Psychoanalyse im Epizentrum der Pandemie

Dr. Katharina Rothe
 

Ja, wir erleben Covid alle gleichzeitig, aber nein, das Trauma ist nicht für alle gleich.

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Ich schreibe dieses Essay nach mehreren Monaten im ‘Lockdown’-Status in New York City (NYC) und nach zwölf Wochen, in denen ich Patienten-/innen nur im Homeoffice behandelt habe, also per Audio- und/oder Videoverbindung. Zusätzlich wurde in den letzten Tagen ein kritischer Punkt in den Vereinigten Staaten erreicht, nachdem – diesmal in Minneapolis – wieder einmal ein schwarzer Mann von einem weißen Polizisten ermordet wurde; das hat Proteste gegen die systemische rassistische Gewalt im ganzen Land ausgelöst. Die Pandemie hat die immensen Disparitäten, Ungerechtigkeiten und systemische Gewalt in den USA noch verstärkt. Sie hat auch wieder einmal den Rassismus selbst als globale Pandemie verdeutlicht, wobei dieser sich sowohl inhaltlich als auch im Hinblick auf seine Institutionalisierung zwischen Nationen unterscheidet; dies geht wiederum auf spezifisch historische Verschiedenheiten zurück (wie z.B. Kolonialismus, Sklaverei, Nationalsozialismus, um nur einige Kennzeichen von verschiedenen Vergangenheiten zu nennen). 

Wie also war (und ist) es, inmitten dieser Krise Psychoanalyse und Psychotherapie zu praktizieren? Psychoanalytiker-/innen haben wiederholt die Idee geäußert, (z.B. in Zoom-Sitzungen oder auf psychoanalytischen Mailinglisten) dass sie nun dasselbe Trauma wie ihre Patient-/innen erleben. Ich möchte kurz skizzieren, inwiefern ein solch verallgemeinernder Begriff der ‘COVID-Pandemie als Trauma’ diverse Erfahrungen – inklusive Trauma, traumatischer Reaktivierung, Angst, Hilflosigkeit und Wut (u.a.) – zusammenwirft. Zwar interagiert individuelles Trauma mit zahlreichen kollektiven oder Gruppen-Traumata, doch sind solche Interaktionen äußerst komplex und bedürfen sorgfältiger Differenzierungen. Ich rate zu Vorsicht und Genauigkeit bei Verwendung des Begriffs psychischen Traumas und dazu, nur dann von diesem zu sprechen, wenn ein Mensch, oder genauer gesagt, das leiblich seelische Selbst (‘Bodymind’’[1]) eines Menschen in einer Weise überwältigt wird, dass es nicht möglich ist, die traumatische Begebenheit vollständig zu erleben, geschweige denn psychisch zu verarbeiten. Psychisches Trauma hat sowohl kurz- wie auch langfristige Folgen für die gesamte leiblich-seelische Organisation eines Menschen.

Haben viele Patienten/-innen und Analytiker-/innen während der Pandemie traumatische Erfahrungen gemacht, sei es direkt durch die Pandemie oder indirekt durch die Re-Aktivierung vorheriger Traumata? Sicher. Haben alle Patienten-/innen und Analytiker-/innen in NYC durch die COVID-Pandemie traumatische Erfahrungen gemacht? Sicher nicht. Hier gilt es zu differenzieren, und ich möchte dazu beitragen, dass – dank der jüngsten Proteste gegen Rassismus und systemische Gewalt gegen Schwarze – mehr Aufmerksamkeit als üblicherweise auf die Vielfalt von Leiden (gegenüber dem Nichtvorhandensein von Leiden) gerichtet bleibt.

Sowohl Art und Weise als auch Ausmaß psychischen Leids hängen von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von sozioökonomischen. Wie erwartet korrelieren die Raten schwerer Infektionen und Todesfälle nicht nur stark mit Alter und Vorerkrankungen, sondern auch mit sozioökonomischem Status und – da beide in den USA nach wie vor systematisch zusammenhängen – mit der ‘Rasse’. Schwarze und Lateinamerikaner-/innen haben deutlich mehr gelitten als Weiße[2].

Die sozioökonomischen Unterschiede in den Vereinigten Staaten im Allgemeinen und in NYC im Besonderen waren bereits prä-pandemisch immens – einschließlich des Mangels an Zugang zu angemessenem Wohnraum, Ernährung und höherer Bildung für viele benachteiligte und besitzlose Menschen sowie des Mangels an solchen Arbeitsplätzen, die Krankenversicherung einschließen oder genug für den Zugang zur Gesundheitsversorgung einbringen. Jetzt haben sich all diese Unterschiede und Ungerechtigkeiten noch verschärft. Dies geht auch damit einher, dass die Mehrheit der Menschen, die unter rassistischer Gewalt leiden (sowohl aktuell durch strukturelle und physische Gewalt als auch transgenerationell) kaum Zugang zu psychotherapeutischer oder psychoanalytischer Behandlung in Privatpraxen haben. Was uns in unseren Praxen begegnet – und was uns nicht begegnet – spiegelt die sozioökonomischen, rassistischen und beruflich bedingten Ungleichheiten wider, es sei denn wir arbeiten dezidiert dagegen (z.B. indem wir kostenlose oder günstige Versorgung anbieten und mit Organisationen systematisch benachteiligter Gruppen zusammenarbeiten). 

