Wenn sich zwei Menschen zum ersten Mal begegnen, dann tritt etwas in der Welt in Erscheinung, das zuvor noch nie da war. Nehmen wir an, die zwei Menschen sind Hubert und Joseph. Sie waren einander noch nie zuvor begegnet. Hubert ist in seinem Leben schon vielen Leuten begegnet, und er hat einige Freunde, die er kennt, aber diese Begegnung zwischen ihm und Joseph unterscheidet sich von allen anderen Begegnungen, die er je zuvor in seinem Leben mit einem anderen Menschen gehabt hat. Keine zwei Begegnungen gleichen einander. Möglicherweise sehen sie für einen außenstehenden Beobachter gleich oder ähnlich aus, aber wenn es diesem Beobachter möglich wäre, Huberts innersten Seelengrund mithilfe von Röntgenstrahlen zu durchleuchten, dann könnte er dort etwas sehen, das er auf den vielen anderen Röntgenbildern, die es von Huberts unzähligen früheren Begegnungen mit diversen Menschen gibt, noch nicht gesehen hat. Ich habe das Wort 'Seele' verwendet, aber das hier zutreffendere Wort wäre 'Person'. Joseph trifft nicht die selbe Person, der Roger, Guy oder Donald begegnet waren, als sie Hubert zum ersten Mal trafen. In seiner jetzigen Begegnung mit Joseph ist Hubert eine andere Person als er es in seinen früheren Begegnungen mit Roger oder Guy oder Donald gewesen war. Ein wesentliches Merkmal von Personsein besteht darin, dass dessen Farbton, Oberflächenbeschaffenheit sowie dessen Form und Gestalt keine bleibende und dauerhafte Konstante darstellen. Die Begegnung mit einer bestimmten Person bewirkt, dass in Hubert etwas zum Klingen gebracht wird und somit zum Vorschein kommt, das in seinen Begegnungen mit Roger, Guy oder Donald zuvor noch nie zum Vorschein gekommen und in Erscheinung getreten war. Nun ist es eine erstaunliche Tatsache, dass keine zwei Menschen genau gleich aussehen, obwohl doch sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben. Obschon also jedes Individuum, Mann wie Frau, zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase, ein Kinn, eine Stirn und Haare hat, so gleichen sich dennoch keine zwei Personen aufs Haar, und wenn infolgedessen Hubert in den Raum herein kommt, dann sehe ich sofort, dass er sich von Joseph oder Roger, von Guy oder Donald unterscheidet. Genauso, wie ich diesen Unterschied augenblicklich zu erkennen vermag, so unterscheidet sich dank meiner perzeptiven Wahrnehmung gewissermaßen auch meine Charakterisierung bzw. Bestimmung dieser einen Person von derjenigen aller anderen Personen, mit denen ich in einem direkten und lebendigen Austausch stehe, was mir wiederum die Gelegenheit und Chance gibt, eine andere Person zu sein, als mir dies im Fall von jeder anderen Begegnung möglich wäre. Man kann somit sagen, ein eintscheidender bestimmender Faktor von Personsein ist ihre Veränderbarkeit, denn mit jeder neu begegneten Person verändert sich notwendigerweise etwas im Personsein dieses Menschen, sonst verdiente die Begegnung nicht, eine Begegnung genannt zu werden. Was nämlich geschieht, ist, dass die Person in sich selber diejenige Veränderung bewirkt und erschafft, die notwendig ist, um mit dem Neuankömmling in eine Beziehung treten zu können. Um mich also beziehen zu können, muss ich das, was da ist und was ich vorfinde, in mir selbst erschaffen, und dies wird dann zu
