal unseres postmodernen Zeitalters ist, soweit als möglich zu beruhigen – das Medium Internet ist symptomatisch für diese Destabilisierung von Subjektivitäten, die allerdings schon lange vor der Erfindung des Internets ihren Anfang genommen hat.

Online erschaffen wir unser „zweites Ich“, um an dieser Stelle einen von Sherry Turkle geprägten Begriff zu verwenden (siehe Turkle, 1984). Während man diese Möglichkeit, sich selbst neu zu erfinden, mit einem gewissen Recht als etwas ansehen könnte, das eine Proliferation (oder Pest?) der Phantasien erlaubt, so würde man allerdings einem gewaltigen Irrtum erliegen, wenn man annehmen würde, dadurch bereits im Internet eine höhere Ebene an Differenz und Differenziertheit anzutreffen. Seit der Einführung von Google steht uns ein Instrument zur Verfügung, das uns erlaubt, genau die Information, genau den Gegenstand, genau die Person oder was auch immer, wonach wir suchen, zu finden, und das alles mit dem kleinstmöglichen Aufwand, wobei alles vermeintlich Unnötige umgangen und übersprungen wird. Heute weiß wohl inzwischen jeder, dass Plattformen wie Facebook alles andere als geeignet dazu sind, uns einen größeren Zugang zur Welt zu verschaffen, sondern sie bieten uns vielmehr im Closed Loop Verfahren durch sogenannte Informations-Feeds  (treffende Bezeichnung!) all das an, von dem im Vorhinein bekannt ist, dass es unserem Geschmack und unseren Ansichten entgegenkommt. Durch die Nutzung von sich stetig verbessernden Algorithmen ist es möglich geworden, uns durch zielgruppenspezifische Werbung zu sagen, nach was wir suchen, und zwar noch bevor wir uns auch nur ansatzweise selbst darüber bewusst geworden wären, wonach wir eigentlich suchen – und all das geschieht im Namen dessen, dass uns Nutzern, im 'Googlespeak', eine 'nahtlose Online-Erfahrung'  geboten werden soll. 

Aus einer psychoanalytischen Perspektive betrachtet verlangt die Vorstellung von einer 'nahtlosen Erfahrung' besondere Aufmerksamkeit, ruft sie doch augenblicklich das Misstrauen des Analytikers hervor: wenn etwa der Analysand von sich behauptet, dass alles bei ihm soweit in Ordnung sei, dann kann man so gut wie sicher sein, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Herstellung einer 'nahtlosen Erfahrung'  geht stillschweigend davon aus, dass sämtliche Leerstellen und Diskrepanzen, Unebenheiten, Inkonsistenzen oder Ecken und Kanten aus dem Wege geräumt sind – was ja immerhin alles Dinge sind, die zur Erfahrung im realen Leben (RL) dazugehören. Es wird uns also eine Existenz in Aussicht gestellt, in der es keinerlei Störungen und Reibungen gibt, und infolgedessen ist es nicht verwunderlich, dass nicht wenige Menschen diese vermeintlich störungsfreie Existenz der Alltagsrealität vorziehen, in die wir beim Verlassen des Cyberspace unweigerlich wieder zurückkehren müssen. Dort, im Cyberspace, können wir uns quasi schwere- und grenzenlos durch alle möglichen Räume gleiten und treiben lassen, wobei wir unsere Idealvorstellungen projizieren und unseren diversen Phantasien Nahrung geben können. Hier, in der realen Wirklichkeit, sind uns infolge des Schwergewichts unseres eigenen Körpers und seiner Unzulänglichkeiten unweigerlich Grenzen auferlegt, aber darüber hinaus natürlich auch infolge des stets heiklen Unterfangens, dem Anderen real zu begegnen. Diese zwei lästigen Störimpluse, mit denen uns das RL unablässig konfrontiert, tragen nun allerdings gleichzeitig wesentlich dazu bei, uns Erdung und Bodenhaftung zu geben, denn es sind diese mehr oder weniger winzigen Schockerfahrungen, die uns aus den Höhenflügen der Phantasie herausreißen und unsanft auf den Boden der 'Realität' zurückholen.

