Der Körper des Odysseus: Niemandes Körper

Véra Savvaki, Ph.D.
 

0
Comments
541
Read

In der zeitgenössischen Kunst legen zahlreiche Darstellungen  Zeugnis davon ab, dass der Körper heute bis an die Grenzen seiner Darstellbarkeit zu einem Schauplatz von Konflikten und Ängsten geworden ist. Auch im Rahmen der klinischen Praxis sehen wir uns mit komplexen, enigmatischen und gewaltsamen körperlichen Erfahrungen konfrontiert. Zudem wird unser psychoanalytisches Hören zunehmend von somatischen Symptomkomplexen, diversen körperlichen Erfahrungen (wie Krankheit, Behinderung, Schwangerschaft, Pubertät, Alterungsprozesse), aber auch von selbstgewählten Körpermodifikationen auf eine harte Probe gestellt. Aus einer klinisch-theoretischen Perspektive hat die Psychoanalyse überaus interessante Denkansätze und Konzeptionen anzubieten, um den Körper und das körperliche Geschehen begreiflicher zu machen: hysterische Konversion, Konzepte und Denkmodelle zur Erfassung von psychosomatischen Erkrankungen sowie die in jüngerer Zeit von A. Lemma entwickelten Theoriekonzepte. Doch immer dann, wenn wir in unserer klinischen Arbeit Individuen begegnen, bei denen körperliche Probleme manifest werden und sich massiv in den Vordergrund drängen, hat sich der Körper des Odysseus als eine überaus hilfreiche und zweckdienliche Metapher erwiesen, um sich eine präzisere Vorstellung davon zu machen, inwiefern die Identitätssuche in der Beziehung des Subjekts zu seinem eigenen Körper zum Ausdruck kommt.
 
Während in der Ilias der Krieg noch in der äußeren Welt ausgetragen wurde, so spielt er sich dann in der Odyssee in der inneren Welt des Helden ab. Und so stellen wir zu unserer Verwunderung fest, dass Odysseus eigentlich ohne große Umschweife nach Ithaka hätte heimkehren können, woran ihn jedoch sein opportunistischer, manipulativer und listenreicher Charakter hinderte und ihn stattdessen immer wieder woanders hin abschweifen ließ. Infolgedessen kann man konstatieren, dass Odysseus nahezu alles, was ihm begegnet und widerfährt, in seiner inneren Welt agiert. All seine Selbstgespräche und tieferen Beweggründe stecken voller Kalkül, Täuschungen, Hochmut und Argwohn. Seine größte Bewährungsprobe besteht für Odysseus offenkundig nicht darin – und eben darin manifestiert sich die immense Ambivalenz des Helden –, nach Ithaka heimzukehren, sondern vielmehr, seiner eigenen Identität auf die Spur zu kommen. Darüber hinaus ist da auch noch Athena, das göttliche Äquivalent von Odysseus, welche die Irrfahrt des Helden begleitet und ihm bei seiner Identitätssuche immer wieder ausgeklügelte und listenreiche Verwandlungen seiner körperlichen Erscheinung zuspielt, wobei er dann etwa einmal in der Verkleidung als Bettler getarnt und dann wieder als starker und wunderschöner Mann in Erscheinung tritt.
 
