Psycholanalytische Überlegungen zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise in Europa und zu den Terroranschl

Dr. Vamik D. Volkan
 

Flutwellen“ von Immigranten, Flüchtlingen und Asylsuchenden polarisieren häufig die Bevölkerung des Einwanderungslandes.

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Es gibt eine Vielzahl von mit der gegenwärtigen Flüchtlingskrise in Europa  in Verbindung stehenden politischen, sozialen, ökonomischen, gesetzlichen, kulturellen, religiösen und medizinischen Aspekten, die momentan Hunderttausende von Flüchtlingen betreffen, und was zu einer Situation geführt hat, woraus sich zwangsläufig eine Unzahl von Schwierigkeiten und Problemen ergeben haben, die eine immense Herausforderung darstellen, wie zum Beispiel: das Überwinden von Grenzen; die Erstellung von Programmen zur Ansiedlung und Eingliederung; Fragen der Gesundheitsversorgung sowie Fragen der Sicherheit, etc. Als wäre die Situation nicht schon verworren und unübersichtlich genug, so wurde dann noch nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 in Paris ein syrischer Pass, der von einem Asylanten stammte, neben der Leiche von einem der Todesschützen gefunden, was wiederum zur Folge hatte, dass eine Verbindung konstruiert wurde zwischen den Aktivitäten des 'Islamischen Staates' (IS) und den Einwanderern. Die Angst breitete sich dann sehr schnell nicht nur innerhalb der sogenannten “Gast” Länder in Europa aus, sondern etwa auch innerhalb der Vereinigten Staaten. Mehr als die Hälfte der Gouverneure in den USA sprachen sich explizit dafür aus, keine syrischen Flüchtlinge in ihrem Bundesstaat aufzunehmen. Was dann noch zusätzlich Ängste schürte und viele hitzige Debatten und Kontroversen entfachte, war die Tatsche, dass ein nicht geringer Teil der Politiker und auch einige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens den Eindruck vermittelten bzw. mehr oder weniger unterstellten, dass alle Muslime, die sich derzeit in den Vereinigten Staaten aufhielten, eine potentielle Gefahr und ein Sicherheitsrisiko für das Land und seine Bürger darstellten. In Frankreich beispielsweise wurden die Wände von Moscheen mit Graffiti beschmiert oder mit Schweineblut “beschmutzt”. Außerdem kam es auf den Straßen immer wieder zu willkürlichen Angriffen gegenüber “arabisch” aussehenden Männern oder Frauen.

