Anmerkungen über die Pandemie und Brasiliens Pandämonen

Luciana Saddi
 

Die Pandemie befreite die Dämonen der Kolonialherren und Sklavenhalter. Widerhall des Deliriums, Anklänge an Koprophilie, Geschmack von Grausamkeit, Nachgeschmack der Lüge des Nazi-Faschismus.

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Als Anfang März die Pandemie einsetzte und die soziale Isolierung begann, schrieb ich einen Text mit dem Titel ‘Was wird es sein, das da kommt?’[1] Dies ist ein direkter Verweis auf Chico Buarque[2] und auf das Unbekannte. In jenem Augenblick war mir sehr nachvollziehbar, was die weißrussische Autorin und Journalistin Svetlana Alexandrowna Alexijewitsch, die im Jahr 2015 den Nobelpreis für Literatur erhielt, geschrieben hatte. In ihrem Buch Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft erzählte Svetlana, das Wort ‘Krieg’ werde als Bezeichnung für den Kampf gegen radioaktive Verstrahlung und deren Folgen verwendet. Sie fragte sich jedoch, welcher Krieg in der Lage sei, Boden und Gewässer eines ganzen Landes ein- oder zweitausend Jahre lang zu verseuchen. Ein Gebiet völlig tot zu machen, obwohl Pflanzen und Tiere dort bleiben und weiterleben. Das Wort ‘Krieg’ erfasste diese Ereignisse nicht. Die Autorin brauchte mehr als zwanzig Jahre, um über die Atomkatastrophe schreiben zu können. Die Worte fehlten, es fehlte das Verständnis. Sie musste darauf hoffen, dass die Erschütterung nachließ.

Zu Beginn der Isolationsmaßnahmen im März ließ die gewöhnliche Raserei der Stadt São Paulo nach. Wenige Autos, verhaltene und verstreute Geräusche. Geschlossene Geschäfte, leere Straßen. Die urbane Verlangsamung bildete den Kontrapunkt zur täglichen Bewegtheit in den Straßen. 

Die Behandlung ohne persönliche Anwesenheit und der Virus versetzten die Psychoanalytiker in den Alarmzustand – unterwarfen sie der Herrschaft des Unbekannten. Analytiker, die sich zunächst gegen Fernbehandlung aussprachen, akzeptierten, als sie die lange Dauer der Isolierungsmaßnahmen feststellten, den neuen Modus rasch, da es für die Patienten nötig war. Auch war es für die Analytiker selbst nötig zu arbeiten. Niemals stellte sich eine technische Frage so plötzlich. Die Libido ist formbar. Die Psychoanalyse ist mehr als das Setting, sie ist zu allererst eine Methode. Angst und Erschöpfung. So viele neue Elemente, die es inmitten der bedeutenden Veränderungen in Lebens- und Arbeitsweise zu beherrschen gilt. Kämpfe, in denen diese Elemente ausgearbeitet werden. Träume, Projekte, Reisen, Kongresse sind aus dem Blickfeld verschwunden. Die Anpassungen an die neue Wirklichkeit, die Konfrontation mit der Gefahr; die Kreativität sprudelte in unserer Mitte. Die Psychoanalyse machte uns stark und flexibel!

Das Trauma legt einen langen Weg zurück, bis die Durcharbeitung es ein ganz klein wenig zähmt, bändigt. Die Praxis lehrte uns, dass manche Erfahrungen solch eine Bedeutung erlangen, so großen Schaden anrichten, dass die Durcharbeitung niemals zu enden scheint. In diesem Sinne glaube ich, dass Covid-19 nie mehr nicht da sein wird. Im biologischen Sinne wünsche ich dem Virus ein kurzes Leben.

Nach drei Monaten beobachte ich Bilder von Menschengruppen, die auf der wichtigsten Straße der Stadt vorbeiziehen. Särge und Skelette gemahnen an den Tod; wütende Volksmassen begraben symbolisch den Regierungschef und die soziale Isolierung. Für diese Fanatiker stellt die Furcht vor dem Tod Schwäche und Feigheit dar. Grün und Gelb gekleidet, behindern sie, ohne ihren Spaß zu verbergen, Krankenwagen an der Zufahrt zu den Spitälern. Sie wollen die Wiedereröffnung der Geschäfte - so eine Art Passierschein, um die anderen, immer die anderen, dem Tod auszusetzen, im Namen des Überlebens. Sie nehmen Chloroquin und Anti-Floh-Mittel als Schutz gegen das Corona-Virus, verweigern das Abstandhalten, unterstützen den Präsidenten gegen die Gouverneure, die sanitäre Maßnahmen anordnen. Das Virus sei eine Lüge, eine chinesische Erfindung. Die Pandemie befreite die wahnsinnigen Dämonen der Kolonialisten und Sklavenhändler, Vorurteile, Wahnideen – das Irrenhaus der Nation läuft frei herum! Die ärmsten Einwohner wurden als Ratten und Läuse bezeichnet, ein kaum verschwundenes Gefühl des Ekels tauchte rasch wieder auf, als der nazi-faschistische Präsident gewählt wurde. Die Polizeikräfte scheinen nun in noch höherem Maße brutalisiert zu sein. Faschistische Gruppen, von der Regierung organisiert, greifen den Obersten Bundesgerichtshof mit Feuerwerkskörpern an, sie sagen, dies sei ein Gebet, ein biblischer Akt der Liebe – die Korruption der Wörter ist ein schweres Verbrechen! Der Wirtschaftsminister bekräftigt bei einer Regierungssitzung, es sei geplant, die kleinen Geschäfte sterben zu lassen, dies sei besser für die Wirtschaft des Landes. Niemand widerspricht! Es herrscht der Geist der Eugenik in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen. Die Allerärmsten, beinah die Hälfte der Nation, vom Staat völlig allein gelassen in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Internetzugang, Computerausstattung, lockerten die Selbstisolation bald, widerstanden wenige Wochen – verständlich, unter derart prekären Bedingungen und bei so spärlichen Ressourcen. Die Reichsten, denen es an nichts mangelt, halten sich abseits. 

