Die Bevölkerungsgruppe älterer Erwachsener gehört zu den am meisten betroffenen und hat aufgrund der Besonderheiten des Covid-19-Virus ein hohes Risiko. Wir wissen, dass es sich um eine große Altersgruppe handelt, die in der entwickelten Welt noch im Wachsen begriffen ist. In Lateinamerika gehört Argentinien zu den Ländern mit einer hohen Alterungsrate der Bevölkerung.
Die älteren Erwachsenen sind eine inhomogene Gruppe, die eine unterschiedliche Anzahl von Lebensjahrzehnten, verschiedene Situationen seelischen und körperlichen Wohlbefindens und verschiedene soziale Rahmenbedingungen umfasst. Auf ihre unterschiedlichen Bedürfnisse von Betreuung und Behandlung zu reagieren ist weiterhin eine wichtige gesellschaftliche Herausforderung. Erforderlich sind Maßnahmen, durch die ein aktives und gesundes Älterwerden gefördert werden kann.
Die größten Schwierigkeiten bei der Behandlung des Themas sind klassischerweise mit diskriminierenden Verhaltensweisen und mit Vorurteilen hinsichtlich des Älterwerdens verknüpft, beginnend mit der allseits bekannten ‘Disengagement’-Theorie
[1], ins Spanische übersetzt als ‘desapego’
[2]. Diese Theorie betonte den Verzicht und die Unterscheidung nach Lebensalter, wobei das Alter allein als Prozess allgemeinen Rückschritts verstanden wird, welcher ausschließlich von biologischen Faktoren abhängig ist. Der bewusste und unbewusste Einfluss besagter Theorie erstreckt sich auf alle Bereiche des Studiums des Alterns. Die Psychoanalyse hat sowohl in der Theorie wie auch in der psychotherapeutischen Betreuung auch heute noch mit dieser Einschätzung zu tun, deren Auswirkungen sie einzudämmen versucht.
Der Kontext der Schrecken erregenden Bedrohung durch die Pandemie strich in vielen Fällen die mangelnde Betreuung der in vielen Ländern am stärksten betroffenen, älteren Bevölkerungsgruppe hervor, womit sich die Gefahr einer Altersdiskriminierung abzeichnet. Der Kontext der Einsamkeit und der sozialen Isolierung, sowie das Leben von älteren Personen, die in geriatrischen Pflegezentren untergebracht sind, war ein Auslöser für den hohen Prozentsatz von Toten weltweit. Wir müssen darauf hinweisen, dass dies ein niedriger Prozentsatz der am stärksten von Krankheit betroffenen, älteren Bevölkerungsgruppe ist, nicht die Mehrheit, die in unserer Gesellschaft lebt.
Die Regierungen trafen viele Maßnahmen, um diese gefährdete Bevölkerungsgruppe zu schützen, einige davon stellten jedoch für einen Teil der älteren Menschen eine Zurückweisung dar, da sie ganz klar diskriminierend waren. Zum Beispiel versuchte die Stadtregierung von Buenos Aires, die Bewegung von über 70-jährigen Personen im öffentlichen Raum einzuschränken und zu regulieren, was einen Eingriff in deren Rechte darstellte.
Die Pandemie und die außerordentlichen Maßnahmen zur Isolierung und verpflichtender Quarantäne lösten für ältere Menschen eine ganze Reihe weiterer Probleme aus.
Innerhalb dieser großen Gruppe sind die Unterschiede normalerweise beträchtlich, die Verarbeitung von Trauer und Verlust und die persönliche Lebensgeschichte können viel mehr Einfluss haben als chronische Krankheiten
[3]. Vom Verständnis des eigenen Älterwerdens und der Fähigkeit, das Alter zu denken, hängt das psychische Wohlbefinden ab. Bindungen und soziale oder berufliche Aktivitäten aufrecht zu erhalten ermöglicht es auch, gegen melancholische Aspekte anzukämpfen oder zu vermeiden, in Regression zu verfallen, bis hin zum Extrem der psychischen Desintegration.
Wenn auch die Fülle der emotionalen Erfahrung und die innere Welt älterer Personen ein Zufluchtsort sein können, um die soziale und familiäre Isolierung besser zu ertragen, kann die Last des lang anhaltenden Abstandhaltens unerträglich werden. Dies kann mit den Auswirkungen des Verlusts des affektiv-körperlichen Kontakts zwischen den Generationen zu tun haben, zum Beispiel dem Besuch von Enkeln, Kindern und anderen Familienmitgliedern. Manche älteren Menschen pflegten, die Einsamkeit zu bekämpfen, indem sie soziale Zentren aufsuchten und verschiedenen Aktivitäten nachgingen, was jetzt nicht möglich ist.