Ich selber habe nun schon vor mehreren Jahrzehnten damit begonnen, die Flüchtlingsfrage von einer spezifisch psychoanalytischen Perspektive her zu beleuchten und zu erforschen. Nach Beendigung des Libanonkriegs im Jahr 1982 verlegte die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) ihr Hauptquartier nach Tunesien. Im Zuge dessen ließen sich der PLO-Chef Yasser Arafat und der Rest der PLO – Führungselite in Tunis nieder, wo sie schließlich zusammen mit noch einer größeren Anzahl von anderen PLO-Kämpfern sowie mit 57 palästinensischen Waisenkindern lebten. Im Frühjahr des Jahres 1990 entschloss ich mich dazu, einige Zeit in Tunesien zu verbringen, um dort die Situation selbst in Augenschein zu nehmen und vor allem eine gründliche Untersuchung darüber durchzuführen, wie sich die Situation insbesondere auf die Kinder und ihre psychische Befindlichkeit auswirkte. Meine nächste Untersuchung von Flüchtlingen und Asylsuchenden führte mich dann nach Deutschland. Infolge der tragischen Vorkommnisse zwischen den Serben, Kroaten und Bosniern hatte sich Deutschland schließlich gegen Ende des Jahres 1992 dazu bereit erklärt, 235000 Asylsuchende aus dem früheren Jugoslawien aufzunehmen. Es war dann damals in Deutschland auch immer wieder zu öffentlichen Ausbrüchen von Hass und aggressiver Gewalt gekommen, die sich aber nicht nur speziell gegen die Asylsuchenden, sondern auch gegen Ausländer ganz allgemein – die sogenannten Gastarbeiter – richteten.  In den 1950er und 1960er Jahren hatte Westdeutschland nämlich mit Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien Verträge unterzeichnet, die die Rekrutierung von ausländischen Arbeitskräften für den Industriesektor in der Bundesrepublik gewährleisten sollten. Und so kam es, dass im Jahr 1973 über eine Million Gastarbeiter in Deutschland beschäftigt waren.  Am 19. November des Jahres 1992 wurde in der Generalversammlung der DPV in Wiesbaden eine Erklärung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung zu Fremdenhass und Gewalt in Deutschland verabschiedet, worin betont wird, dass eine der tieferen Ursachen für Fremdenangst und Fremdenhass in dem “längst nicht mehr zeitgemäßen Selbstverständnis der Bundesrepublik als einer homogenen Nation” liegt. Diese Erklärung appellierte an den Mut und die Handlungsbereitschaft der Politiker. Aber es war auch ein Appell an uns alle: “Wir alle müssen die eigene Fremdenangst wahrnehmen und das Fremde, soweit es unbewusst Eigenes ist, psychisch integrieren lernen. Toleranz und Humanität gegenüber Fremden erfordern also anhaltende zivilisatorische und kulturelle Anstrengung.” Die Vereinigten Staaten von Amerika zum Beispiel sind ein “synthetisches Land”, um einen von dem Historiker und Psychoanalytiker Peter Loewenberg geprägten Begriff (1991) zu verwenden, wohin viele Menschen (mit Ausnahme der aus Afrika stammenden Sklaven) aus allen Teilen der Welt mit den unterschiedlichsten Vorstellungen und Lebenserfahrungen aus eigener Entscheidung und aus freiem Willen gekommen waren, was dann insgesamt ein synthetisches Gebilde disparatester Einflüsse und Lebensformen ergab. Die Erklärung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung brachte uns demnach zu Bewusstsein, dass auch Deutschland längst keine homogene Gesellschaft mehr war, und dass inzwischen Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern dort wohnhaft und ansässig geworden waren.

Meine mit Abstand arbeitsintensivste Zeit mit Flüchtligen war dann die, die ich in der Republik Georgien verbracht habe. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, und nachdem Georgien dann unabhängig geworden war, brach in der Folge in den frühen 1990er Jahren innerhalb der staatlichen Grenzen der Republik Georgien ein Bürgerkrieg aus zwischen den Georgiern und den Südosseten und auch zwischen den Georgiern und den Abchasen. Im Zeitraum von Mai 1998 bis März 2002 reiste ich dann zwei bis drei Mal im Jahr in den Kaukasus, um dort mit georgischen Flüchtlingen aus Abchasien sowie mit südossetischen Flüchtlingen aus Georgien zu arbeiten.

Zu der Zeit, als die jüngsten Terroranschläge in Paris verübt wurden, hielt ich mich gerade in Berlin auf. Am Tag darauf nahm ich dann an einer Konferenz teil, die sich mit dem Thema “Migration – soziales Trauma – Identität” befasste, und die von der Internationalen Psychoanalytischen Universität in Berlin veranstaltet und protegiert wurde. Der Austragungsort der Konferenz war ein Gebäude, das sich in nur fünf oder zehn Minuten Entfernung befand von einem Gebäude, in welchem Flüchtlinge aus Syrien und aus anderen Ländern untergebracht waren. Es ist mir natürlich nicht entgangen, dass an jenem ersten Tag nach den Terroranschlägen in Paris die Teilnehmer der Berliner Konferenz – es waren schätzungsweise circa 200 Personen – die aktuellen Ereignisse in Paris so gut wie mit keinem Wort erwähnten. Es vermittelte sich mir allerdings der Eindruck, dass nicht aus Mangel an Empathie niemand davon sprach, sondern vielmehr deswegen, weil ein jeder der Teilnehmer innerlich damit beschäftigt war, sich so gut als möglich demonstrativ und explizit abzugrenzen und abzusetzen von der im Lande derzeit herrschenden Fremdenfeindlichkeit und dem Fremdenhass, der vonseiten der Neo-Nazis und anderer in Deuschland existierender eindeutig rechtsradikaler, rassistischer Gruppierungen geschürt wurde, und die zum Teil auch offen gegen die Aufnahme von so vielen Flüchtlingen im eigenen Land opponierten und protestierten. Auf der Tagung wurde mehrfach auf den Holocaust Bezug genommen. In diesem Zusammenhang kam dann auch das Thema der transgenerationellen Weitergabe von Schuldgefühlen zur Sprache, was meiner Ansicht nach sicherlich eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, warum manche Menschen in Deutschland sich gegenüber leidenden Immigranten eher wohlwollend verhalten. Nicht wenige der Tagungsteilnehmer gaben ihrer Besorgnis und Befürchtung Ausdruck, dass es infolge der alarmierenden Entwicklungen in Deutschland zu einer Polarisierung in der Bevölkerung kommen könnte. Daraufhin versuchte ich, den Zuhörern zu erläutern, dass und warum ein übermäßiger Zustrom von Einwanderern, Flüchtlingen und Asylsuchenden im “Gast” Land für gewöhnlich immer zu einer Polarisierung innerhalb der einheimischen Bevölkerung führt. So können wir beispielsweise ganz aktuell nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern, wie etwa in Frankreich, Belgien und in den USA, ein die Bevölkerung polarisierendes Phänomen beobachten, das durch die tiefgreifenden politischen Veränderungen in der jüngsten Zeit ausgelöst wurde: Der eine Teil der Bevölkerung in den “Gast” Ländern bringt feindselige und sogar böswillige Vorurteile gegenüber den Flüchtlingen und Neuankömmlingen in Anschlag, während ein anderer Teil der Gesellschaft sich gegenüber den Asylsuchenden verständnisvoll und wohlwollend verhält.  