Die soziale Isolation erfordert Verzicht und Kreativität. Sie zeugt von Rücksichtnahme auf den Nächsten. Sie erfordert die Fähigkeit, Verluste durchzuarbeiten. Die Pandemie enthüllt. Der Routine beraubt, diesem wichtigen Medikament gegen die tägliche Verrücktheit, entsteht eine reizbare Bewegung, die fordert, dass das Leben zum Normalen zurückkehre. Der Pandemie müde, der Isolation satt, weisen sie 45.000 Tote zurück. Sie wollen die Angst umbringen. Geschäftsinhaber attackieren Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten. Spitäler arbeiten mit übervollen Intensivstationen, mit erschöpften Medizinern und Pflegekräften. Zwei abgesetzte Gesundheitsminister, auf dem Posten ist noch der General, dessen Plan es ist, sterben zu lassen. Die Wunden des Landes liegen offen, mangelnde Organisation und mangelnde Kompetenz, was private Betreuungs-Netzwerke entstehen lässt. Die Investitionen in die öffentliche Gesundheit gehen zurück. Gouverneure schließen Verträge über Intensiv-Betten, aber es gibt kein Präventionsprogramm – Vorbeugen ist kostengünstiger und bringt nichts fürs Marketing. Man nimmt Abstand von den Isolations-Maßnahmen, obwohl 40% der Bevölkerung sie noch heroisch umsetzt. 

Die Opposition macht weiter, ohne eigene Vorschläge, die soziale Isolierung ist ja kaum eine sanitäre Maßnahme. Es gibt keinen nationalen Wiederaufbau-Plan, keinen Plan, wie die wirtschaftlichen Schäden wiedergutzumachen sind, es gibt nichts. In den letzten Wochen organisierte sich die Zivilgesellschaft in Manifesten und die Justiz war mit einigen der zahllosen Verbrechen der Mandatare des Nationalrats befasst. Das Land driftet weiter ab. Rette sich, wer kann. Widerhall des Deliriums, Anklänge an Koprophilie, Aroma des Autismus, Geschmack nach Grausamkeit, Nachgeschmack von Lüge und Flegeleien des Nazi-Faschismus.

Ich erinnere mich an Fabio Herrmanns Worte über das Trauma: ‘Wie in jeder traumatischen Reaktion tritt hier der Widerspruch zwischen Mitteln und Zwecken offen zutage.’ (2004) 

Was wird es sein, das da kommt? Covid-19 räkelt sich in unseren Armen unter dem Klang des Militärhorns. Ein lebendig begrabenes kollektives Trauma. Eine korrumpierte Sprache. Zynisch zertrümmerte Wahrheiten. Pandämonen jagen mehr Schrecken ein als die Pandemie, die frei, leicht und locker läuft, eines Tages verschwindet, die Pandämonen werden nicht verschwinden, wie wir wissen. Die Vernunft verlor den Verstand. Das Absurde ist allgegenwärtig. 

Die hellsichtige Psychoanalyse widersteht, die Behandlungen dauern fort, die klinischen und punktuellen Erfahrungen vervielfältigen sich. Die brasilianische Gesellschaft scheint neugierig zu sein auf das, was die Psychoanalyse zu sagen hat, völlig klar, das Land braucht dringend eine Analyse. Die psychoanalytischen Einrichtungen sind fähig, mit Krisen umzugehen und aus Erfahrung zu lernen. Lang lebe die Psychoanalyse!

Literatur
Herrmann, F. (2004). 'Apesar dos pesares', unveröffentlichter Text, als Vortrag gehalten in der SBPSP im April de 2004.

[1] Dies war ein Verweis auf das gleichnamige Lied (O que será que será?), besonders auf folgende Verse: ‘Was ist es, das da kommt? Wonach sehnen sie sich in den Alkoven? Was flüstern sie in Versen und Balladen? Was murmeln sie in dunklen Räumen? Was geht ihnen durch den Kopf, was kommt auf ihre Zunge? Worüber palavern sie in den Bars? Was schreien sie aus voller Brust auf den märkten? Es ist die Natur… Das, was keine Gewissheit besitzt, nie besitzen wird. Das, was nicht im Einklang ist, nie sein wird. Das, dessen Größe nie bestimmt werden kann…’
[2] Brasilianischer Schriftsteller, Komponist und Sänger.

Übersetztung: Susanne Buchner-Sabathy
 

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