„Haben Sie kein Schamgefühl?“ Über Post-Truth und Fake-News

Prof. Dr. Phil. Habil. Cordelia Schmidt-Hellerau
 

Die schamlose Verbreitung der 'Big Lie' kann als ein Fetisch betrachtet werden, als fäkaler Phallus, der die Pervertiertheit der Kampagne gegen die Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen zeigt.

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Früher sagte man: Was heute neu ist in den USA, wird morgen die Nachrichten in Europa bestimmen. Vielleicht war die Abfolge nie so einseitig wie behauptet, und vielleicht verbreiten sich jetzt, dank der Allgegenwart der sozialen Medien, extreme Trends an vielen Orten der Welt gleichzeitig. Dennoch können wir die beunruhigenden Entwicklungen einer derzeit grassierenden Fake-News-/Post-Truth-Kultur in den USA als Beispiel nehmen, um uns zu fragen, welche psychologischen Bedingungen ermöglichen einen solchen Trend?
 
Keine Wahl in der Geschichte der USA wurde so gründlich überprüft wie die Präsidentschaftswahl von 2020. Alle Anfechtungen der Ergebnisse wurden widerlegt. Dennoch verbreiteten sich falsche Behauptungen wie ein Lauffeuer, z. B. dass es massiven Wahlbetrug gegeben habe; dass Bidens Sieg eine große Lüge gewesen sei; dass die Wahl gestohlen wurde und Trump immer noch der rechtmäßige Präsident sei; dass J.F. Kennedy Junior (der 1999 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam) nach Dallas kommen und ankündigen werde, dass er bei den nächsten Präsidentschaftswahlen als Trumps Vizepräsident antreten werde; dass der Aufruhr und Einbruch ins Kapitol in Washington am 6. Januar (womit die Bestätigung der Wahlergebnisse verhindert werden sollte) nur ein normaler Touristenbesuch, ein friedlicher Protest gewesen sei. Natürlich sind diese und viele andere Behauptungen so lächerlich, dass sie selbst in den Late-Night-Shows von Komikern als übertrieben erscheinen würden. Dennoch sprechen sich leitende republikanische Kongressabgeordnete öffentlich nicht gegen die Verbreitung solcher Verschwörungstheorien aus, und mehr als ein Jahr nach der Wahl glauben 71% der republikanischen Wähler, dass die Wahl gestohlen wurde. Als angebliche Folge des massiven „Wählerbetrugs“ haben 17 republikanisch regierte Bundesstaaten bereits 28 Gesetze erlassen, die das Wählen erschweren und die Kontrolle künftiger Wahlergebnisse erleichtern; ferner arbeiten republikanische Abgeordnete daran, 400 weitere Gesetze zu diesem Zweck zu verabschieden. Am 20. Juli 2021 appellierte Präsident Biden mit Hinweis auf diese Desinformationskampagne an die Republikaner: „Haben Sie kein Schamgefühl?“

Bidens Plädoyer erinnert an Joseph Welchs unvergessliche Worte, mit denen er 1954 den republikanischen Senator Joseph R. McCarthy ermahnte: „Haben Sie keinen Sinn für Anstand?“, was wesentlich zu McCarthys Sturz und dem Ende seiner berüchtigten Anhörungen beitrug. Bidens Rede im Jahr 2021 zeitigte keine derartige Folge. Welchs Aufruf zu Anstand, verglichen mit Bidens Frage nach der Scham, weist auf eine weitere Regression zu einem primitiveren Zustand psychischen Funktionierens hin, der Teile unserer Gesellschaft erfasst hat. Die Antwort auf Bidens Frage war eindeutig NEIN. Kein Schamgefühl? Wie können wir eine Psyche verstehen, die kein Schamgefühl kennt?