In den vergangenen hundert Jahren haben wir auf dieser Erde eine riesige Anzahl von Migrations- und Flüchtlingsbewegungen - freiwillige und erzwungene – erlebt. Und nun erleben wir mit der Flüchtingskrise in Europa und im Mittleren Osten erneut eine derzeit immer noch zunehmende Migrationsbewegung in Richtung Europa. Dazu kommen noch weitere Aspekte, wie etwa: die Auswirkungen der Globalisierung; der unglaubliche Fortschritt in der Kommunikationstechnologie; die Mobilität dank der heute möglich gewordenen rapiden Reisegeschwindigkeit; die Resourcenknappheit; und nicht zuletzt der Terrorismus. All dies sind Aspekte, die dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft dabei ist, sich von Grund auf zu verändern, man könnte sogar sagen: wir treten in so etwas wie eine neue Phase der Zivilisation ein. Aber ich denke, dieser Umstand macht es nun unbedingt erforderlich, die psychologische Dynamik des Andersseins zu begreifen. Ja, ich möchte geradezu behaupten, dass all diese Entwicklungen heute es lebenswichtig erscheinen lassen, ein bestimmtes, allgemein verbreites Phänomen wirklich zu verstehen und noch besser zu erforschen: ich  möchte es das Phänomen des wohlwollenden, feindlichen und womöglich sogar bösartigen Vorurteils gegenüber dem Anderen respektive gegenüber den Anderen nennen – was all diejenigen einschließt, die einer anderen ethnischen, nationalen, religiösen oder ideologischen Großgruppenidentität angehören. Ich verwende in diesem Zusammenhang den Begriff “Großgruppe”, um damit eine Gruppe von Hundertausenden oder gar von Millionen von Individuen zu bezeichnen, die sich alle auf ein gemeinschaftlich geteiltes tribales, ethnisches, religiös nationales oder ideologisches Gefühl berufen, obwohl sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach im Laufe ihres Lebens nie persönlich treffen oder zu Gesicht bekommen werden. So gesehen ist das, was ich mit “Großgruppenidentität” bezeichne, letztlich immer das Endresultat einer langen Zeit von gemeinsam geteilten Mythen und gemeinsam geteilten Anfängen, (was dann häufig als Ursprungsmythos ins geschichtliche Bewusstsein eingeht), aus gemeinsam geteilten historischen Kontinuitäten und geographischen Realitäten; so gesehen könnte man die Gruppenidentität letzten Endes immer auf mit anderen gemeinsam oder gemeinschaftlich geteilte linguistische, gesellschaftliche, religiöse, kulturelle und ideologische Faktoren zurück führen. Und so ist zu beobachten, dass die Großgruppenidentität immer auf ihre Gemeinsamkeit bzw. Allgemeingültigkeit referiert und insistiert, was sich dann auch in dementsprechenden Formulierungen Ausdruck verschafft, wie zum Beispiel: Wir sind Apachen. Wir sind Franzosen. Wir sind Katholiken. Wir sind Kapitalisten. Und / oder es heißt: Du bist Baske. Du bist Syrer. Du bist ein sunnitischer Moslem. Du bist Kommunist.

