Zum ersten Mal …

Kerry Kelly Novick
 

Zu der Zeit, als ich noch an der renommierten Hampstead Klinik in London in der Ausbildung zur Kinderanalytikerin war, kam ich einmal in den Gemeinschaftsraum der Klinik hinein, wo ich meine...

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Zu der Zeit, als ich noch an der renommierten Hampstead Klinik in London in der Ausbildung zur Kinderanalytikerin war, kam ich einmal in den Gemeinschaftsraum der Klinik hinein, wo ich meine damalige von mir überaus geschätzte und hoch verehrte Supervisorin schweigend und mit blassem Gesicht angespannt am Tisch sitzen sah. „Ist etwas passiert? Ist alles in Ordnung?“ Auf mein spontanes Fragen hin lächelte sie mich an und gab mir zur Antwort: „Ja schon. Es ist nur, dass ich jetzt gleich einer neuen Patientin begegnen werde. Beim ersten Mal bin ich immer ziemlich nervös.“

Die ersten Erfahrungen die wir machen, während wir uns noch ganz am Anfang unserer psychoanalytischen Ausbildung befinden, spielen immer eine entscheidende und prägende Rolle. Denn oftmals werden bereits aufgrund dieser ersten Erfahrungen die Weichen gestellt für unsere spätere, lebenslang beibehaltene Einstellung in unserem Beruf. Diese ersten Erfahrungen bringen die Herausforderung mit sich, uns zu positionieren und Stellung zu beziehen in dem schwierigen Prozess, uns als Analytiker zu definieren und so in einem oftmals langwierigen und schwierigen Prozess unsere eigene Identität als Analytiker zu entwickeln.

Dank ihrer Aufrichtigkeit hatte meine Supervisorin es damals in jenem für mich bis heute denkwürdigen Moment, als sie selbst in Erwartung einer neuen Patientin war, fertig gebracht, mir unmissverständlich zu verstehen zu geben, dass meine eigenen Bedenken und Ängste unmittelbar vor dem Zusammentreffen mit einem neuen Patienten bzw. einer neuen Patientin, d. h. mit einer mir bis zu diesem Zeitpunkt völlig fremden Person, in deren Welt ich mir nun einen umfassenden und tiefgreifenden Einblick zu verschaffen gedachte, durchaus legitim und berechtigt waren. Ich begriff, dass die Tatsache, in einer solchen Situation Gefühle von Besorgnis, Unsicherheit oder gar Ängste zu haben, nicht nur als ein Zeichen meiner Unerfahrenheit zu werten war, ja dass es sogar unangebracht und sinnlos wäre, dererlei Gefühle einfach vor sich und anderen verleugnen oder verscheuchen zu wollen. Ich begriff auch, dass meine Aufgabe vielmehr darin bestand, mich möglichst unvoreingenommen zur Verfügung zu stellen und offen zu halten für all das, was auf mich zukommen und sich in der und durch die Begegnung mit der fremden Person ergeben und entwickeln würde. Meine Supervisorin half mir zu verstehen, dass beide, Patient und Analytiker, in der klinischen Begegnung Gefühle haben, die von intensiver Unsicherheit bis hin zu Gefühlen von Hoffnung und Erwartung reichen können, und dass wir, Patient und Analytiker, deswegen auch über eine gemeinsame Basis verfügen, von der ausgehend wir in der Folge versuchen können, ein stabiles Vertrauensverhältnis aufzubauen, das uns dann wiederum erlauben würde, gemeinsam auf Erkundungsreise in bislang noch unbekannte und unerforschte Gefilde aufzubrechen.