In meiner Praxis habe ich verschiedene Reaktionen meiner Patienten-/innen erlebt, zwischen Trauma oder Trauer auf der einen und Erleichterung auf der anderen Seite. Vor allem sozial ängstliche oder schizoide Menschen fühlten sich zum Teil erlöst vom sozialen Druck, mit anderen in Kontakt und sozial aktiv zu sein, zu kommunizieren und mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, oft in unmittelbarer körperlicher Nähe und auf engem Raum. Andere Menschen mit generell hohem Angstniveau fühlten sich zur Abwechslung in ihrer Angst bestätigt oder gerechtfertigt angesichts der grassierenden und weit verbreiteten Angst vor COVID.

Menschen ‘an vorderster Front’ der Pandemie, insbesondere diejenigen, die – z.B. in Krankenhäusern oder Pflegeheimen – COVID-Kranke versorgten oder auch (angesichts der hohen Todesraten zu Peak-Zeiten[3]) daran täglich scheiterten, wurden offensichtlich traumatisiert. Das bedeutet unter anderem, dass sie zwangsläufig Angst und Schmerz dissoziieren mussten, nur um weitermachen und -arbeiten zu können. Einige Patienten-/innen haben Angehörige verloren und trauern, während andere große Angst durchlebt haben, wenn Familienmitglieder schwer erkrankt waren und sie diese nicht einmal im Krankenhaus besuchen durften.  

Durch die Pandemie sind persönliche und zwischenmenschliche Konflikte wie auch (sozioökonomische und psychische) Ressourcen zur Bewältigung dieser Probleme stärker in den Vordergrund gerückt. Aufgrund der Schließung aller „nicht wesentlichen Unternehmen und Geschäfte“ haben einige meiner Patienten-/innen ihren Arbeitsplatz verloren. Andere sind froh, noch einen Job zu haben, und diejenigen, die zu Hause arbeiten, haben noch längere Arbeitszeiten als zuvor. So sitzen sie nun tags und teilweise nachts vor ihren Bildschirmen, und dies unter Stress, nicht zuletzt, da sie aufgrund der bereits begonnenen Wirtschaftskrise damit rechnen, in naher Zukunft ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Kurzum, Menschen leider unter Angst, beruflicher und finanzieller Unsicherheit, aber auch sozialer Isolation oder der Verschärfung zwischenmenschlicher Konflikte mit Partnern, Mitbewohnern und Kindern oder anderen Familienmitgliedern, die sie betreuen. Die Arbeit mit Patienten-/innen, die über den Verlust eines geliebten Menschen durch COVID trauern, bedeutet vornehmlich, sie in ihrer Trauer zu begleiten und zu unterstützen, sodass sich psychischer Raum für Trauerarbeit öffnen kann. Für Menschen, die bereits zuvor traumatischen Verlust erlebt haben, geht COVID nicht nur mit Trauer angesichts erneuten Verlusts einher, sondern auch damit, dass psychische Mechanismen reaktiviert werden, die vor der Wiederholung eines solchen Traumas zu schützen versuchen. Solche Patienten-/innen leiden unter großer Angst, erneut einen Verlust zu erleiden, welche sich z.B. in Kombination mit Traumata durch rassistische Gewalt noch verschlimmert.

Letztlich bin ich in dieser Zeit noch stärker mit den Grenzen unserer Arbeit konfrontiert als vor der Pandemie. Obwohl ich täglich die Erfahrung mache, was die Psychoanalyse bewirken kann, z.B. destruktive Beziehungsmuster und zwischenmenschliche Konflikte durchzuarbeiten, Selbstreflektion und Selbsterkenntnis zu stärken sowie zur Heilung von Traumata beizutragen, werde ich auch schmerzlich daran erinnert, was die Psychoanalyse nicht bewirken kann – zumindest nicht direkt – nämlich die sozialen Bedingungen zu verbessern, die Leid hervorbringen und verstärken. 

[1] Wrye (1998) quoted by Dimen (2000). The Body as Rorschach. Studies in Gender and Sexuality, 1: 9-39, pg. 10.
[2] https://www.nytimes.com/2020/04/08/nyregion/coronavirus-race-deaths.html
[3] https://www.nytimes.com/interactive/2020/05/05/us/coronavirus-death-toll-us.html