In den vergangenen Jahrzehnten durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen mit Säuglingen und Kleinkindern haben den Beweis erbracht, dass die Denk- und Bewusstseinstätigkeit des Kindes vom Beginn des Lebens an viel intensiver und aktiver ist als ursprünglich angenommen. Wir wissen inzwischen, dass das Kind über ein psycho-biologisches Potential verfügt, das es empfänglich macht für ein “Wir-Gefühl”, und es infolgedessen sich hingezogen sein lässt zu anderen Menschen von Anfang an. Da sich jedoch die Umgebung des Säuglings und des noch sehr kleinen Kindes ausschließlich auf die Familie und ein paar wenige andere Betreuungspersonen beschränkt und dem Wir-Gefühl des Kindes in der frühen Kindheit zunächst noch die spezifisch intellektuelle und emotionale Dimension fehlt, wird es erst später im Erwachsenenalter eine ethnische oder nationale Zugehörigkeit bzw. andere Formen von Großgruppenidentität aktiv anstreben und suchen. Säuglinge und sehr kleine Kinder sind, wie Erik Erikson es nannte, Generalisten (Erikson 1956), was das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Stamm oder einer ethnischen Gruppe, zu einer Nationalität oder Religion betrifft. Erst später im Laufe des Heranwachsens entwickelt das Kind so etwas wie ein in subjektiven Erfahrungen wurzelndes tiefes intellektuelles Wissen, das es ihm schließlich möglich macht, sich als Teil einer Großgruppenidentität zu erleben. Solche gemeinsam geteilten Gefühle von Gruppenidentität können wir aber auch bei Anhängern von Sektenbewegungen feststellen; ein ähnliches Phänomen lässt sich allerdings auch im Fall von politisch determinierten Gruppen beobachten, welche sich einer bestimmten politischen, oftmals radikal extremistischen Ideologie verschrieben haben, zu der sich während der Kindheit des Individuums meist schon dessen Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen hingezogen gefühlt hatten. Religiöse Kulte oder Sekten, wie beispielsweise die sogenannten “Branch Davidians” in der Nähe von Waco in Texas; oder Guerillaeinheiten, wie die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC), und auch terroristische Vereinigungen, wie die Taliban oder der Islamische Staat (IS), liefern uns den Beweis, dass Menschen manchmal auch als Erwachsene noch den unwiderstehlichen Drang verspüren, Mitglieder oder Anhänger einer anderen als der urprünglich eigenen Großgruppe zu werden. Sich als Teil einer solchen  Großgruppe zu fühlen, funktioniert für den Einzelnen aber nur so lange, wie er an die religiöse, ideologische oder terroristische Mission uneingeschränkt glaubt und für sie zu kämpfen bereit ist.
 