Nach Freud entwickelt sich die Scham im Übergang von der analen zur genitalen Phase; sie wird während der Latenzzeit verstärkt, wo sie ihren differenziertesten Ausdruck findet und ein „Gefühl für Anstand“ unterstützt. Die Scham hemmt den Drang, die Genitalien, die für das ödipale Kind von größtem Interesse sind, zeigen und sehen zu wollen. Als natürliche Neigung, die in der Erziehung kulturell gefördert wird, wirkt die Scham gegen die anfänglichen polymorph-perversen Vergnügungen des Kindes und bildet schließlich einen Schutzwall gegen sexuelle Perversionen. Die Auflösung des Ödipuskomplexes erfolgt dann über Prozesse der strukturellen Differenzierung, Separation, sekundären Identifikation und der Sublimierung, die alle dazu beitragen, die sexuellen Triebe einzudämmen und sie in das kultivierte Verhalten innerhalb zivilisierter Gesellschaften einzubinden. Ekel in der analen und Scham in der genitalen Phase unterstützen diese Entwicklungen. All diese Prozesse führen nach Freud zu Strukturbildungen, die sich am Ende des Ödipuskomplexes zum Über-Ich verdichten. Das Über-Ich hat zwei Flügel: das Ich-Ideal mit seinem Imperativ, das Beste anzustreben, und das Gewissen mit seiner Warnung, keinen Schaden anzurichten. 

Haben Sie kein Schamgefühl? Scham verhindert zwar nicht das Lügen, aber man würde zumindest versuchen, nicht auf frischer Tat ertappt zu werden. So war es früher. Heute können unsere gewählten Vertreter in den höchsten Ämtern morgens öffentlich etwas sagen und abends behaupten, das hätten sie nie gesagt. Sie können sogar die Gerichte zur Bestätigung der Unwahrheit anrufen. Ich spreche hier nicht von Demenz oder Wahnvorstellungen (auch wenn die Unfähigkeit, Realität und Fantasie zu unterscheiden, ein Kriterium für eine Psychose ist). Ich spreche von vorsätzlichen – und ja, schamlosen – Lügen. Dies als ein Merkmal der Psychopathie zu bezeichnen, würde ein solches Verhalten lediglich etikettieren. Die Frage ist: Wie ist das möglich? Haben diese Menschen kein Über-Ich? Oder wenn ja, welche Art von Über-Ich begünstigt eine solche Verzerrung der Wahrheit?

Das Ich-Ideal ist der Nachlass der infantilen sexuellen Bestrebungen und ihrer ersten narzisstischen Besetzungen von Selbst und Objekt. Mit dem Untergang des Ödipuskomplexes werden die Geschlechts- und Generationsunterschiede akzeptiert, sowie das Wachstumsprinzip, welches das fortgesetzte Streben höher wertet als die sofortige Grandiosität. Wie Chasseguet-Smirgel (1975) gezeigt hat, werden in gescheiterten ödipalen Entwicklungen prägenitale Teilobjekte wie der fäkale Phallus in einem perversen Universum idealisiert, welches Fäkalien in Gold verwandelt – oder, wir könnten sagen: Lügen in Wahrheit. Der Begriff „Post-Truth“ ist dann eine weitere Umkehrung, denn er idealisiert eine (prägenitale) „Prä-Truth“, welche Wahrheit und Realität (die Überlegenheit des väterlichen Phallus) nicht anerkennen will. Der Slogan „fake it until you make it“ hat den Weg dahin geebnet. Da es jedoch nicht möglich ist, den Wert der Wahrheit vollständig zu leugnen, wird ein entleerter Wahrheitsbegriff nominal erhalten, und mit dem Präfix jenseits- oder post- Überlegenheit vorgetäuscht. Vertreter der Post-Truth behaupten, dass in einer postmodernen Welt Nachrichten immer falsch sind, weil sie die Tatsachen nur aus der Sicht des Betrachters, aus der Perspektive des Reporters zeigen; daher fordern sie, dass alle Perspektiven gleich wertvoll sein müssen (kein Unterschied). „Alternative Fakten“ müssen wahr sein, einfach weil sie es so behaupten. Dieser Anspruch geht über das Erscheinungsbild narzisstischer Grandiosität hinaus. Die Lüge wird hier zu einem gefeierten Fetisch stilisiert, der in einem Akt brutalen Exhibitionismus jedem schamlos ins Gesicht gedrückt wird: Seht euch meine große Lüge an! Wir verstehen, dass Bidens Ausruf: „Die große Lüge ist genau das: eine große Lüge!“ hilflos, ja kontraproduktiv war, weil er die Größe der Lüge bestätigte, und sie ist es, die verherrlicht wird (das goldene Kalb, um das man tanzen kann). Keine Scham, stattdessen die gefeierte Macht der Perversion. (Es wäre vielleicht effektiver gewesen, klarzustellen: „Die so genannte große Lüge ist nur eine erbärmliche kleine Lüge!“).