Das Leben als Paar kann in manchen Fällen Konflikte und Unterschiede verstärken, wie in anderen Phasen des Lebens. In diesen Fällen müssen die Kinder diese Last mittragen und als Vermittler oder Aufsichtspersonen agieren. Je nach sozialem und kulturellem Umfeld sieht man derzeit in der städtischen Familie gewöhnlich kein generationsübergreifendes Zusammenleben in der Quarantäne. Zu beobachten ist eine große Angst der Kinder, die Eltern anzustecken, weshalb sie weniger oder nicht im notwendigen Ausmaß unterstützend tätig sind.
Die Trauerfälle wurden komplizierter, die Sterbefälle in Quarantäne machen Begräbnisse unmöglich, indem sie diese gesetzlich untersagten und die Rituale aussetzten, was dazu beitrug, die Furcht vor dem Verlust geliebter Menschen noch zu verstärken.
Andere ältere Paare können das Zusammensein genießen, das ihnen die Quarantäne aufzwingt, und ein befriedigendes und lustvolles Zusammenleben erreichen, abhängig von ihren vorherigen Fähigkeiten zu seelischem Wohlbefinden und Wohlbefinden in der Beziehung.
Viele Menschen leben allein, aber nicht einsam, da sie bis ins hohe Alter zahlreiche soziale und berufliche Aktivitäten weiterführen. Die Quarantäne scheint sie nicht daran zu hindern, weiterhin ein dynamisches Leben zu führen, kreative Aktivität hilft dabei, diese Menschen besitzen viele psychische und geistige Ressourcen, sind es gewohnt, sich den Schwierigkeiten des Lebens zu stellen, mit Erfolg und ohne Angst.
Die Anpassung der psychotherapeutischen Betreuung an die Quarantäne und die neuen Kommunikationstechnologien führt bei älteren Menschen zu unterschiedlichen Reaktionen.
Bei manchen führte der Verlust des persönlichen Zusammentreffens im Behandlungszimmer zur Unterbrechung der Behandlung. Für sie konnte der Mangel an zwischenmenschlichem Kontakt nicht durch andere Medien ersetzt werden, sie hatten das Gefühl, dass diese den verbalen und non-verbalen Austausch und das Schweigen, das es in der Analysesitzung gibt, nicht reproduzieren können. Die Versuche, Alternativen zu finden und anzubieten, waren vergeblich, ihr Charakter ließ sie gegen neue Technologien heftigen Widerwillen empfinden. Ich sah darin keinen besonderen Widerstand, sondern im Gegenteil einen Wunsch, die therapeutische Bindung zu bewahren und sich der aufgezwungenen Einhaltung der Quarantäne zu widersetzen und darauf zu setzen, den Raum irgendwann wieder zurückzugewinnen.
Andere halten die Kontinuität der Behandlung aufrecht, indem sie sich mit einer guten Veranlagung anpassen können. Im Allgemeinen besitzen sie gut integrierte Persönlichkeiten und entwickeln sogar zahlreiche Aktivitäten.
Manche Behandlungsgespräche mit über 80-jährigen Personen werden telefonisch weitergeführt, ohne Video, motiviert durch unterschiedliche Konflikte mit den Kindern, die sich durch die Quarantänesituation zuspitzen, wobei die Quarantäne Erinnerungen an paranoide Situationen und Folgen von Kriegstraumen auftauchen lässt. Narzisstische Persönlichkeiten erleiden in einer Situation der Isolation melancholische Regressionen, wobei der Sinn für Realität verloren gehen kann und Episoden von Verwirrtheit, Täuschungen oder Pseudo-Halluzinationen auftreten können, in denen infantile Zustände von Frustration und Leiden wiedererlebt werden. Viele dieser Krankheitsbilder, die nicht ausschließlich bei älteren Menschen zu erkennen sind, scheinen ohne viele äußerungsformen aufzutreten, sind deshalb aber nicht weniger gefährlich, da sie zu einer progressiven Verschlechterung oder zu gefahrvollen Verhaltensweisen führen.
Es stellt eine Herausforderung dar, Hilfestellung und Behandlung für ältere Personen abzudecken. Die Pandemie hat dies noch deutlicher gemacht. Betreuungskräfte, die nicht immer für diese besondere Herausforderung vorbereitet sind oder sogar vor dieser zurückschrecken, müssen gesucht und ausgebildet werden.
Das Älterwerden wird sich nach der Pandemie deutlich verändern. Die Auswirkungen der Pandemie in den Beziehungen zwischen den Generationen, im Bereich der Kultur und der Gesundheit der Menschheit sind unvorhersehbar.
[1] Cumming, E. & Henry, W.E. (1961).
Growing Old. New York: Basic Books.
[2] Salvarezza, L. (1988).
Psychogeriatrics: Theory and Practice. Buenos Aires: Paidos.
[3] Rozitchner, E.M
. (2012).
La vejez no pensada. Buenos Aires: Psicolibro ed.