Da es mir seit je her ein Anliegen war, fassbar und nachvollziebar zu machen, was für Konsequenzen und Auswirkungen ein gemeinschaftlich geteiltes Vorurteil haben kann, ist mir schließlich irgendwann das Bild eines großen Zeltes in den Sinn gekommen. Wir müssen, um das Phänomen der Gruppenidentität zu verstehen, nämlich gleichzeitig auch über Grenzziehungspsychologie nachdenken. Zu diesem Zweck stellt man sich am Besten zunächst einmal eine Zeltleinwand vor, die für die Grenze der Gruppenidentität einer Person steht. Aber ich denke, ich muss ein wenig ausführlicher werden, um die psychologische Dynamik des Andersseins noch etwas genauer erklären zu können: ein Individuum lernt im Laufe seines Lebens, sich zwei grenzziehende Schichten anzueignen, man könnte sagen, psychologische Grenzziehungen zwischen dem Ich und den Anderen bzw. der Außenwelt. Und das beginnt schon ganz früh im Kleinkindalter und setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort, wo wir es etwa dann beobachten können, wenn das erwachsene Individuum sich dazu entschließt, Anhänger bzw. Mitglied einer Sekte, oder einer Guerilla- oder Terrororganisation zu werden. Also, die erste Schicht, die sich bereits das Kleinkind ganz früh in seinem Leben aneignet, und die ich die individuelle Schicht nennen möchte, passt oder schmiegt sich dem Individuum mühelos an wie eine zweite Haut, etwa vergleichbar einem gut sitzenden Kleidungsstück, das demjenigen, der es trägt, wie angegossen passt. Ich würde sagen, dieses Bild repräsentiert den Identitätskern einer Person, wodurch ihr ein verlässliches und konstantes inneres Selbstgefühl gewährleistet wird. Die zweite Schicht kann man sich nun, wie schon gesagt, wie die Zeltleinwand eines großen Zeltes vorstellen, unter der, wie etwa bei einem sehr weit geschnittenen Gewand mit loser Passform, eine größere Anzahl von Individuen Platz hat, und wo diese Individuen dann gemeinsam im Schutze und in der Obhut dieses Großgruppenzeltes ein Gefühl von Gleichheit und Gemeinsamkeit entwickeln und für sich erfahren und leben können. Es gibt nun so etwas wie 'Markers' in der Gruppenidentität, was man sich als in der Gemeinschaft der Gruppe geteilte Bilder vorstellen kann, (eine Art von Bild-Container), die auf in der historischen Vergangenheit der Vorfahren stattgefundenene Ereignisse zurück gehen, welche ich in früheren Publikationen als “gewählte Traumata” oder “gewählte Ruhmestaten” bezeichnet habe, oder auch als eine Kombination aus beiden. Anders formuliert: Die transgenerationelle Weitergabe von einem Trauma kann über einen sehr langen Zeitraum hinweg funktionieren. Nach mehren Generationen, was auch mehrere Jahrhunderte sein können, ist das Trauma dann kein Trauma mehr, es ist jetzt ein Identitätsmerkmal. Mit anderen Worten, es ist jetzt ein Marker auf der Zeltleinwand. Markers kann man sich etwa so vorstellen wie verschiedene Flecken aus farbigem Stoff, die aufgenäht sind auf die graue Zeltleinwand des metaphorischen Zeltes der jeweiligen Großgruppe; und so ein Marker unterscheidet dann eine bestimmte Großgruppe von anderen Großgruppen. Wenn nun bestimmte Individuen, wie etwa solche, die tatsächlich dazu bereit sind, sich selbst in die Luft zu sprengen, und die wir heute Selbstmordattentäter nennen, die erste grenzziehende Schicht - wie ich sie oben beschrieben habe - durch jene zweite grenzziehende Schicht, die ich mit einer Zeltleinwand verglichen habe, ersetzen, dann stehen sie ganz ohne Zweifel im Bann und unter dem fatalen Einfluss einer Großgruppenpsychologie. In so einem Fall besteht das alleinige Ziel des Individuums nurmehr darin, seine Großgruppenidentität zu schützen, aufrechtzuerhalten, und im Extremfall sogar, die öffentliche Anerkennung für die spezifische Großgruppe mit Gewalt zu erzwingen, auch wenn das aus einem individualpsychologischen Blickwinkel her betrachtet im Endeffekt bedeutet, absolut verabscheuungswürdige, amoralische, sadistische, masochistische und unmenschliche Taten und Handlungen zu begehen.
 
Unter der Ägide von einem riesigen Großgruppenzelt finden immer auch eine Menge von kleineren Untergruppen und Untergruppen-Identitäten Platz und Schutz. Während man sagen könnte, dass die Mittelstange des Zeltes - die sozusagen für den politischen Führer und den Vorstand bzw. das Führungsgremium steht –  dafür sorgt, dass das Zelt stehen bleibt und nicht einstürzt, könnte man sagen, dass die Zeltleinwand wiederum dem politischen Führer und anderen Autoritätspersonen, einschließlich sämtlichen anderen Mitgliedern der Großgruppe, psychologischen Schutz gewährleistet. Nonkonformisten oder Abweichler von der Großgruppenidentität stellen in der Regel keine wirkliche Gefährdung dar für das gemeinschaftlich geteilte Wir-Gefühl einer Großgruppe, es sei denn, es gelingt den Andersdenkenden und Abtrünnigen, beispielsweise durch die Formierung einer separaten terroristischen Organisation, eine große Anzahl von Gefolgsleuten für sich zu gewinnen, die dann eine mächtige und einflussreiche Untergruppe bilden und aus der sich gegebenenfalls sogar eine ganz eigene Großgruppe rekrutiert, wie es im Fall des IS tatsächlich geschehen ist. Aus individualpsychologischer Sicht betrachtet, könnte man dahingehend interpretieren, dass ein Individuum die Mittelstange des Zeltes möglicherweise als Vaterfigur erlebt, die Zeltleinwand hingegen als nährende Mutter. Aus dem Blickwinkel der Großgruppenpsychologie betrachtet, müsste man sagen, dass die Zeltleinwand die psychologische Grenze der Großgruppenidentität repräsentiert, welche von zehntausend, hunderttausend oder gar Millionen von Menschen gemeinsam geteilt wird.
 