Was ist mit dem anderen Flügel des Über-Ichs, dem Gewissen? Während die Forderungen des Ich-Ideals von den Sexualtrieben vorangetrieben werden, werden die Verbote des Gewissens von den Erhaltungstrieben gesteuert (Schmidt-Hellerau 2001, 2018). Selbst- und Objekterhaltung sind voneinander abhängig. Das Kind lernt, dass die Erhaltung des Objekts zur Selbsterhaltung beiträgt. Also keinen Schaden anrichten! Allerdings ist nicht jeder Schaden sofort erkennbar: eine verlockende Gelegenheit für Lügen. Und es ist klar, dass Lügen Schaden anrichten. Lügen sind verwirrend; sie beeinträchtigen die Fähigkeit einer Person, sich selbst ein Urteil zu bilden. Da eine Lüge nur dann eingesetzt wird, wenn die Wahrheit dem Lügner zum Nachteil gereichen würde, ist Lügen Betrug, oft mit dem Ziel einer ungerechtfertigten Bereicherung (durch Macht oder andere Mittel). Die Anhäufung von analem Gold ist verlockend, ja sogar notwendig, um die dreckige Lüge des fäkalen Phallus zu überdecken. Und der Lügner erweist nicht nur einen eklatanten Mangel an Objekterhaltung, es fehlt ihm auch an Selbsterhaltung. Wenn der Turm aus Betrug, Lügen und gestohlenen Gütern schließlich zusammenbricht (Madoffs Ponzi Scheme), begraben die Trümmer nicht nur seine Opfer, sondern auch den Lügner selbst. 

Der gesellschaftliche Zusammenbruch von Selbst- und Objekterhaltung (des öffentlichen Gewissens) zeigt sich in der Reaktion auf die Pandemie in perverser Weise. Zunächst wurde der Ernst der Lage heruntergespielt, indem behauptet wurde, die Covid-19-Infektion sei nur wie eine Grippe. Dann wurden die Empfehlungen und später die Vorschrift, Masken zu tragen, angefochten, vor Gericht bekämpft und in einigen Staaten sogar gesetzlich verboten. Danach wurden die Covid-Impfstoffe nicht nur als nutzlos diskreditiert, sondern es wurde sogar von ihnen abgeraten mit Behauptungen wie etwa, dass sie die DNA verändern, Mikrochip-Überwachungstechnologie in den Körper einführen, Fehlgeburten und Unfruchtbarkeit verursachen, sogar Menschen mit Covid infizieren könnten und vieles mehr. Dagegen wurden alternative, bessere Heilmittel empfohlen, wie etwa Bleichmittel zu trinken, Desinfektionsmittel zu spritzen, oder Hydroxychloroquin (ein Autoimmun- und Malariamittel) oder Ivermectin (ein Entwurmungsmittel für Pferde und Hunde) einzunehmen –allesamt nicht nur unwirksam gegen Covid, sondern potenziell giftig (Bleichen, Desinfizieren und Entwurmen verraten die anale Sichtweise). Die Umkehrung ist offensichtlich: Der Impfstoff ist gefährlich, das Gift ist das Heilmittel. Der Mangel an Selbsterhaltung (keine Maske, kein Impfstoff) wird zu einem Mangel an Objekterhaltung (Verbreitung des Virus), wobei sich beide gegenseitig aufschaukeln. Die virulente Perversion von Selbst- und Objekterhaltung endet im Gruppensuizid.

