Fake News und die Landschaft der Psychotherapie

Dr. Isaac Tylim
 

Fake News und der psychoanalytische Rahmen. Eine besondere klinische Begebenheit.

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Fake ist die Bezeichnung von etwas, das fingiert, vorgetäuscht oder gefälscht ist. Dazu zählen Fälschungen wie etwa die Nachahmung von Designerkleidungsstücken oder Markenuhren, oder auch fingierte bzw. frei erfundene Nachrichten, ohne dass es dafür stichhaltige Beweise gäbe, kurz gesagt: Unwahrheiten und Lügen. Man könnte also sagen, dass die Bezeichnung Fake auf etwas verweist, das der Realitätsprüfung nicht standhält und schlichtweg unwahr ist: eine Fiktion mit zerstörerischem Potential. Die Postings von Fake News in den sozialen Netzwerken sind mittlerweile zu einem unsere Gegenwartskultur prägenden Phänomen geworden, das sich zu einem weltweit stetig zunehmenden Problem auszuwachsen droht, da die Produktion und Verbreitung von Falschinformationen und fingierten Nachrichten über die sozialen Medien heutzutage fast schon wie selbstverständlich zu den geschäftsmäßig gängigen Praktiken gehört. Nun haben wir aktuell infolge der stetigen Zunahme von Fake News in den sozialen Netzwerken bereits seit geraumer Zeit eine massive Unterwanderung des Diskurses in der Politik sowie im öffentlichen Gesundheitswesen in allen Ländern der Welt zu beklagen.

Anhand der im Folgenden geschilderten Fallvignette soll verdeutlicht werden, wie selbst die Unantastbarkeit des analytischen Settings derzeit Gefahr läuft, durch die Gegenwartskultur der Fake News aufs Spiel gesetzt und kompromittiert zu werden. Man könnte natürlich einwenden, dass einem solchen Eindringen in den geschützten Rahmen des analytischen Settings eine Vielzahl von motivationalen Prozessen zugrunde liegt, weswegen eine einzige Interpretation wohl kaum in der Lage sein wird, all dasjenige mit einzubeziehen und zu erfassen, was auf den ersten Blick womöglich einfach wie ein Ausagieren oder Enactement erscheint. Was das Fallbeispiel einer Patientin von mir, die ich E nennen möchte, evident werden lässt, ist die Unzerstörbarkeit der den Fake News zugrundeliegenden Wünschen, und auch auf welche Weise sich dieser Umstand auf die Durchlässigkeit des therapeutischen Rahmens auswirken kann.

E.
Noch zu Zeiten vor der Pandemie spielt sich an einem gewöhnlichen Morgen in meiner therapeutischen Praxis die folgende Szene ab: Soeben habe ich meinen 10 Uhr-Patienten verabschiedet. Nachdem er das Wartezimmer verlassen hat, bleibt mir gerade noch ein wenig Zeit, um mich innerlich auf meinen nächsten Termin mit einer Patientin, einer Geschäftsfrau, vorzubereiten, die ungefähr einen Monat zuvor ihre Behandlung bei mir begonnen hatte. Mir fällt ein, dass sie nach wie vor erhebliche Zweifel daran hat, ob sie sich wirklich auf eine therapeutische Behandlung bei mir einlassen soll. Während der vorigen Sitzung hatte sie ihre  Bedenken und Zweifel darüber geäußert, ob es in ihrem Fall denn wirklich die richtige Entscheidung sei, ihre Sitzungsfrequenz pro Woche zu erhöhen, wie wir es in einer ihrer früheren Sitzungen bereits miteinander besprochen hatten.