Es war so ziemlich auf den Tag genau ein Jahr später, als ich im oberen Stockwerk des Altbaus der Hampstead Klinik zum ersten Mal meiner vier Jahre alten Patientin begegnete. Nach Beendigung der ersten Sitzung mussten meine kleine Patientin und ich dann zusammen drei Stockwerke eine steile Treppe hinunter steigen, wo ihre Mutter unten im Wartezimmer auf uns wartete, um dort ihre Tochter nach ihrer ersten Sitzung mit mir wieder in Empfang zu nehmen. Ganz spontan und ohne groß zu überlegen, streckte ich, als wir zum oberen Treppenabsatz gelangten, meine Hand aus, und meine kleine Patientin ergriff sie. Eine der in der der Hampstead Klinik angestellten Therapeutinnen, die uns zufällig sah und mich dabei beobachtet hatte, wie ich dem Kind die Hand reichte, machte mir später Vorhaltungen deswegen: „Sie sollten einem Patienten von sich aus nie die Hand anbieten – das ist nicht analytisch.“

Diese kritische Äußerung vonseiten der Therapeutin erwies sich für mich tatsächlich als eine ziemliche Herausforderung und veranlasste mich dazu, mir zum ersten Mal wirklich bewusst Gedanken darüber zu machen, was im Rahmen der psychoanalytischen Behandlung zulässig, anders gesagt, was 'analytisch' war, und was nicht. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer geglaubt, dass die Psychoanalyse ein schier unendliches Potential in sich barg und dass die psychoanalytische Theorie eine Vielzahl von Phänomenen auf den unterschiedlichsten Ebenen und aus den unterschiedlichsten Bereichen in all ihrer Komplexität auslotete und auf den Begriff brachte, und dass unser behandlungstechnisches Repertoire deswegen auch so unendlich reich an Möglichkeiten ist. Und jetzt auf einmal bekam ich da von einer anderen Person, die sich wie ich selbst auch für die Profession der Psychoanalyse entschieden hatte, zu hören, dass etwas Bestimmtes nicht ging bzw. nicht zulässig war, und natürlich beunruhigte mich dies zutiefst.

Nun, ich muss sagen, zunächst einmal war ich einfach verärgert, weil mir die kritische Bemerkung der Therapeutin in dieser bestimmten Situation völlig unangemessen erschien. Doch kurze Zeit später tauchten dann auch schon die ersten Ängste in mir auf und auch meine Selbstzweifel ließen nicht lange auf sich warten – immerhin war ich selbst erst gerade 24 Jahre alt und befand mich noch in der Ausbildung zur Kinderpsychoanalytikerin, und was wusste ich also schon darüber, was 'analytisch' war und was nicht. Immerhin befand ich mich doch immer noch mitten in der Ausbildung und zwar nicht an irgend einem beliebigen Ort, sondern im Mekka der Kinderpsychoanalyse, wo man doch gewiss alles wusste, was es zu wissen und zu lernen gab für jemanden, der wie ich die Ambition hatte, eine gute Kinderpsychoanalytikerin zu werden.

Wie sich allerdings später herausstellen sollte, war diese Begebenheit, die in mir ein intensives Gefühl von Unbehagen und Unsicherheit ausgelöst hatte, schließlich auch zu etwas gut. Sie war ein wichtiger Anstoß dafür, meine sich in der Entwicklung und also erst noch im Entstehen befindliche Identität als Analytikerin kritisch zu hinterfragen und immer wieder aufs Neue zu überprüfen. Die Frage war schließlich: Was würde und was könnte ich persönlich aus der Psychoanalyse machen? Ich hatte mich längst schon unumkehrbar auf die nie endende Reise der Selbsterkundung und kontinuierlichen Selbstbestimmung begeben, die zweifelsohne ein integraler Bestandteil unserer Disziplin ist, um nämlich sowohl der Individualität des Analytikers als auch derjenigen des Patienten bestmöglich gerecht werden zu können, was uns Analytikern allerdings eine ganze Menge abverlangt, nämlich uns zum Instrument zu machen im Dienste der analytischen Arbeit und des analytischen Fortschritts. Es ist eine unumstößliche und unleugbare Tatsache, dass ich im Rahmen meiner Arbeit als Psychoanalytikerin als ich selber für den Patienten auf den unterschiedlichsten Ebenen präsent bin und eine Realität darstelle: eine physische, objektive, praktische, emotionale und konzeptionelle Realität. Ich konnte somit gar nicht umhin, als immer wieder von Neuem über die Komplexität der verschiedenen Ebenen von Realität im Rahmen meines analytischen Arbeitens nachzudenken.