meiner ureigenen Schöpfung oder, präziser gesagt, es ist dies eine Schöpfung, die aus dem einzigartigen Zusammentreffen und Zusammensein mit einem ganz bestimmten anderen Menschen erwächst, d. h., aus einer einzigartigen, unverwechselbaren Beziehung. Ebenso, wie wir manchmal sehen können, dass ein Kind die charakteristischen Eigenschaften sowohl seiner Mutter als auch seines Vaters aufweist, so ist jeder persönlichen Begegnung eine spezifische tonale Qualität zueigen, die nicht nur von einer einzelnen Person bestimmt wird, sondern von einer jeden der beiden, oder besser gesagt, von beiden gemeinsam. Vielleicht könnten wir die Definition von 'Person' von der Definition von Begriffen wie 'Seele' oder 'Psyche' oder Selbst' dadurch abgrenzen, dass wir uns nochmals klar vor Augen führen, dass das 'Personsein' stets einer individuellen Schöpfung anlässlich einer wirklichen Begegnung entspringt, wohingegen 'Seele', 'Psyche' oder 'Selbst' in gewisser Weise Konstanten darstellen. Es ist also ein pychologischer Akt notwendig, damit die Person in Erscheinung treten kann, und sowohl die Person als auch die Begegnung mit Leben erfüllt wird. Wenn ich am gegenüberliegenden Ufer der Themse neben dem St. Thomas Krankenhaus stehe und von dort aus auf das Parlamentsgebäude hinüberschaue, so werde ich dieses Parlamentsgebäude von Minute zu Minute anders sehen, und zwar je nach den sich fortwährend verändernden Lichtverhältnissen, je nach dem sich verändernden Einfallswinkel der Sonnenstrahlen, je nach dem durch die vorbeiziehenden und vom Wind angetriebenen Wolken von Moment zu Moment sich verändernden Sonnenlicht. Und dies ist vermutlich auch der Grund dafür, weswegen der Maler Claude Monet, als er sich im Jahr 1870 beim St. Thomas Krankenhaus mit seinem Malpinsel einfand, dann insgesamt 200 Varianten des Parlamentsgebäudes auf der Leinwand verewigte. Das Hauptmotiv ist auf allen der 200 Gemälde das Parlamentsgebäude, und dennoch gibt es keine zwei Bilder, die identisch oder gleich aussehen, weil die Farbgebung auf jedem einzelnen Bild eine andere ist. Die durch die Sonne und Wolken verursachte Veränderung der Szenerie ist eine Analogie für die in Hubert sich vollziehende Veränderung, wenn er Joseph begegnet, die sich von den in ihm zuvor stattgefundenen Veränderungen unterscheidet, als er jeweils Roger, Guy oder Donald begegnet war. In der Analogie ist die Konstante das Parlamentsgebäude, was dann dementsprechend im Fall von Hubert seine Seele, seine Psyche oder sein Selbst wäre. Die unterschiedliche Farbgebung eines jeden Gemäldes wäre demnach also die Person, die jeweilen anders in Erscheinung tritt im Fall von Huberts Begegnung mit Roger, mit Guy, mit Donald, oder eben mit Joseph.
Natürlich ist keine Analogie jemals vollkommen, verweist sie doch immer nur auf einen bestimmten Aspekt des Sachverhalts. Aber es gibt hier noch einen weiteren Aspekt, der von der von mir hier verwendeten Analogie auch noch abgedeckt wird. Wenn Monet seine Farbpalette auspackt und zur Hand nimmt, um sich an die Arbeit des Malens zu begeben, so erschafft er eine Szenerie auf dieser einen Leinwand, die sich von jeder anderen Szenerie, die er auf all den übrigen 199 Leinwänden erschaffen hat, unterscheidet. Jedes der 200 Gemälde stellt eine ganz eigene und einzigartige Schöpfung dar. Dementsprechend könnte man sagen, dass bei der Begegnung von Hubert und Roger etwas erschaffen wird und in Erscheinung tritt, das ganz anders ist als das, was anlässlich der Begegnung von Hubert und Guy, und wieder anders anlässlich der Begegnung von Hubert und Donald, und nochmals anders anlässlich der Begegnung von Hubert und Joseph, in Erscheinung getreten war. Doch ist es nun tatsächlich so, dass Hubert derjenige ist, der allein etwas erschafft? An diesem Punkt verliert die von mir hier angeführte Monet-Analogie ihre Gültigkeit und Relevanz. Die sich aus der Begegnung von Hubert und Joseph ergebende (Neu)Schöpfung ist nämlich eine Co-Kreation von Hubert und Joseph, denn sie sind beide gleichermaßen daran beteiligt.