Kurz vor elf Uhr gieße ich mir ein Glas Wasser ein, da ich nun jeden Augenblick damit rechne, das laute Klingeln der Eingangstür zu vernehmen. Schließlich sehe ich, dass die Zeit schon erheblich fortgeschritten ist, und mein Mobiltelefon exakt 10 nach elf anzeigt. „Sie kommt nicht. Ich wusste es doch“, murmle ich vor mich hin. „Schon jetzt fängt sie mit dem Ausagieren an“, sage ich zu mir in einer Art von Selbstgespräch, während ich mir darüber klar zu werden versuche, was ich wohl am Besten zu ihr sagen könnte für den Fall, dass die Patientin es tatsächlich versäumt, mich davon in Kenntnis zu setzen, weswegen sie es heute nicht geschafft hat, zu ihrer Sitzung zu kommen.

Nun bin ich mir durchaus bewusst, dass meine Überlegungen, wie im Fall jedes anderen neuen Patienten auch, von einer Reihe von Ängsten bestimmt wird. Mir ein paar schriftliche Notizen zu machen, hilft mir dann auch merklich dabei, die Wartezeit bis zu ihrer Ankunft zu verkürzen. Es ist jetzt 20 Minuten nach elf Uhr, als die Türklingel ertönt. Ich empfinde sogleich eine gewisse Erleichterung und drücke den Knopf für den Türöffner der Eingangstür. Kurz darauf drücke ich den zweiten Knopf für den Öffner der Tür zu meinen Praxisräumen, woraufhin ich auch sogleich höre, wie draußen die Tür zu meinem Wartezimmer aufgemacht wird. Da ich mir gewahr bin, dass die heutige Sitzung nun um 20 Minuten kürzer sein würde, gehe ich unverzüglich zur Tür, die ins Wartezimmer führt, um E ins Behandlungszimmer hereinzubitten. Als ich die Tür geöffnet habe, schaue ich zu meiner großen Verwunderung in ein mir völlig unbekanntes Gesicht. Neben dem Zeitschriftenständer steht eine mir vollkommen fremde Frau. Verunsichert und ein wenig desorientiert wie ich bin, braucht es ein kleines Weilchen Zeit, bis ich mich wieder gefasst habe, währenddessen ich mich frage: „Wer ist diese Frau? Habe ich womöglich irrtümlicherweise im Zeitraum von E's Sitzung mit einer neuen Patientin einen Termin für ein Erstgespräch vereinbart? Bin ich etwa so sehr in den Fängen von negativen Gegenübertragungsgefühlen angesichts einer schwierigen Patientin, dass ich sie gegen eine leichter zu handhabende Patientin mit weniger Widerständen eintauschen will?“ Es entzieht sich in diesem Moment tatsächlich meinen Möglichkeiten zu verstehen, was hier eigentlich vor sich geht. Trotz meiner Irritation bringe ich es dennoch irgendwie fertig zu sagen: „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Die fremde Frau mir gegenüber erwidert: „Sind Sie nicht Dr. T?“

„Ja, der bin ich“, gebe ich zur Antwort.

Die mir unbekannte Frau, die jetzt nurmehr in einem geringen Abstand vor mir steht, fährt fort: „E hat mich heute ganz früh am Morgen angerufen und mir gesagt, dass sie es aufgrund einer beruflichen Notlage heute nicht schaffen würde, selbst zu ihrer heutigen Sitzung zu gehen. Und anstatt die Sitzung einfach sausen und ungenutzt verstreichen zu lassen, hat sie die Sitzung stattdessen mir angeboten. Und hier bin ich also. Ich bin nämlich sehr gespannt darauf, wie so eine Therapie überhaupt läuft und funktioniert. Ich meine, so eine Stichprobe könnte mir doch dabei helfen, mich eines Tages dafür oder dagegen zu entscheiden, eine Therapie zu machen.“

Ich erkläre ihr, dass ich niemanden empfange, mit dem ich nicht zuvor persönlich gesprochen und einen Termin vereinbart habe, woraufhin ich mich beeile, der fremden Frau noch rasch viel Glück zu wünschen, um mich sodann unverzüglich in mein Behandlungszimmer zurückzuziehen.  