Was nun die von mir zuerst angesprochene Realität betrifft, so ist Folgendes zu konstatieren: Meine Patientin war ein kleines Mädchen, das gerade dabei war eine steile Treppe hinunter zu steigen, während ich die Erwachsene war, die zuverlässig zu sein hatte und in deren Obhut sich die Kleine befand. Ich war damals, und bin es auch heute noch, der festen Überzeugung, dass es die Aufgabe eines jeden Erwachsenen ist, alles dafür zu tun, ein ihm anvertrautes Kind nicht in Gefahr zu bringen. Und ich möchte betonen, das ich dies sowohl im konkreten als auch im metaphorischen Sinne verstanden wissen möchte. Jack Novick und ich haben in mehreren unserer Publikationen wiederholt über die Hierarchie der Werte in der psychoanalytischen Klinik nachgedacht und geschrieben. Dabei kamen wir stets einhellig zu dem Schluss, dass Sicherheit an aller erster Stelle zu stehen hat. (Novick, K. und Novick, J. 2005; Novick, J., und Novick, K. 2009). In all unseren bisherigen Beiträgen versuchten wir deswegen ein Verständnis und eine Sensibilität dafür zu wecken, dass eine erfolgversprechende psychoanalytische Behandlung nur dann möglich ist, wenn es Analytiker und Patient gelingt, gemeinsam einen Ort zu kreieren, wo es für beide so etwas wie emotionale Sicherheit gibt. Somit gehört es zu einer der ersten und wichtigsten Aufgaben des Analytikers, ein Verständnis und ein Gespür dafür zu entwickeln, wie die besonderen Bedingungen für den Patienten zu sein haben, damit er oder sie sich im Rahmen der psychoanalytischen Behandlung sicher fühlen kann. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass überhaupt ein Großteil der analytischen Arbeit darin besteht, herauszufinden, was dem Vertrauen in der spezifischen Beziehung zwischen Patient und Analytiker zuträglich und förderlich ist und welche Bedingungen im Gegenteil die Fähigkeit des Patienten sowie des Analytikers zum gemeinsamen Arbeiten in gewissen Situationen womöglich einschränkt oder gar verhindert. Und damit wären wir auch schon bei der zweiten von mir oben angesprochenen Realität angelangt.

Je mehr ich mich nun auf meine vier Jahre alte Patientin einließ, desto mehr entwickelte sich bei mir ein Gewahrsein und ein Gespür für die übermächtige Realität ihrer Übertragungswünsche nach einer verlässlichen und fürsorglichen Mutter. Auf der Grundlage dieses vertieften Verständnisses für die Übertragungswünsche meiner Patientin wurde ich mir aber gleichzeitig auch einer in mir verborgenen Strebung gewahr, diesen Wünschen der Patientin entgegen zu kommen. Auf diese Weise lernte ich schließlich etwas über eine mögliche Überdeterminiertheit von Seiten des Analytikers, nämlich was seine Bereitschaft betrifft, auf die Wünsche und Bedürfnisse des Patienten einzugehen – womit wir auch schon bei der dritten Realität angelangt wären. Es war eben diese Einsicht, die es mir schließlich ermöglichte, anders auf die diversen Interaktionen zwischen meiner Patientin und mir hinzuhorchen und mir infolgedessen der Komplexität sowohl ihrer unterschiedlichen Gefühle mir gegenüber, als auch meiner Gefühle ihr gegenüber, in einem weitaus größeren Maße bewusst zu werden, als das zuvor der Fall gewesen war.

