Der Körper in Quarantäne

Psic. Luis Fernando Orduz
 

Körper, vielfältig und vergänglich: Kontakt, obszön, berührung, utopie, Eros, obskur

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  1. Am Anfang war der Körper, jener der Mutter, jener der Urzeit. Es ist nicht gewiss, dass die Frau, wie uns das Buch von den Anfängen erzählt, aus einer Rippe Adams genommen wurde, alles war umgekehrt. Wir tauchen auf aus dem mütterlichen Körper.
  2. Es gibt ein Alpha des Körpers, welches der Nabel ist, hier befindet sich die erste Narbe des Lebens.
  3. Der Körper wird geschnitten, tätowiert, beschrieben und eingeschrieben. Der Körper ist ein Pergament, auf das die Geschichte Buchstaben druckt, das Verstreichen der Zeit ritzt Linien auf diese Oberfläche.
  4. Die Zeichen der Identität sind im Körper, in den Fingerabdrücken, im Gewebe der Iris, in der Geometrie der Ohrmuscheln, in den Knospen und Kämmen der Zunge.
  5. Ich weiß nicht, ob ich bin oder nicht bin, aber mein Körper lebt mich und hält mich fest.
  6. Der Körper verschlingt und wird verschlungen, er berührt und wird berührt, er sieht an und wird angesehen.
  7. Die Mutter wiegt einen Körper in ihren Armen, hält ihn, säubert ihn. Im Rhythmus ihrer Zärtlichkeit wird eine Melodie komponiert auf den Notenlinien unserer Haut.
  8. Der Körper ist Gedächtnis, lebendige Erinnerung an eine Vergangenheit.
  9. Wir ernähren uns von anderen Körpern, um zu leben, wir essen den Leib Christi, um Gemeinschaft zu bilden und zu sein. ‘Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, tut dies zu meinem Gedächtnis.’
  10. Der Körper dürstet, er dürstet nach Wissen, nach Liebe, nach Sein.
  11. Die Körper durchdringen einander, durchbohren einander, wühlen einander ins tiefste Innere oder berühren einander nur leicht.
  12. Die Mörder drücken den Körpern ein Zeichen auf, indem sie sie des Lebensodems berauben. Sie nehmen ihnen ihre Augen weg, damit sie nicht bezeugen können, sie schneiden ihnen die Zunge ab, damit sie sie nicht verraten, sie schneiden ihnen ihre Genitalien ab, damit sie sich nicht vermehren.
  13. Die Körper erspähen einander, kommen einander näher, nehmen den Duft des anderen wahr, drücken die Lippen aufeinander, werden blind, um   einander zu durchdringen.
  14. Von Zeus getrennt, sucht ein Bruchstück des Wesens ewig das andere Wesen, das es ergänzen und vervollständigen soll. Der Körper sehnt sich nach anderen Formen des Körpers.
  15. Der Körper liebt, inzestuös, inzüchtig, exogam, kindlich, zärtlich.
  16. Der Körper reift, der noch bartlose kindliche Flor bildet schwellende Wölbungen, der Körper fordert heraus.   
  17. Die Veränderung ist eine Essenz des Körper-Werdens. Die Oberfläche des Körpers wird verziert, parfümiert, geschmückt, bekleidet und entkleidet, dekoriert, gestaltet und neu gestaltet. Wir fühlen uns nie wohl damit, seine Form zu bewohnen.
  18. Seit Anbeginn der Menschheit vergrößern wir Lippen und Ohrläppchen, verlängern wir Hälse, werden Fußwurzeln und Mittelfüße zertrümmert; heute wird Silikon in Brustdrüsen implantiert, verkürzen wir Nasenscheidewände. Der Körper wird bearbeitet und in den Körper wird eingegriffen, im Bestreben, in ihm das ideale Wesen der Schönheit anzusiedeln.
  19. Der Körper ist Ausdehnung, aber auch Zusammenziehung, er lebt in beständiger Spannung. 
  20. Der Körper ist Trieb [pulsiòn], aber auch Getrieben-Sein [com-pulsión, Zwang] und Fortgetrieben-Sein [re-pulsiòn, Ekel].
  21. Der Körper ist Soma, Physis, Derma, KardiaPneuma. Es gibt nicht eine einzige körperliche Einheit, die Einheit ist eine Vielfalt, mit kommunizierenden Gefäßen, mit Netzen, die verknüpfen und anknüpfen.