Wie nicht anders zu erwarten, ging mir diese Sache den ganzen Tag über nicht mehr aus dem Sinn. E hatte mich benutzt und wie einen Gegenstand behandelt, auf den sie Besitzanspruch erhob. Sie hatte mich wie einen beliebig austauschbaren Gebrauchsgegenstand von geringem Wert behandelt, über den sie verfügen konnte, wie sie gerade wollte. Mir geht durch den Kopf, wie E fortwährend darauf aus ist, die therapeutische Situation zu kontrollieren, indem sie Macht über mich auszuüben versucht. Nun hatte die kurze Begegnung mit der mir unbekannten Frau ein Gefühl der Unwirklichkeit in mir hinterlassen, gerade so, als hätte es sich dabei nicht um eine reale, sondern lediglich eine fiktive Begegnung gehandelt, wie etwa bei einer Filmszene, die man sich ausdenkt.

In der darauffolgenden Stunde erscheint E pünktlich zu ihrer Sitzung. Sie ist wütend und empört. Ihr Vorwurf mir gegenüber lautet, mich nicht an den „Vertrag“, wie sie es nennt, gehalten zu haben. E hat offensichtlich ihre eigene Vorstellung davon, wie die therapeutische Vorgehensweise auszusehen hat. Sie besteht hartnäckig darauf, dass ihre Stunde allein ihr gehört und was würde ich eigentlich glauben, wer ich sei, und es wagen, die Sitzung „für mich selbst in Beschlag zu nehmen“. E war offenbar der Überzeugung, dass eine Termivereinbarung mit ihrem Therapeuten nichts wirklich anderes sei als der Kauf einer Karte fürs Theater – und wenn man aus irgendeinem Grund nicht selbst zur Vorstellung gehen kann, dann gibt man die Theaterkarte einfach einem Freund oder Bekannten. Und somit war nach Ansicht von E die ausgefallene Sitzung wie eine Art von Gutschein ohne Verfallsdatum. Sie behauptete sogar steif und fest von vielen Therapeuten zu wissen, die sie kannte, welche solch einen Transfer von verpassten Sitzungen an Freunde oder Verwandte befürworten und praktizieren, ja sogar begrüßen würden. Im selben Augenblick schießt mir ein heute auf der politischen Bühne häufig verwendetes Schlagwort in den Kopf: mehr FAKE NEWS.

Tatsächlich wurde die psychische Realität von E ab diesem Moment zum alles beherrschenden Faktor in der therapeutischen Beziehung. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt und verschaukelt. Mir kam sogar der Gedanke, ob E und die fremde Frau nicht womöglich gemeinsam eine 'hausgemachte', gegen mich gerichtete Verschwörung ausgeheckt hatten. Ich fragte mich, ob sie dadurch, dass sie mich mit diesem das analytische Setting pervertierenden Szenario konfrontierten, den psychoanalytischen Rahmen zu verunglimpfen und zu attackieren beabsichtigten. Das Produzieren von Fake News verschaffte der Patientin ein solches Ausmaß von psychischer Genugtuung, wie es allein durch die Verzerrung und Entstellung des analytischen Rahmens, den ich mit ihr in den Erstberatungsgesprächen ausführlich erörtert hatte, nicht zu haben gewesen wäre. In Erwiderung auf E's Fake News machten sich nun wiederum auch bei mir Gegenübertragungsgefühle bemerkbar, die in mir Vorstellungen von Verschwörungstheorien heraufbeschworen. Rückblickend und aus der Distanz betrachtet musste ich mir dann eingestehen, dass meine Mutmaßungen über E's Fake News mich sogar dazu verleiteten, meine eigenen Counter-Fake News zu produzieren – nämlich, dass E und ihre Freundin einen Plan für einen „Aufstand“ gegen mich geschmiedet hatten, um mich als Analytiker zu degradieren und meine analytische Autorität zu untergraben. Nachdem nun das Lügenvirus einmal ins analytische Setting eingedrungen war, hatte es die therapeutische Behandlung sowie die Funktion des Analytikers kontaminiert. Eine pervertierte Übertragung hatte den analytischen Rahmen ad absurdum geführt, mit anderen Worten, der analytische Rahmen wurde unproduktiv und wirkungslos gemacht, kurz gesagt, er wurde zu einem Fake.