Wieder waren fünfzehn Jahre vergangen. Ich hatte während dieser Zeit als Kinder- und Jugendlichenanalytikerin praktiziert, hatte aber auch mit Eltern gearbeitet. Wozu ich mich allerdings bislang nicht hatte entschließen und durchringen können war, Analysen mit erwachsenen Patienten durchzuführen, weil ich ja offiziell keine formale Ausbildung zur Erwachsenenanalytikerin durchlaufen hatte. Ich begann dann schließlich meine Ausbildung zur Erwachsenenanalytikerin mit einigen in meinem Vorbewussten verankerten Hypothesen, ohne diese je wirklich selbst zuvor einer eingehenden und kritischen Prüfung unterzogen zu haben. Eine der Annahmen, die sich in meinem Vorbewussten eingenistet und dort festgesetzt hatten, war mir von einigen meiner Kollegen und Kolleginnen übermittelt worden, die selbst ausschließlich mit erwachsenen Patienten arbeiteten, weil sie nämlich davon überzeugt waren, dass sich die psychoanalytische Behandlung mit Erwachsenen in vielerlei Hinsicht und grundlegend von derjenigen mit Kindern unterscheidet. Nun war es aber so, dass ich mich in meiner theoretischen Arbeit und in den von mir verfassten psychoanalytischen Aufsätzen für gewöhnlich immer mit solchen Vorstellungen, Dynamiken und Techniken befasst hatte, die sich nicht ausschließlich auf eine spezifische Altersgruppe beschränken ließen.

Nun war ich mehr als verwundert darüber, als ich von einer meiner ersten erwachsenen Patientinnen, die ich in psychoanalytische Behandlung nahm, erfuhr, dass sie sich genau aus dem Grund dafür entschieden hatte zu mir in Analyse zu kommen, weil sie wusste, dass ich auch Kinder behandelte. Was ihr nämlich wirklich zu schaffen machte und innerlich enorm zusetzte, war die Tatsache der Intensität ihrer Wutgefühle ihren eigenen Kindern gegenüber. Und aus irgend einem Grund hatte sie dann wohl die Hoffnung gehabt, dass gerade ich, die ich sowohl mit Erwachsenen als auch mit Kindern arbeitete, prädestiniert dafür war, diese intensiv erlebten Konflikte in den Interaktionen zwischen ihr und ihren Kindern zu verstehen, weil ich in der Lage war, beide Seiten gleichermaßen in Betracht zu ziehen. Und so begann mit der Analyse dieser Patientin für sie und auch für mich eine Reise voller Entdeckungen, die mir persönlich schlussendlich zu einer umfassenderen Sicht der Psychoanalyse verhalf.

Das war nun das erste Mal, dass sich mir die Gelegenheit bot, mich so direkt mit inter-generationellen Problemen und Konflikten und generationen-übergreifendem klinischen Material auseinander zu setzten. Und dies eröffnete mir dann auch die Chance, die Entdeckung zu machen, dass sich die von mir angewandte psychoanalytische Behandlungstechnik keineswegs nur für eine bestimmte, d. h. eine altersspezifische Gruppe von Patienten eignete. Es verdichtete sich in mir mehr und mehr die Vorstellung von einer Psychoanalyse, von einer den ganzen Lebenszyklus von psychischer Entwicklung und psychischem Geschehen umfassenden Psychologie.

So darf ich wohl abschließend sagen, dass ich noch auf viele solche 'ersten Male' hoffe.

Literatur:

Novick, J. and Novick, K. (2009). Expanding the domain. Annual of Psychoanalysis, Ed: Jerome Winer. Catskill, NY, Mental Health Resources. pp. 145 - 160.

Novick, K. K. and Novick, J. (2005). Working With Parents Makes Therapy Work. Jason Aronson: New York.

Aus dem Englischen übersetzt von M. A. Luitgard Feiks und Juergen Muck, Nuertingen am Neckar

 

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