Ich denke, dass der zuvor noch nie da gewesenen Zustrom von Einwanderern und Flüchtlingen, welcher derzeit in einem bislang nicht gekannten Ausmaß nach Europa herein schwappt, in gewisser Weise für den 'Anderen' steht, der vermeintlich die Stabilität der psychologischen Grenzen der “Gast” Länder gefährdet und bedroht. Nicht Wenige der Einheimischen in diesen Ländern haben große Angst davor, dass durch die tiefgreifenden Veränderungen der jünsten Zeit die gesellschaftlichen Werte und kulturellen Traditionen sowie das ökonomische System in ihrem Heimatland Schaden nehmen könnten, und dass sie nicht über die notwendigen inneren und äußeren Resourcen verfügen, um mit dem gewaltigen Zustrom der Neuankömmlinge auf angemessene Weise umgehen zu können. Aber meiner Ansicht nach sind die wahren Gründe für die Ängste der Bevölkerung in den “Gast” Ländern auf einer tieferen psychologischen Ebene zu suchen: Die Hauptangst besteht darin, dass die Großgruppenidentität der Einheimischen durch die Identität der 'Anderen' kontaminiert und beschädigt werden könnte. Diejenigen, die nämlich in der Lage sind, sich innerlich abzugrenzen und auf ihrer eigenen persönlichen Identität zu bestehen und sie bewahren, und die sich also nicht von der Stimmungsmache und der populistischen Gesinnung der Großgruppe anstecken lassen, werden durchaus fähig und willens sein, die Türen und Tore des Zeltes zu öffnen und die gewaltige Anzahl von Neuankömmlingen herein zu lassen und willkommen zu heißen. Diejenigen hingegen, die befürchten, dass die Flüchtlinge und Neuankommlinge nicht nur Spuren an der Zeltleinwand hinterlassen, sondern durch ihre schiere Gegenwart und ihr Anderssein Löcher in die metaphorische Zeltleinwand reißen - d. h. die Grenze der Großgruppenidentiät der Einheimischen beschädigen - werden sich unweigerlich gegen die riesige Anzahl von Einwanderen zur Wehr setzen müssen, da sie ja tatsächlich darin eine reale Gefahr für die einheimische Bevölkerung vermuten.  