Könnte man womöglich sagen, dass der von Lügen und Täuschung geprägte politische Zeitgeist, wie er heute auf einer Makroebene allenthalben zu beobachten ist, in einer Art von Dominoeffekt auf die Mikroebene des analytischen Rahmens übergesprungen war? Mithilfe einer Ich-Spaltung können bestimmte Aspekte der Realität ausgeblendet und verleugnet werden. Und daher könnte E's Fake-Rahmen als etwas verstanden werden, das der Funktion diente, den altbewährten und etablierten Rahmen zu unterminieren, weil er von der Patientin als zu einengend und restriktiv empfunden wurde.

Fake News-Generatoren helfen Internetnutzern ihre eigenen privaten und maßgeschneiderten Fake News zu produzieren. Bisweilen sind es lediglich für Freunde und Verwandte gedachte harmlose Scherze. Doch manchmal zielen solche Fake News auch darauf ab, Aggressionen zu schüren und bestimmte Individuen oder Gruppen zu Gewalt und Terror anzustacheln. Nun stellt sich dementsprechend die Frage: Hat sich E lediglich einen Scherz erlaubt, weil sie sich über die Behandlung und ihre grundlegenden Regeln mockieren wollte? Oder war das Produzieren von Fake News in ihrem Fall vielmehr ein letzter, verzweifelter Versuch, sich zugunsten psychischer Gratifikation der Wirklichkeit zu entziehen? In jedem Fall katapultierte sich E mit der Pervertierung des analytischen Rahmens in eine Art von wahnhafter Täuschung bzw. Verzerrung der Wirklichkeit. Das analytische Setting existierte für E nur in dem Sinne, dass es sich auf sie selbst bezog. Man könnte vielleicht sagen, sie machte aus der Landschaft der Therapie etwas ausschließlich Selbstreferentielles. Als sie sich anfangs einverstanden erklärt hatte, innerhalb des Rahmens der analytischen Regeln therapeutisch mit mir zu arbeiten, muss sich dies für sie vermutlich so angefühlt haben, als würde ihr eine Realität aufgezwungen und übergestülpt, die ihrem Bestreben nach psychischer Befriedigung und Gratifikation absolut zuwiderlief. Um dennoch das zu bekommen, was sie wollte und sich insgeheim erhoffte, war E nunmehr vor allem auf ihre psychische – und von der konkreten Realität unterschiedene – Realität angewiesen. Ihr Ausweg bestand darin, sich einen Fake-Rahmen zu erschaffen, der für sie wie das Versprechen auf die Erfüllung ihres Wunsches war, weiterhin am primärprozesshaften Denkmodus festhalten zu können.

Die psychische Funktionsweise wird im Wesentlichen von einem dynamischen Geschehen bestimmt, welches den zwei Prinzipien des psychischen Geschehens gehorcht: dem Realitätsprinzip und dem Lustprinzip. Während das Lustprinzip bestrebt ist, die Spannung auf ein Minimum zu reduzieren, versucht das Realitätsprinzip die Anforderungen des Lustprinzips zu regulieren und zu modifizieren.