In dem Monet-Beispiel figuriert der Maler als subjektive Präsenz, wohingegen das Parlamentsgebäude, sowie auch die Sonne, der Fluss, die Wolken und der Himmel, obschon in permanenter Bewegung und Veränderung begriffen, keine Personalität besitzen, so dass man sagen kann, dass sie nicht eigenständig in der Lage sind, sich etwas vorzustellen, zu denken oder zu sprechen. Wenn nun allerdings Hubert und Joseph zusammen sind, dann kann man sagen, dass die beiden Männer an einem gemeinsamen Medium teilhaben. Und dabei geht es um mehr als nur um zwei Körper, die den selben geographischen Raum miteinander teilen, also zwei Körper in einem abgeschlossenen, von vier Wänden umgrenzten Raum: Da gibt es nämlich ein unsichtbares kommunikatives Medium, das diese zwei Menschen umgibt, vergleichbar mit zwei Fischen im selben Wasser. Wenn es kein Wasser gäbe, dann wären die beiden Fische tot. Wenn es kein kommunikatives Medium gäbe, dann wären es keine zwei Personen, sondern zwei roboterhafte Wesen. Der Begriff 'kommunikatives Medium' ist allerdings nicht ganz glücklich gewählt und trifft in gewisser Weise nicht ganz das Wesentliche der Sache, um das es hier geht, weswegen ich vorschlage, ein neues Wort zu kreieren. Auf Englisch lautet es:
regether Dieses von mir gewählte Wort ist eine Verkürzung von '
relating together' ('sich gemeinsam aufeinander beziehen'). Was mir in diesem Kontext besonders wichtig ist zu verstehen, ist, dass es sich hierbei um ein unsichtbares Medium handelt, das frei ist von sinnlichen Qualitäten. Zu Beginn meines Beitrags war die Rede von zwei Männern, Hubert und Joseph, wobei ich es ganz bewusst und mit Vorbedacht vermieden habe, von Hubert und Antonia zu sprechen, also von einem Mann und einer Frau. Denn das potentielle sexuelle Fluidum zwischen ihnen beiden ist sinnlicher Natur; es verbleibt im Bereich der Sinne und des Sinnlichen, wohingegen
regether ('sich gemeinsam auf ewas beziehen') auf eine unsichtbare Entität verweist. Doch weil sie unsichtbar ist, neigen wir dazu zu glauben, dass sie nicht wirklich ist, und doch ist eine Beziehung zweifellos etwas Wirkliches, auch wenn keine körperlichen Komponenten daran beteiligt sind. Wenn ich beispielsweise sage: 'Meine rechte Hand befindet sich vor meiner linken Hand', dann ist das, was ich mit meinen Sinnen erfassen kann, also sichtbar ist, meine zwei Hände, während das 'sich vor etwas befinden' zwar auch eine Realität ist, aber natürlich nicht im Sinne von einer körperlichen Realität. Eine Beziehung hat demzufolge keine körperliche Komponente. Nun stellt sich die Frage: Wie definieren wir eine Realität, die keine physische ist? Welches Wort verwenden wir, um diese besondere Realität zu bezeichnen? Mental? Spirituell? Oder emotional? 'Mental' verweist in jedem Fall richtigerweise auf eine Realität, der keine körperliche Komponente zuzuordnen ist. Der Begriff 'spirituell' bezieht sich ebenfalls auf eine Realität bar jeglicher physischen Komponente, aber weil er im Allgemeinen mit Religion assoziiert wird, ist es wohl angebracht und ratsam, ihn bevorzugt oder ausschließlich in einem religösen Kontext zu verwenden. Und schließlich kommen wir noch zu dem Wort 'emotional', das auf eine zwischen zwei Personen existierende Beziehung verweist. Wenn wir hingegen von Monets Beziehung zu dem Londoner Parlamentsgebäude sprechen, so müsste man diese Beziehung korrekterweise als eine 'mentale' Realität beschreiben; wenn nun allerdings ein Mann namens Gustave auftaucht und sich auf eine Beziehung mit Monet einlässt, so haben wir es mit einer anderern Realität zu tun, die wir dann wohl am ehesten als 'emotional' bezeichnen würden.