Angesichts der Existenz des Internets drängt sich einem tatsächlich nahezu zwangsläufig die Frage auf, ob wir hier von einer Ökonomie des Gleichen reden könnten – immerhin verwendet eine jede Person auf dem ganzen Planeten dieselben Programme und lässt sich ihr bereits vorher existierendes Selbstverständnis von und durch die Komplizenschaft mit Gleichgesinnten bestätigen. Im Internet bekommen wir das, wonach wir suchen – Überraschungen sind dabei eher die Ausnahme. Zu fragen wäre dann, ob dabei nicht möglicherweise etwas Wichtiges auf der Strecke bleibt, nämlich der Unterschied und die Differenz. Die Online-Dating-Webseiten sind ein ideales Beispiel dafür, wie das Internet die lästige und leidige Frage der Differenz aus der Welt zu schaffen scheint – indem uns nämlich ganz einfach suggeriert wird, wir könnten uns den perfekten Partner kraft unseres Verstandes auswählen, wenn wir nur gewisse übereinstimmende Kriterien beachten, die das Risiko, die falsche Wahl zu treffen, auf ein Minimum beschränken, aber vor allem das Risiko minimieren, sich eingestehen zu müssen, die falsche Wahl getroffen zu haben. Die Folge davon ist, dass in der Mehrzahl der Fälle die sich daraus ergebende Beziehung auf einer Art von hypothetischer Vereinbarung beruht, wo dann ganz einfach ein jeder der beiden an dieser Übereinkunft Beteiligten entweder damit einverstanden ist oder eben nicht, auf die eine oder andere Bedingung zu verzichten, um so auch weiterhin das Funktionieren ihres „Zusammenseins“ zu garantieren, nur damit das Spiel solange weitergehen kann, bis schließlich einer von beiden zu der Entscheidung gelangt, dass ihrer beider Beziehung längst nicht so viel wert ist, wie ihre/seine Kriterien für dasjenige, was er/sie sich vom Leben erwartet. Und somit lassen sie sich beide auf Dauer die Gelegenheit entgehen, in die zwischen ihnen beiden bestehende Kluft oder Lücke zu fallen – die gemeinhin als Liebe bezeichnet wird. Dieser neue Modus, eine Beziehung einzugehen, schreckt vor der gewagten Möglichkeit zurück, sich in jemand anderen zu verlieben, wobei sich dieser neue Beziehungsmodus aber gleichzeitig auch ganz generell destabilisierend auf die real existierende Verbindung zum Anderen in unseren laufenden Beziehungen auswirkt, indem er uns in unserer illusionären Vorstellung bestärkt, dass es da womöglich irgendwo da draußen einen Anderen gibt, der letztlich besser zu uns passt.

Und tatsächlich wird durch das Internet eine neue Form der Liebesbeziehung möglich – eine virtuelle nämlich, in der zwei Individuen die Vorstellung haben ineinander verliebt zu sein, obwohl sie sich im wirklichen Leben noch nie begegnet sind. Die Tatsache, dass eine solche Form der Beziehung häufig in einer Situation zustande kommt, wo der eine oder gar beide der aktiv an dieser 'Verbindung' Beteiligten im wirklichen Leben bereits in einer realen Beziehung involviert ist, legt die Vermutung nahe, dass bei einem solchen im Internet zustande gekommenen Arrangement phantasmatische Projektionen eine zentrale Rolle spielen, wobei ein jeder der beiden in die virtuelle Geliebte bzw. den virtuellen Geliebten all dasjenige hineinprojiziert, was sie oder er in ihrer/seiner aktuellen Beziehung so schmerzlich vermisst. Natürlich spielen Phantasien in jeder Beziehung eine wichtige Rolle, doch im realen Leben werden aufgrund der physischen und emotionalen Präsenz des Anderen solche Phantasien unter Kontrolle und in Grenzen gehalten. Das bedeutet nun allerdings nicht, dass solche im Internet ausgelebten Beziehungen keine wirklichen und echten Emotionen heraufbeschwören, denn die dabei zustandekommenden libidinösen Besetzungen  können u. U. von äußerster Intensität sein (Zizek, 2009, p. 179-180). Dabei drängt sich unweigerlich die Frage auf: was ist es denn eigentlich, womit wir da besetzt werden? - aber auch: woraus erwächst und entspringt diese Besetzung? Berichten zufolge enden intensive virtuelle Beziehungen in dem Moment, wo es zu einer realen Begegnung im wirklichen Leben kommt, nicht selten in einem Desaster. Während der via Bildschirm geschaffene Phantasierahmen eine zuvor nicht gekannte Ausdrucksfreiheit gewährt hat, kann die leibhaftige Konfrontation mit der wirklichen Person als etwas ganz und gar Unerträgliches und Schockierendes erlebt werden, und zwar genau aufgrund der Tatsache, dass die körperliche Präsenz des Anderen unser Gefühl von Intimität in Frage stellt. Im Internet existieren keine Körper, und auch die von einer möglichen sexuellen Beziehung herrührende Bedrohung ist im Fall der reinen Internet-Beziehung ausgeschlossen. 