Das Produzieren von Fake News ist stets ein Indiz dafür, dass das Realitätsprinzip seine regulative Funktion eingebüßt hat, da Fake News sich den Anforderungen der äußeren Realität widersetzen. Ähnlich wie Wünsche, Phantasien und irrationale Vorstellungen und Überzeugungen verweisen Fake News auf bewusste oder unbewusste Strebungen, die mobilisiert werden, um vermeintlich unzumutbare und unerträgliche Fakten und erfundene Beweise auszublenden und zu verleugnen. Fake News lassen sich nicht einfach eliminieren, da sie ebenso wie unbewusste Wünsche unzerstörbar sind. Unter der Ägide von Missinformation wird sekundärprozesshaftes Denken von primärprozesshaftem Denken verdrängt. Die Logik primärprozesshaften Denkens gebietet stets unmittelbare Befriedigung und sofortige Gratifikation. Nun setzen Fake News den Sekundärprozess außer Kraft, der jedoch unbedingt notwendig ist, um Denk- und Urteilsvermögen sowie die Fähigkeit zum Aufschieben psychischer Gratifikation zu ermöglichen. So gesehen fungieren Fake News als ein Puffer gegen narzisstische Kränkungen. Sie umgehen eine potentiell unerträgliche Konfrontation – i.e. die Konfrontation zwischen äußerer und innerer Realität. Das Existieren von Grenzen und Einschränkungen kann dadurch verleugnet werden und Wahrnehmungen werden - wie auch im Fall der Patientin zu beobachten war - vom Lustprinzip beherrscht, was in der Unzerstörbarkeit der Wünsche begründet liegt.

Wikipedia definiert Fake News als „eine falsche oder irreführende Information, die häufig auf die Rufschädigung einer Person oder eines Unternehmens abzielt […] die Bezeichnung hat keine feststehende Definition, sondern findet vielmehr in einem weiteren Sinne Verwendung, sodass sie jegliche Art von unbeabsichtigter und unbewusster Falschinformation mit einschließt [...]“ Fake News werden auch als Informationsverschmutzung definiert.

Zumeist ist Machtstreben die Ursache für die Produktion von Fake News, gerade so, als ob das Festhalten an der Macht von der passenden Erfindung eines auf Lügen basierenden Narrativs abhängig wäre. Von einem bestimmten Narrativ all dasjenige zu eliminieren, was unpassend und für die Machtansprüche nicht zielführend erscheint, begünstigt schließlich die Produktion und Verbreitung von Fake News auf den Social Media-Plattformen - Instagram, Facebook, WhatsApp -, was heutzutage ein fruchtbarer Boden für den stetigen Zuwachs von immer noch mehr Fake News ist, d.h. für die Dissemination von Informationsverschmutzung. Die Technologie bietet kostengünstige Tools zur Verbreitung von ungeprüften Nachrichten an, die dann in einem Zeitraum von nur wenigen Minuten für Millionen von Menschen abrufbar sind. Wenn sie erst einmal im Netz gepostet sind, vermehren und verbreiten sich Fake News mit einer solch rasanten Geschwindigkeit, dass man meinen könnte, sie besäßen ein Eigenleben. Sie funktionieren wie ein Virus, das in der Lage ist, sämtliche Bereiche menschlicher Belange zu kontaminieren, angefangen von den allerpersönlichsten und intimsten Bereichen des Privatlebens bis hin zum weiteren und vielschichtigeren ideologischen Bereich des politischen Diskurses. Nun ist es Cyber Aficionados bzw. Internet-Fans überall auf der Welt tatsächlich nicht möglich auseinanderzuhalten, was fingierte Nachrichten sind und was nicht. Cybernauten sind generell anfällig dafür, eine Realität anzunehmen, die von irgendwelchen anonymen Leuten definiert wurde, die über das professionelle Rüstzeug verfügen, anderen Menschen verführerische Verschwörungstheorien für wahr zu verkaufen.