Als ich weiter oben von Hubert und Joseph sprach, habe ich gesagt, dass sie sich beide in einem gemeinsamen Medium befinden, das sie miteinander teilen, wenn es zur Begegnung kommt; und ich habe dann zwecks besserer Beschreibung, was sich innerhalb dieses Mediums ereignet, das Wort '
regether' geprägt. Doch nun möchte ich an dieser Stelle nochmals eingehender der Frage nachgehen, welche Wirklichkeit damit eigentlich eingefangen und erfasst werden soll.
Regether verweist auf etwas, das in jedem Fall nicht von Hubert allein ins Dasein gebracht und erschaffen werden kann, genauso wie es auch nicht von Joseph allein ins Dasein gebracht und erschaffen werden kann, sondern nur von beiden Männern gemeinsam, und zwar in dem Moment, wo beide Männer sich in einem kreativen Akt des gegenseitigen Aufeinander-Einlassens und Durchdringens begegnen. So verstanden, ist dies also nur möglich, wenn zwei in Beziehung zueinander stehende Personen jede für sich zu diesem kreativen Akt bereit und fähig ist, was wiederum verständlich macht, weswegen das, was aus der besonderen Begegnung von Hubert und Joseph erwächst, sich von dem unterscheidet, was entsteht und ins 'Dasein' kommt, wenn Gustave und Monet sich aufeinander einlassen, oder wenn Helen und Maria sich aufeinander beziehen, oder wenn wiederum Teresa und Peter zusammen sind. Natürlich war es kein Zufall, dass ich zwei Frauen sich begegnen lassen wollte, sowie auch zwei Männer, und dann auch noch eine Frau und einen Mann. Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, dass dieses von mir gepägte '
regether' auf ein nicht-körperliches Medium verweist, in dem sich zwei Menschen, man könnte sagen, die Seelen zweier Personen, begegnen. Die körperliche Komponente, wovon die sexuelle lediglich einen ganz bestimmten Aspekt darstellt, ist also an diesem hier von mir ins Auge gefassten '
regether' nicht beteiligt. Es ist durchaus denkbar, dass das, was ich mit '
regether' einfangen wollte, nie ganz unabhängig von körperlicher Berührung betrachtet werden kann, und dennoch finde ich es wichtig zu erkennen und also anzuerkennen, dass es seine ureigene Wirklichkeit hat, deren bestimmendes Merkmal die Kommunikation zweier Seelen ist. Ich halte es durchaus für denkbar, wenn nicht gar für wahrscheinlich, dass das Medium, welches ich hier in diesem Beitrag in unser aller Blickfeld rücken wollte, und das ich mit demjenigen Augenblick assoziiere, wo es zu einer unmittelbaren Begegnung der Seelen zweier Personen kommt, ein einzigartiges und einmaliges Ereignis möglich macht, im Zuge dessen etwas in Erscheinung tritt, was der Philosoph und Neuplatoniker Plotin einst als Weltseele bezeichnet hat. Plotin hat die Welt in drei Kategorien eingeteilt: das Höchste, die Weltseele und die Sinnenwelt. So gesehen, entspringt das Körperliche und auch das Sexuelle Plotins Sinnenwelt, wohingegen '
regether' auf ein spezielles der Weltseele zuzuordnendes Ereignis ausgerichtet ist. Die Weltseele würde demnach auf dasjenige Medium verweisen, das die Kommunikation zwischen allen auf dieser Welt lebenden Menschen möglich macht, zumindest potentiell, Die hier ins Blickfeld gerückte Kommunikation ist grundlegend und fundamental und verweist auf eine noch basalere Ebene als diejenige, wo Sprache entsteht.
