Symposium: 100 Jahre Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse

Swiss Society of Psychoanalysis
 

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Die 100-jährige Bestehen unserer Gesellschaft ist Anlass für eine symbolische Festveranstaltung und Feier: die Feier eines Bestehens und einer Entwicklung. Die 100-Jahr-Feier bietet Gelegenheit, die Geschichte und die Erinnerung, aber auch eine Tradition zu hinterfragen, sich der Vergangenheit zuzuwenden und dabei die verschiedenen Figuren zu befragen, dank deren Wirken diese Vergangenheit existiert hat und noch heute existiert.

Seit ihren Anfängen ist die Beziehung der Psychoanalyse zu ihrer Entwicklung, ihrer Geschichte und der Geschichte ganz allgemein eine schwierige und ambivalente. Freud war bestrebt, eine neue Wissenschaft zu begründen, eine neue Praxis und eine neue Tradition, und während er all dies aufbaute, stellte er es auch historisch dar. Es ließe sich sagen, dass er nicht nur Wissenschaft betreiben wollte, sondern auch Geschichte machen (vgl. seinen Text von 1914, „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“). So steht Freuds Psychoanalyse von ihren Anfängen und frühesten Formulierungen an in einer einzigartigen Wechselbeziehung mit sich selbst und ihrer Vergangenheit, ihren Archiven, ihren Spuren: Noch im Entstehen stattet sie sich mit einer autorisierten Geschichte aus, obwohl sie sich noch nicht entfaltet hat. Die Polemik rund um die Öffnung ihrer Archive legt Zeugnis ab von ihrer schwierigen Beziehung zur historischen Analyse.

Die Psychoanalyse wurde mit Leidenschaft, Kühnheit, tiefem Schmerz und bisweilen mit „hü und hott“ errichtet, an einem Kreuzungspunkt von Geschichte, Kultur und Politik, an dem Freud ebenso steht wie seine Anhänger oder seine Kritiker, an dem viele Disziplinen und Dilemmata zusammentreffen, viele Bündnisse und Kriege. Die Geschichte der Psychoanalyse wurde oft von innen geschrieben, von Psychoanalytikern selbst (E. Jones zum Beispiel), ganz besonders deshalb, weil die historischen Dimensionen im Zentrum der analytischen Arbeit und damit auch ihrer Methode und ihrer wissenschaftlichen Besonderheit stehen. Eine Art offizielle Geschichte bildete sich heraus, lobend oder militant, eine Geschichte, die in biographischer – manchmal gar hagiographischer – Form den Männern (seltener Frauen) Ehre zollte, die zur Entwicklung der Psychoanalyse beigetragen haben.

Um aus diesem auf sich selbst verweisenden Kreislauf herauszutreten, war es erforderlich, den Blick von den Partikularismen zu lösen und in einem pluridisziplinären Rahmen die Institutionsgeschichte der Psychoanalyse zu untersuchen, die Entwicklungsgeschichte der Nachfolgelinien und der orthodoxen und heterodoxen Traditionen, die das Gedächtnis der Schulen und Gruppen ausmachen, die in der Welt und in der Schweiz in friedlichem oder konfliktträchtigem Miteinander existieren. Die vor beinah einem halben Jahrhundert von Henri Ellenberger – einem kanadischen Psychiater mit Schweizerischen Wurzeln, der bei O. Pfister in Analyse war – durchgeführte Untersuchung spürt feinsinnig den vielfältigen und widersprüchlichen Kontexten nach, in denen die Psychoanalyse entstand und bestätigt wurde, erforschte ihre Quellen und umstrittenen Archive und ließ dabei die Erinnerungsberichte und orthodoxen Konstruktionen weit hinter sich. Unter Einbindung zahlreicher Forscher, die nicht den spezifischen Kreisen der Psychoanalyse angehörten, wurde in dieser Perspektive fortan die Geschichte psychoanalytischer Ideen in einen intellektuellen, gesellschaftlichen und politischen Kontext gestellt und die Psychoanalyse nicht nur als Ideensystem gezeigt, sondern auch als Institution und Gesamtheit von kontextbedingten Praktiken.

Die Schweiz war in ihrer besonderen Situation als Drehscheibe Europas ein Labor für die Herausforderungen, die sich der Psychoanalyse im Laufe ihrer Geschichte stellten: multikulturell, mehrsprachig, eifersüchtig auf kantonale Eigentümlichkeiten bedacht, in einem prekären und dynamischen Gleichgewicht zwischen Grenzen und Durchmischung. Die zahlreichen Akteure, die den Verlauf dieser Geschichte mitbestimmten, trugen auch zur lebendigen Neu-Formulierung dieser Geschichte bei, die derzeit im Aufbau ist.