Fake News bzw. Falschmeldungen sind jedoch keineswegs ein neuartiges Phänomen. Obschon es zutreffend ist, dass die cyber-technologische Revolution des späten 20. Jahrhunderts die Produktion und Verbreitung von Fake News unendlich viel einfacher, zweckmäßiger und effizienter gemacht hat, gab es so etwas wie Fake News, die einen mächtigen Einfluss auszuüben vermochten, bereits seit den Anfängen unserer Zivilisation. Sie waren und sind auch heute nach wie vor treue Wegbegleiter von sich verändernden weltanschaulichen Konstrukten. Fake News entwickeln sich häufig zu regelrecht ausgeklügelten Verschwörungstheorien. Wenn sie erst einmal gepostet sind und im Internet kursieren, lassen sich solche Verschwörungstheorien zumeist kaum mehr wieder gänzlich aus der Welt schaffen.

Ebenso wie Viren, die auf keine Behandlungsmethode ansprechen, so mutieren auch Fake News zu Varianten, die sich jedweder Vernunft und Logik entziehen, wodurch sie dann ganze Bevölkerungsgruppen in ihren Bann ziehen können. So gab es beispielsweise im Mittelalter manche Christen, die tatsächlich der festen Überzeugung waren, dass Juden kleine Kinder töten würden, um daraufhin während des Passachfestes ihr Blut zu trinken. Diese jahrhundertealte Konstruktion hat sich, wenngleich in abgewandelter Form, bis heute ins 21. Jahrhundert erhalten, wie wir sie etwa in der Überzeugung wiederfinden konnten, dass die US-Wahl gestohlen wurde.   

Wie oben bereits erwähnt, können sich Fake News aufgrund der Dominanz von Digitalität heutzutage mit unvorhersehbarer Geschwindigkeit vervielfachen. Die Technologie stellt uns ein Instrument zur raschen Übermittlung und Verbreitung von Fake News zur Verfügung, wie wir es noch nie zuvor in der menschlichen Zivilisation gesehen haben. Online-Kommunikationen haben die Imagination von Internetnutzern mit zwiespältig zu bewertendem Erfolg bereichert. Auf der einen Seite konnten dadurch kreative Unternehmen entstehen, die zum wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt beitrugen, während es auf der anderen Seite dadurch auch möglich wurde, dass unhaltbare Behauptungen in die Welt gesetzt und verbreitet wurden, welche die Wahrheit und konsensuelle Realität attackieren und massiv unterminieren.

Fake News sind in höchstem Maße ansteckend. Die immense Wirkung lässt sich vor allem durch die zeitliche und räumliche Ausbreitung der Fake News erklären, wie sie in einer durch das Internet gleichgeschalteten Welt aktuell möglich geworden ist. Online-Texte sind wie ein doppelschneidiges Schwert: Einerseits ermöglichen sie Konnektivität und Vernetzung, während sie andererseits auch in der Lage sind, eben diese Konnektivität durch fingierte Narrative und Falschinformationen zu attackieren, wodurch Hass geschürt und Spaltungsprozessen Vorschub geleistet wird. Zweifelsohne ermöglicht das Internet manchen Menschen in ihnen bislang verwehrt gebliebenes und ungekanntes psychologisches Territorium vorzudringen. In Isolation lebenden Cybernauten bietet das Internet ein Forum, andere Menschen mit ähnlichen Ansichten und Interessen ausfindig zu machen, die wie sie selbst auch auf die zusammenführende und verbindende Mission und Botschaft der sozialen Medien vertrauen. Dennoch stellt das Internet auch eine Plattform zur Verfügung, auf der als Fake News getarnte Aggressionen ungehemmt ausgelebt werden können. Die schädlichen, wenn nicht gar gefährlichen Folgen von Fake News bekommen wir nahezu tagtäglich auf unseren Bildschirmen gezeigt. Den virtuellen Tummelplatz des 'Cyberspace' zu durchstreifen, hat unheimlicherweise nicht selten die Entbindung von ansonsten zumeist in Schach gehaltenem Aggressionspotential zur Folge, womit dann im Schutze der Anonymität ungehindert zu Hass und Gewalt angestachelt und aufgerufen wird.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck
 

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