Dieses kommunikative Medium, mitsamt den darin stattfindenden, gemeinsam geteilten Begegnungen, wird gemeinhin mit dem in Zusammenhang gebracht, was man die Welt der Emotionen nennt. Wenn es innerhalb dieses Mediums zu einer Begegnung zweier Individuen kommt, so habe ich mich dafür entschieden, den Begriff
regether zu wählen, der, wie schon gesagt, jedwede sinnliche Qualität ausschließt. Was durch die Begegnung zweier Seelen erschaffen und ins Dasein gerufen wird, hat der heilige Augustinus folgendermaßen auf den Punkt gebracht:
"Wir teilen die Wahrheit nicht durch verbale oder non-verbale Zeichen mit, sondern durch die innere Erfahrung der Begegnung zweier Seelen." [1]
Es gibt ganz unterschiedliche Wege und Formen, mithilfe derer diese nicht-sinnliche Realität zum Ausdruck kommen kann: Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Musik, Dichtung, Architektur. All die verschiedenen Ausdrucksformen verweisen auf diesen kommunikativen Kern, aber dennoch ist es wichtig, sich klar zu machen, dass sie selber nicht jener Kern sind, da dieser niemals mit den Sinnen erfasst, das heißt, weder gesehen, noch berührt oder gehört, werden kann.
Die Frage, die sich uns nunmehr stellt, ist: Wenn das, was Plotin als die Weltseele bezeichnet hat, nicht der Welt der sinnlichen Empfindungen und Wahrnehmungen zuzuordnen ist, ist sie dann möglicherweise ein Bestandteil von dem, was Plotin als die 'Höchste Realität' beschrieben hat? Um dies zu beantworten, muss ich mir zunächst einmal die Frage stellen, ob der heilige Augustinus, als er von der Begegnung der Seelen sprach, dabei die Welt der sinnlichen Wahrnehmungen vor seinem geistigen Auge hatte. Ich glaube es nicht. Die Kommunikation zwischen zwei Menschen vollzieht sich nicht innerhalb der Sinnenwelt. Nehmen wir einmal an, jemand erzählt mir von seiner Reise über den Atlantik in einem kleinen Segelboot, aber ich glaube ihm nicht, sondern bin vielmehr davon überzeugt, dass er sich diese Geschichte ausgedacht hat. Tatsächlich war er in seinem ganzen Leben noch nie auf einem den Atlantik überquerenden Segelboot, und dass ich dies trotz seiner Erzählung weiss, zeigt, dass ich mich nicht auf seine Worte verlasse, sondern auf 'etwas anderes'. Die Frage allerdings ist: Was ist 'dieses andere'? Ich erfasse und weiss intuitiv, dass er sich dieses Bild von sich selbst in einem Boot, das den Atlantik überquert, nur ausgedacht hat und bin davon überzeugt, dass sich diese Bootsfahrt auf dem Atlantik in seinem Fall
de facto nie wirklich zugetragen hat. Es hat also den Anschein, dass ich über eine Fähigkeit verfüge, die zwischen dem Wirklichen und dem Fiktionalen zu unterscheiden vermag. Ich kenne und erkenne den Unterschied, weil ich selber ein Teil der 'Wirklichkeit' bin. Dieses 'Ich', welches sich auf ein 'Mich' bezieht ist in der Wirklichkeit verankert. Und doch ist dieses 'Ich', das sich auf ein 'Mich' bezieht, vergänglich. In dem Moment, wo ich sterbe, wird es dieses Ich, dieses Mich, nicht mehr geben, und doch, solange ich am Leben bin, sind sie Teil meiner Wirklichkeit. Die Wirklichkeit existiert genau jetzt. Die Welt existiert genau jetzt. Es ist nicht vorstellbar, wie es wäre, wenn es sie nicht gegeben hätte, denn genau jetzt ist sie ein nicht wegzudenkender Teil von dem, was ist. Womit wir hier konfrontiert sind, nennt man eine Antinomie, die unser Verstand außerstande ist zu erfassen und zu begreifen. Kant hat darauf hingewiesen, dass unsere Verstandeskräfte zu begrenzt sind, um solche Widersprüche bzw. Antinomien aufzulösen.
So gibt es also eine Gleichheit in zwei Personen, und gleichzeitig gibt es auch einen Unterschied. Diese Antinomie ist schwer zu verstehen, und doch bildet sie die Grundlage unserer täglichen Erfahrungen von kreativen Begegnungen, die unser aller Leben bestimmen.
[1] Chadwick, Henry. (2009).
Augustine of Hippo – A Life. Oxford University Press, p.46.
Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck