„Zu schmerzlich, um es zu ertragen?“ Reflexe der Covid-19-Pandemie

Dr. Psych. Francisco Muñoz-Martin
 

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„Zu schmerzlich, um es zu ertragen?“
Reflexe der Covid-19-Pandemie: psychische Störungen und todbringende Ethik

Eine Woche vor dem Lockdown aufgrund der Covid-19-Pandemie sagt Frau Dr. X. in einer Spitalsambulanz zum Patienten H.: „Sie leiden an einer schweren Lungenentzündung und die Proben ergeben ein positives Ergebnis für diese Art von Grippe, die man Covid-19 nennt. Ich muss Sie ganz sicher einweisen.“ Patient H. erwidert überraschend: „Oh, Frau Doktor, jetzt beruhigen Sie mich aber … Ich glaubte, es sei etwas Ernsteres… Lungenkrebs.“ Nach drei Tagen stirbt Herr H. auf der Intensivstation des Krankenhauses, ohne seine Familie wiedergesehen zu haben, und sein Sarg wird gemeinsam mit anderen verbrannt, ohne dass es Gelegenheit gäbe, eine würdige Totenfeier mit Verwandten und Freunden abzuhalten.

Dies ist eine Situation mit einer realen Gefahr, unvorhergesehen und plötzlich, furchtbar schmerzhaft, und in dieser Phase der Pandemie sehen wir tausende Menschen darin; alle in einer äußerst schwierigen Lebenssituation, alle mit unterschiedlichen Erlebnissen, Haltungen und Verhaltensweisen.

Eine Haltung, eine Verhaltensweise und eine Reaktion wie jene des Patienten H. und der Dr. X. erscheint uns besonders auffällig. Frau Dr. X., die bei mir in psychoanalytischer Behandlung war, befragte sich und mich zu dem, was sie über Covid-19 dachte und was sie in bestimmten Momenten Patient H. sagen hörte, sowie zu allem, was sie in dieser Situation im Krankenhaus erlebte und was letztlich ins Fernsehen kam und auf die Straße drang. Dieser Patient verleugnete, ebenso wie sie, scheinbar aufgrund eines mutmaßlichen Informationsmangels oder einer Unkenntnis die Ernsthaftigkeit der klinischen Situation.

 Die überraschende Ruhe des Patienten H. sowie die Äußerung der Dr. X. basieren auf einem Zustand, in dem es an einschlägiger Ausbildung und Information mangelt, nicht aber an einem typischen Mechanismus von psychischer Verleugnung mangels Daten oder aufgrund einer Haltung von Unbekümmertheit und Ignoranz in Hinblick auf die reale Ernsthaftigkeit der Ereignisse der Pandemie. Viel besorgniserregender und pathologischer ist die Haltung jener Personen, die angesichts der traumatischen Realität einen Mechanismus nutzen, mit dem die kognitiven und emotionalen Auswirkungen der traumatischen Ereignisse „abgestritten“ werden; das heißt, einen Mechanismus, mit dem das Leid und die Kollisionsschäden der verstörenden und lebensbedrohlichen Realität zurückgewiesen werden. Umgangssprachlich wird dies als „Vogel-Strauß-Politik“ bezeichnet. Eine typische Verhaltensweise jener „Laufvögel“ in Situationen realer Gefahr. Diese Gattungen stecken den Kopf in ein Loch, als würden sie versuchen, die Gefahr nicht zu sehen und die Bedrohung magisch verschwinden zu lassen.
Wer bediente sich als Kind, Jugendlicher oder Erwachsener nicht der Verleugnung oder des „Abstreitens“ – oder fühlte zumindest einen Anreiz dazu? In Situationen, die uns einschüchterten und in denen wir uns völlig machtlos fühlten?

Dies ist sehr menschlich… aber sehr gefährlich für das eigene Überleben, wenn es zu häufig praktiziert wird oder es schlimmstenfalls fester Bestandteil der Persönlichkeit vieler Menschen wird. Diese Situation verschlimmert sich, wenn diese Menschen ihre Verantwortlichkeiten verleugnen, ebenso wie die Realität und die Folgen ihrer Handlungen, wodurch sie nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr bringen, sondern auch das von Nahestehenden und Mitmenschen. 

Für jene, die wiederholt den Mechanismus des Immer-wieder-Verleugnens oder -Abstreitens benutzen, wurde in der Psychopathologie und in der psychoanalytischen Disziplin der Begriff der Psychopathen oder besser der „narzisstischen Perversen“ geprägt. Wird Verleugnung verwendet, um Realität und deren Folgen abzustreiten, geht es darum, den Konflikt im Dienste anderer, falscher Interessen magisch verschwinden zu lassen, um die eigenen, egoistischen Wünsche, die eigenen Verantwortlichkeiten sowie die Realität der eigenen Handlungen zu verbergen.
Solche Personen mit einem falschen psychischen Gleichgewicht und einem beeinträchtigten moralischen Gewissen projizieren ihre eigenen konflikthaften Gefühle auf die anderen, schieben gleichzeitig den anderen die Schuld zu und versuchen, sie allein und ausschließlich verantwortlich zu machen für begangene Irrtümer oder für das derzeitige Unheil und Leid.

Der/die Psychopath/in und der/die narzisstische Perverse spalten sich in zwei Teile und spalten auch ihr Selbstbild, und um ihr gutes Selbstbild zu schützen, projizieren sie ihren bösen Anteil nach außen, in der Absicht, die anderen diese Last tragen zu lassen. Manche von ihnen betreiben ihr ganzes Leben lang „Vogel-Strauß-Politik“ und vor allem „suchen sie den Splitter im Auge des Anderen und sehen den Balken im eigenen Auge nicht“, mit bisweilen auf kurze Frist beklagenswert großem sozialem Erfolg.

Das Feld, auf dem diese Personen sich am liebsten bewegen, das Instrument, das sie am besten beherrschen, ist das Sprechen. Der französische Psychoanalytiker S. Korff-Sausse (2003) sagte: „die ‚Sprache‘ ist ihre wahre Waffe, furchterregender vielleicht als körperliche Gewalt, da sie eingesetzt wird, um egoistische Zwecke und die Unterwerfung der anderen zu erreichen“.

Es ist nicht nötig, didaktische Beispiele darzulegen, um das, was ich sage, zu veranschaulichen, denn heute reicht es, soziale Netzwerke zu befragen und in diesen Zeiten des Lockdowns das Verhalten vieler Durchschnittsbürger zu beobachten, die sich in Zeiten der Covid-19-Pandemie natürlich vor allem an den Haltungen, Meinungen, Aussagen und Verhaltensweisen vieler Journalisten und einflussreicher Politiker und Abgeordneter unseres und anderer Länder orientieren.

Ich denke, all dies hat nicht nur mit Psychopathologie zu tun, sondern auch mit einem Mangel an Ethik oder eher mit einer zersetzten, herabgewürdigten Ethik, die nicht mehr nach dem Gemeinwohl strebt, sondern bewusst oder unbewusst nach einem falschen, illegitimen, betrügerischen und todbringenden Vorteil für den Einzelnen.

Literatur
Korff-Sausse, S. (2003): Handicap: l'éthique dans les pratiques cliniques (Connaissances de la diversité) (französische Ausgabe). Toulouse: Edit. Érès.

Übersetzung: Susanne Buchner-Sabathy
 

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