Mir fehlt natürlich in gewisser Hinsicht das nötige Fachwissen und die entsprechende Kompetenz, um wirklich zu einer realistischen Einschätzung der tatsächlichen praktischen Konsequenzen kommen zu können, die sich daraus ergeben, wenn sich eine riesige Anzahl von “Außenseitern” in einem “Gast” Land niederlässt. Und doch kann ich sagen, dass auch ich als Analytiker immer darum bemüht bin zu einer realistischen Einschätzung der Wirkung der äußeren Umgebung auf den Einzelnen zu kommen. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal nachdrücklich dafür aussprechen, dass wir Analytiker uns ernsthaft mit der psychologischen Dynamik befassen müssen, die hinter den Problemen steht, und zwar vor allem heute, wo wir uns konfrontiert sehen mit den gravierenden Problemen der Flüchtlinge, aber auch mit denen der Bevölkerung in den betreffenden “Gast” Ländern, den gemeinschaftlich geteilten Vorurteilen, der Frage der Großgruppenidentität und dem damit verbundenen Problempotential. Je besser wir nämlich die hinter den Problemen liegende Dynamik verstehen, desto mehr kann es uns gelingen, die zu erwartenden traumatischen Erfahrungen abzuschwächen oder teilweise sogar zu verhindern, mit denen nicht nur die Neuankömmlinge, sondern eben auch die Menschen vor Ort, die in ihrer unmittelbaren Nähe leben, unausweichlich konfrontiert sein werden. Doch dazu muss der Psychoanalytiker von Zeit zu Zeit notgedrungen auch seinen Sessel hinter der psychoanalytischen Couch verlassen und hinaus gehen und sich in die öffenliche Debatte einmischen. Aber vor allem muss er mit den Leuten sprechen und versuchen heraus zu finden, was hinter den Problemen liegt. Dies wird zweifelsohne ganz generell zur Horizonterweiterung der Psychoanalyse beitragen. Leider gibt es bislang noch keine ernsthaften und systematischen Bemühungen, die Großgruppenpsychologie als spezifisches Lehrfach in den Lernstoff der psychoanalytischen Ausbildung mit aufzunehmen. Wenn der Psychoanalytiker der psychologischen Dynamik von Großgruppen auf den Grund gehen will, dann bedeutet dies, dass er sich klar darüber werden muss, was die gemeinsamen bewussten und unbewussten psychologischen Erfahrungen und Motivationen der Großgruppe sind, die ursprünglich und ursächlich zu bestimmten sozialen, kulturellen, politischen oder ideologischen Entwicklungen geführt haben (Volkan 2013, 2014). Man kann also sagen, dass der Psychoanalytiker dabei die Gesellschaft diagnostiziert, ganz ähnlich wie er die innere Welt eines Patienten diagnostiziert, der zu ihm in die Praxis zur psychoanalytischen Behandlung kommt.
 
Ohne sie hier alle im Einzelnen und namentlich aufzuzählen (www.internationaldialogueinitiative.com), möchte ich an dieser Stelle dennoch all denjenigen Kollegen weltweit meine besondere Anerkennung und meinen Dank aussprechen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten mit wachsendem Interesse und großem Engagement darauf eingelassen haben, das, was draußen in der Welt um uns herum geschieht, besser verstehen zu lernen und wenn möglich neue Wege und Methoden zu finden für einen humaneren und friedlicheren Umgang mit den uns gegenwärtig alle angehenden gesellschaftlichen Problemen. Im Jahr 2008 ist es mir dann zu meiner großen Freude gelungen, eine private multi-disziplinäre Gruppe ins Leben zu rufen, die sich 'International Dialogue Initiative' (IDI) nennt, und die sich aus Psychoanalytikern, Diplomaten und anderen Experten aus den unterschiedlichsten Ländern zusammen setzt: Deutschland, Iran, Israel, Russland, Türkei, Vereinigtes Königreich, Vereinigte Staaten und der West Bank. Der Hauptverwaltungssitz der IDI befindet sich im Austen Riggs Center in Massachusetts, und wir versammeln uns nun seit 2008 zwei Mal im Jahr zu einem gemeinsamen Meeting, das jeweils in einem anderen Land abgehalten wird. Wir suchen also im Rahmen eines internationalen Teams nach Lösungen für bestehende Konflikte und nach geeigneten Wegen und Methoden, wie das Weltgeschehen im Rahmen eines multi-disziplinären, multi-kulturellen und multi-religiösen Settings von einer psychoanalytischen Perspektive her beleuchtet, erforscht und untersucht werden kann; und wie und ob die erzielten Forschungsergebnisse dann auch tatsächlich dazu beitragen können, die Hinderungsgründe besser zu verstehen und vielleicht zumindest teilweise zu beseitigen, die dafür verantwortlich sind, dass friedliche Lösungen der Konflikte zwischen konträren Interessengruppen mit unterschiedlichen Großgruppenidentitäten nach wie vor und immer wieder zum Scheitern verurteilt sind.

Literatur:
Erikson, E. H. (1956). Das Problem der Ich-Identität. In: Identität und Lebenszyklus. Drei Aufsätze. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1973.
 
Loewenberg, P. (1991). Uses of anxiety. Partisan Review, 3: 514 - 525.
Volkan, V. D. (2013). Enemies on the Couch: A Psychopolitical Journey through War and Peace. Durham, NC: Pitchstone.
 
Volkan, V. D. (2014). Psychoanalysis, International Relations, and Diplomacy: A Sourcebook on Large-Group Psychology. London: Karnac.
 
(Aus dem Englischen übersetzt von M. A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck, Nürtingen am Neckar)