Der perfekte Mechanismus zur Inganghaltung dieser Perversion ist die projektive Identifikation. Die Kampagne „Stop the Steal“ macht den Gewinner (Biden) zum Dieb, und stop  bedeutet go. Der eigentliche Schlachtruf lautet: „Los, stehlt die Präsidentschaft!“ In den vergangenen fünf Jahren gab es viele Beispiele für solche offensichtlichen projektiven Identifizierungen. Ihre Offensichtlichkeit ist ebenso ein Problem wie die damit verbreiteten Lügen. Da diese schamlosen Projektionen, dieses „in-your-face“-Lügen, von den Vorsitzenden (den Vätern) der Parteien, für die sie werben, nicht energisch zurückgewiesen werden, muss man sich fragen: Haben diese Behauptungen inzwischen eine "alternative" Realität geschaffen, in der das Richtige falsch und die Wahrheit eine Lüge ist? Freud hat gezeigt, dass Regressionen zu einer Auflösung und Re-Sexualisierung von Über-Ich-Ansprüchen führen können. Was wir hier sehen, scheint jedoch nicht nur eine einfache Regression zu infantilen Verhaltensweisen zu sein. Die Verfechter dieser gefälschten Realität haben eine neue Verhaltensmaxime, einen Marschbefehl und ein Glaubensprinzip geschaffen, ein offensichtlich perverses Über-Ich, das verlangt, die Lüge anzubeten und die Wahrheit zu verachten. Mehr als ein Jahr nach der Wahl laufen in vielen Staaten endlose sogenannte Wahlüberprüfungen, die angeblich die Integrität der Wahlen sichern sollen; sie werden aber nicht in der Hoffnung durchgeführt, ein anderes Wahlergebnis zu erzielen, sondern lediglich, um die wahren Ergebnisse mit dem Verdacht der Fälschung zu beschmieren und Misstrauen gegen den Wert offizieller Auszählungen und demokratischer Wahlprozesse zu verbreiten.  

Inzwischen ist klar geworden, dass eine Konfrontation mit Vernunft und Realität keinen Unterschied macht. Nüchternheit und der Hinweis auf die Gesetze können nicht mit dem Erregungsniveau von simplen schrillen Slogans mithalten. Verschwörungstheorien sind erregend, überstimulierend, sie wirken wie eine Droge. Rationalität oder wissenschaftliche Beweise können Süchtige nicht erreichen. Ein Entzug ist schwierig und kann leicht vermieden werden, wenn schnell Ersatz zur Hand ist. Die Sucht verstärkt die Perversion, von der sie ein Bestandteil sie ist. Und wenn die Perversion der Pfropf ist, der den Ausbruch der Psychose verhindert, dann sind wir an einem gefährlichen und heiklen Punkt angelangt. 

Können wir die Perversion auflösen, ohne Gewalt zu entfesseln? 

Kann die Psychoanalyse dazu beitragen, einen Weg zu entwickeln, der einer weiteren Regression in die Massenpsychose entgegenwirkt?
 
Literatur
Chasseguet-Smirgel, J. (1975). L'idéal du moi. Essai psychanalytique sur la "maladie d'idéalité". Paris: Tchou.
Schmidt-Hellerau, C. (2001). Lebenstrieb & Todestrieb, Libido & Lethe. Ein formalisiertes konsistentes Modell der psychoanalytischen Trieb- und Strukturtheorie. New York: Other Press.
Schmidt-Hellerau, C. (2018). Driven to Survive. Selected Papers on Psychoanalysis. New York: IPBooks.

Übersetzung: Cordelia Schmid-Hellerau
 

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