Die Vorgeschichte der SGPsa basiert auf der Begegnung von Freud, Eugen Bleuler –Direktor am Burghölzli – und C. G. Jung sowie auf dem Interesse mehrerer Schweizer Bürger an den Arbeiten über das Unbewusste, namentlich an dem, was Freud dazu ausführte (T. Flournoy, E. Claparède in Genf, usw.). Diese Voraussetzungen entwickelten sich in einem dynamischen Klima und führten zur Gründung der „Gesellschaft für Freudsche Forschungen“ (1907, Bleuler) und später zur Gründung der „Ortsgruppe Zürich“ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV/IPA) (1910, Binstwanger) sowie zur Wahl Jungs zum ersten Präsidenten der IPA im Jahr 1910.

Nachdem der Konflikt zwischen Freud und Jung ausgebrochen war (1914), gründeten die Schweizer, die nicht Jung folgten, am 21. März 1919 in Zürich – unter dem skeptischen Blick der anwesenden IPA-Vertreter (E. Jones, H. Sachs, O. Rank) – die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa) (E. Oberholzer, M. Gincburg, O. Pfister, H. Rorschach, H. Zulliger, usw.). Die Die Société psychanalytique de Genève (E. Claparède, R. De Saussure, C. Odier, H. Flournoy, J. Piaget, S. Spielrein, usw.) wurde 1920 – ohne Anerkennung durch die IPA – in Genf gegründet und war nur von kurzem Bestand. Einige Psychoanalytiker aus der französischsprachigen Schweiz schlossen sich der SGPsa an (R. De Saussure, C. Odier, H. Flournoy).

Die ersten neun Jahre der SGPsa (unter E. Oberholzer, 1919-1928) waren äußerst konfliktreich. Nachdem E. Oberholzer am Gipfelpunkt der Debatte über die Laienanalyse gemeinsam mit anderen Ärzten eine „Société Suisse de Psychanalyse Médicale“ [Schweizerische Gesellschaft für medizinische Psychoanalyse] gegründet hatte, entspannten sich die Beziehungen zur IPA unter der Präsidentschaft von P. Sarasin. Diese Entwicklung führte dazu, dass die IPA der Schweizerischen Gesellschaft die internationalen Kongresse von 1934 (Luzern) und 1949 (Zürich) anvertraute – der Kongress in Zürich war der erste Kongress nach dem 2. Weltkrieg, nach dem Holocaust und nach Freuds Tod. 

Im Jahr 1977 wurde in einem politischen Konflikt über die Ausbildung das „Psychoanalytische Seminar Zürich“ aus der SGPsa ausgeschlossen. Heute vereinigt die Gesellschaft mehrere regionale Ausbildungszentren in unterschiedlichen Landesteilen und in unterschiedlichen Sprachgebieten.

Statt eines rückblickenden Gedenkens entschieden wir uns dafür, den Dialog zu den unterschiedlichen Fragen, die durch die Geschichte der Psychoanalyse und ihre singulären Figuren in der Schweiz aufgeworfen werden, zu eröffnen. Wir wollten dieses Jubiläum von 2019 rund um zwei Themen gruppieren: Grenzen und Vermächtnis.
Der erste Tag ist der Frage der Grenze gewidmet, die auf das Dilemma der Eingrenzung verweist: einen Übergang für die Identität finden und sie aufrechterhalten (Schweiz, die Drehscheibe).

Der zweite Tag dreht sich um das Thema des Vermächtnisses, das die Kultur der Weitergabe wie auch deren Verweigerung beleuchtet (die „Enfants terribles“) - ob dieses Vermächtnis nun das ist, das man empfängt oder das, das man weitergibt.

Aus der Historikerbewegung, die die Psychoanalyse gleichzeitig im Korpus der Wissenschaften ansiedelt und ihr schöpferisches Potential untersucht, ihre Fragestellungen, ihre Beschränkungen, haben wir zwei Hauptvortragende eingeladen (G. Makari und E. Falzeder), deren Vorträge diskutiert werden und deren Argumentationen in Round-Table-Gesprächen näher betrachtet werden, zu denen sich Spezialisten unterschiedlicher Orientierung aus der Schweiz und ganz Europa versammeln werden.

Zu diesem Dialog laden wir Sie ein.
 
Für die Kommission des 100-Jahr-Jubiläums der SGPsa,
Lito Panayotosoulos, April 2019

Übersetzung: Suzanne Buchner-Sabathy 
 

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