  22. Der Körper erkrankt, verfällt, zerknittert. Der Körper wird von Hysterie, Obsession, Hypochondrie, Angst befallen.
  23. Die Knöchel oder Fingergrundgelenke werden gegen eine harte Oberfläche gerieben. Aus den kleinen Kapillargefäßen, die die Fingerglieder umgeben, quillt hochrote Flüssigkeit.
  24. Die Scheidenschleimhaut krümmt sich von Feuchtigkeiten, geblendet von der höhlenartigen Anlage, die sich mit Blut füllt.
  25. Das Blut erinnert uns an die Ankunft des Lebens, selbst wenn uns jeder 28. Tag auch an das gescheiterte Leben erinnert.
  26. Der Körper pocht zwischen Schmerzen und Lieben.
  27. Der Körper speit aus und nimmt wieder auf, weist zurück und scheidet aus.
  28. Der Körper verleibt sich ein, assimiliert, verdaut.
  29. El Greco sah die Körper in schlaffen Formen. Egon Schiele sagte, er male das Licht, das den Körpern entströme. Bacon zeigte uns das überquellende Fließen und die Veränderung ihrer Formen. Botero vermachte uns die voluminöse Wollust des Fleisches.
  30. Der Körper ist Darstellung und Vorstellung.
  31. Für Freud sind alle Apparate der modernen Technik nichts als Erweiterungen unseres Körpers. Auch Borges vertrat diese Idee.
  32. In den Windungen des Gehirns wohnt ein anderer Körper, verschieden von dem, den wir im Spiegel sehen; in unserem Gehirn sind wir mehr Lippen als Rumpf, mehr Hände als Arme. Unser Körper ist das, was wir sehen, aber unser Körper fühlt sich für uns anders an, verschieden vom Bild im Spiegel.
  33. Vor dem Spiegel wird der Körper entblößt, beobachtet, kritisiert, korrigiert, erträumt, er wird zu einem anderen. Vor dem Spiegel sind die Augen, die mich ansehen, nicht die meinen, sie gehören einem Anderen.
  34. Mein Körper ist Territorium der Freiheit… welch leere Illusion.
  35. Dein Körper ist die Erinnerung an den Unterschied in der Farbe deiner Haut, in der Form deines Rumpfes, im Volumen deiner Schenkel, in der Farbe deiner Iris, im Gewelltsein des Haars, das dein Gesicht umrahmt, in Melanin deiner Haut, im Geschmack deiner Küsse.
  36. Der Körper wird beblößt und entblößt, wird verhüllt und enthüllt, wird bedeckt und entdeckt. Der Körper wird maskiert. Maske ist Person, ohne Maske verlieren wir die Persönlichkeit, sind wir entblößte Körper, die Nacktheit lügt nicht, Schleier verbergen die Wahrheit des Körpers.
  37. Ein Körper täuschte Freud, blinzelte ihm zu, sagte ihm, dass eine Zigarre nicht unbedingt eine Zigarre ist.
  38. ‘Trägst du eine Pistole in der Tasche oder freust du dich, mich zu sehen?’ (Mae West)
  39. Die Anatomie ist nur eine der vielen Versionen der Per-Versionen des Körpers.
  40. Freuds Körper ist der Körper des Triebes, Lacans Körper ist der Körper des Signifikanten, Platons Körper ist der Körper der Ideen, Christi Körper ist der Körper des Schmerzes, Winnicotts Körper ist der Körper der Mutter, Laplanches Körper ist der Körper der Verführung; der meine wird der Körper  der Würmer sein, die ihn verschlingen werden, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
  41. Der Körper ist die betrogene Materie, die uns das Nichts vergessen lässt, das wir sein werden.
  42. Körper, der du weder Subjekt noch Objekt bist; er wird behandelt, als wäre er ein anderer, spricht aber zu uns, als wäre er autonom.
  43. Spinoza sagte: ‘Niemand weiß, was ein Körper vermag.’ (Ethik, Teil III, 2. Lehrsatz).
  44. Schließlich ist jeder Körper ein Zeugnis einer vergänglichen Existenz.
Übersetzung: Susanne Buchner-Sabathy
 

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