Obwohl dem Freud'schen Theoriegebäude die beachtliche Fähigkeit inhärent ist, alle möglichen Variationen von Liebes- und Sexualpraktiken in Betracht zu ziehen, so scheint eine rein virtuelle Beziehung offensichtlich nicht einmal potentiell innerhalb der Parameter psychosexueller Entwicklung vorgesehen zu sein. Freud vertrat die Auffassung, dass das Individuum in seiner Entwicklung verschiedene Stufen durchläuft, deren eigentliches 'Ziel' die genitale Vereinigung mit einem Partner darstellt, was dann ein Indiz für die volle Reife des erwachsenen Individuums ist. Doch warum sollten wir unbedingt auf dieser Form der sexuellen Beziehung bestehen? Aus dem einfachen Grund, weil ohne diese besondere Beziehung die wirkliche Begegnung mit dem Anderen auf der Strecke bleibt. Aus einem psychoanalytischen Blickwinkel heraus betrachtet ereignet sich diese radikale und grundlegende Begegnung mit dem Anderen im sexuellen Akt, wo jeder der beiden daran Beteiligten auf einen „Nullzustand“ reiner Subjektivität reduziert ist. Im Zeitalter des Internets wird diese Begegnung häufig durch etwas ersetzt, was bisher in diesem Aufsatz bewusst und gewiss unübersehbar ausgeklammert wurde, nämlich die Pornographie. Porno ist lediglich ein weiteres Beispiel dafür, wie im Internet der Andere zugunsten des Selben unkenntlich gemacht bzw. ausgelöscht wird, erfordert doch der Andere stets unsere Aufmerksamkeit und unsere Anerkennung, wohingegen die Vertrautheit mit dem Selben uns eben dies nicht abverlangt – und so können wir genau diejenige sexuelle Praktik finden, die exakt unseren Wünschen entspricht, ohne uns deswegen mit der Wirklichkeit eines realen Anderen und dessen Grenzen auseinandersetzen zu müssen, wodurch es gelingt, die Lücke zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu schließen.    

Tatsächlich erscheint mir ein solches Fazit am Ende unserer Analyse des Internets nicht ganz unangebracht, weil nämlich sonst tatsächlich der Eindruck entstehen könnte, als würde der alte Freud'sche Begriff vom „Realitätsprinzip“ ganz einfach nur einem längst obsolet gewordenen Zeitalter angehören, wo die Phantasien noch nicht so einfach zu realisieren waren wie heutzutage. Zusammen mit den Fortschritten in der Wissenschaft haben es die virtuellen Technologien wie das Internet heute möglich gemacht, dass sich diese Lücke zwischen Phantasie und Wirklichkeit in gewisser Weise schließen lässt. Können wir heute überhaupt noch jemanden allen Ernstes dazu auffordern, auf den Boden der Realität zurückzukommen? Wenn wir uns damit begnügen würden, uns ständig nur im virtuellen Raum aufzuhalten, dann bliebe es uns womöglich erspart, der Andersheit zu begegnen oder unseren eigenen Mangel am eigenen Leibe zu spüren. Und dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir für den Fall, dass wir tatsächlich den Bezug zur 'Realität' gänzlich aufgeben, etwas von uns selbst einbüßen, das uns als Mensch im Kern ausmacht und erst wirklich authentisch sein lässt. Für die Psychoanalyse ist zweifelsohne die ultimative 'reale' Differenz die sexuelle Differenz – beim Durchlaufen der psychosexuellen Entwicklungsstufen ist die Wahrnehmung des sexuellen Unterschieds der entscheidende Wendepunkt und dessen Anerkennung die Voraussetzung für die Auflösung des Ödipuskomplexes. Bis zu diesem Punkt in der Entwicklung existiert der Unterschied der Geschlechter und folglich Differenz als solche in gewisser Hinsicht nicht. Indem ich anerkenne, dass es da einen Anderen gibt, der nicht ist wie ich, akzeptiere ich Differenz sowie die Möglichkeit des Anderen, den ich unabdingbar brauche, um ein erfülltes Leben zu führen. Das Internet mit seiner Logik des Gleichen/Selben gefährdet die Möglichkeit dieser entscheidenden und unverzichtbaren Anerkennung.

Literatur
McLuhan, M. (1962), Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Düsseldorf: Econ Verlag, 2011.
Turkle, S. (1984), Die Wunschmaschine. Vom Entstehen der Computerkultur. Hamburg: Rowohlt.
Zizek, S. (2009),  The Plague of Fantasies. London: Verso. (in Deutsch in veränderter Version erschienen unter den Titel: Die Pest der Phantasmen. Die Effizienz des Phantasmatischen in den neuen Medien [Passagen X-Media]. Wien: Passagen Verlag, 1999.)

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck, Nürtingen am Neckar.
 

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