Die Abenteuer des Odysseus vor seinem Eintreffen in Ithaka werden allerdings nicht in chronologischer Jetztzeit und entsprechend dem tatsächlichen Handlungsablauf geschildert. Die Erzählung setzt vielmehr in der Mitte des Geschehens ein und Odysseus erzählt seine Abenteuer mithilfe eines Kunstgriffs; d.h. die Geschichte des Helden wird durch 'Binnenerzählungen' bzw. Rückblenden aufgerollt, sodass die besondere Erzählstruktur der Odyssee die Dimension der Identität in den Fokus rückt. Dank dieses Kunstgriffs wird beim Leser der Eindruck erweckt, dass Odysseus die Odyssee einmal unmittelbar (er)lebt und dann wieder erzählt - gerade so, als würde er sich – in seiner Suche nach sich selbst – abwechselnd als Protagonist und als Erzähler immer wieder selbst neu erfinden. Und so hat es den Anschein, dass das Werk vom Dichter, Erzähler und handelnden Protagonisten aufgrund einer dreifachen Identifizierung – oder dreifachen Spaltung – konstruiert wird. Hinzu kommt, dass Odysseus sich immer auch als ein Anderer zur Darstellung bringt, der bald das eine und bald das andere über sich reden gehört hat, oder aber, der über den berühmten Helden etwas in Erfahrung bringen will - gerade so, als ob die Geschichte nicht die seine, sondern in erster Linie diejenige eines Anderen wäre. Und so eilt Odysseus sein eigener legendärer Ruf voraus; er lebt in und von der Erinnerung anderer Menschen; er kann alle möglichen Gestalten annehmen; er ist ein Niemand, ein No-body. In all diesen Fiktionen, was bleibt da noch von ihm selbst? Wären denn nicht eine einzige Identität und ein einziger Körper ausreichend für ihn? Wenn nun Odysseus das verlorene Objekt ist, könnte er dann womöglich neu erschaffen/wiedergefunden werden?
 
Diese Wiederbegegnungen mit sich selbst ereignen sich bei den Phäaken, wo der schiffbrüchige und nackte Odysseus von Nausikaa aufgenommen und dann in ihren Kleidern zum Palast des Alkinous gebracht wird. Der freundliche Empfang und die Begegnung mit dem ihm wohlgesonnenen König bewirken, dass Odysseus schließlich zum Subjekt wird: Odysseus, der sich fast wie neugeboren fühlt, erzählt jetzt wie ein echter Aoidos seine eigene Odyssee mit all ihrem Ruhm und Glanz, woraufhin er als Kriegsheld gefeiert und zum König von Ithaka  gemacht und mit Ehren überhäuft wird. Dadurch, dass der Überlebende seine Geschichte ganz neu er-findet, wird er selbst von dieser Geschichte neu erschaffen - gerade so, als würde die eingestreute Binnenerzählung eine stützende Funktion in der Psyche des Helden ausüben, und zwar in dem Versuch, auf diese besondere Weise ein erlittenes Trauma zu bewältigen. Wenn man bedenkt, dass Odysseus in ein jedes der geschilderten Ungeheuer und Abenteuer seine eigenen verdrängten und 'monströsen' Selbstanteile hineinprojiziert, die er in seiner Psyche nicht zu integrieren vermocht hatte, dann wird auch verständlich, weswegen die Gestalt des Odysseus gerade durch eine beeindruckende, zeitlich verschoben erzählte Geschichte Konturen annimmt, wobei sich nunmehr die Bruchstücke in der Gegenwart eines Königs, der Odysseus wohlwollend aufnimmt und erkennt, schrittweise zusammenfügen.
 
Allerdings geschieht es dann erst nach seinem Eintreffen in Ithaka, dass der Körper des Odysseus zu einem wirklichen Protagonisten wird, wodurch es dem Helden letztendlich möglich wird erkannt zu werden. Zunächst ist es die Amme Eurykleia, die ihren Herrn an der Narbe erkennt, die er sich einst als Jugendlicher bei der Jagd mit seinem Großvater durch den Biss eines wilden Bären zugezogen hatte. Wenig später kommt es dann zu einer weiteren emotional sehr anrührenden Szene, in der sein treuer Hund Argos seinen Herrn intuitiv erkennt, als dieser bereits im Sterben liegt. Und drittens wird Odysseus von Penelope erkannt – seiner ihm an Klugheit ebenbürtigen Ehegattin –, die ihn zur Feststellung seiner Identität mit einem intimen Wissen konfrontiert, über das nur sie beide verfügen, und ihn so auf die Probe stellt. Diese drei Szenen sind paradigmatische Beispiele dafür, wie sich die bleibenden Einschreibungen in den Körper zu Signifikanten, zu das psychische Leben strukturierenden Ereignissen zurückverfolgen lassen: Zum einen wäre da die Adoleszenz als körperliche Verletzung in enger Verknüpfung mit der ersten Konfrontation mit Männlichkeit, transgenerationeller Übertragung und Tod. Und zum anderen wäre da auch noch die progressive Entwicklung der triebhaften Strebungen und libidinösen Bedürfnisse, die dem Subjekt nunmehr ein ganz neues, schwer zu bemeisterndes Umgehen mit dem eigenen Selbst und der ödipalen Situation abverlangt. Und schließlich wären da noch die erotische Begegnung mit dem anderen Körper (alter-corpus) und das Geheimnis des aus einem Baum gezimmerten Brautbetts, die sich nun als letztgültige 'Zeichen' der Wahrheit und der stabilen Verankerung des Subjekts geltend machen.
 
In diesem Werk über das Erkennen und Erkanntwerden wird deutlich, wie sich die Kriterien der Identität sukzessive immer mehr von der Sprache und vom Sprechen weg und hin auf den Körper und den Anderen verlagern. Nun ist im Laufe der Odyssee zu beobachten, dass der Körper des Odysseus sich unaufhörlich verwandelt – er wird verletzt, umsorgt und umhegt, getarnt und verkleidet, und er wird immer wieder verwandelt, und zwar je nachdem in einen verschmähten oder auch verschönerten Körper. Doch je mehr sich der Held Ithaka nähert, umso mehr wird sein Körper von seiner ureigensten Wirklichkeit eingeholt. Wäre die Heimkehr nach Ithaka so gesehen möglicherweise gleichbedeutend mit der Trauer um den Verlust der unermesslichen Potentialitäten eines allmächtigen und begehrenden Ichs? Und müsste man demzufolge die physischen Merkmale des Körper als Möglichkeiten betrachten, diesen Körper nun nochmals neu zu besetzen und mit ganz neuer Bedeutung zu versehen?
 
Erstaunlicherweise erscheint Odysseus – dieser frühklassische Held - hochgradig modern, wobei sich seine Persönlichkeit keineswegs als ausgeglichen und sonderlich konsensfähig darstellt. Seine Reise wirkt einerseits erratisch, aber andererseits äußerst zielstrebig und wie vom Schicksal vorherbestimmt. Außerdem ist sein Körper, bevor er dann schließlich wiedererkannt wird, der Körper eines Niemand, eines No-body, vertieft in ein Spiel von sich stetig verwandelnden Erscheinungsbildern und Metamorphosen. Doch gleichzeitig offenbart die Arbeit des Wiedererkennens, wie sie in der Odyssee zur Darstellung gebracht wird, auf exemplarische Weise, dass den Aspekten körperlicher Kartographie eine Schlüsselfunktion zukommen kann, auf deren Basis man sich mit fundamentalen Fragen seiner eigenen komplexen Persönlichkeitsstruktur und seinem individuellen Werdegang auseinanderzusetzen vermag, wie etwa die eigene Herkunft, Verletzlichkeit, Zugehörigkeit und Andersheit. Gegen Ende des Werks werden wir von Odysseus einmal mehr in Erstaunen versetzt, als er nämlich Penelope verkündet, dass er sich bald wieder auf eine Reise mit neuen Abenteuern begeben werde. Das Ansinnen, den Körper – ziel- und ruhelos, wie er ist bis zu allerletzt! – ein für allemal verorten zu wollen, würde sich demzufolge als ein paradoxes Unterfangen herausstellen, weil der Körper uns offensichtlich fortwährend dazu einlädt uns vorzustellen, was für andere Formen all dasjenige in uns annehmen könnte, was für immer psychologisch ohne Bezug und unverbunden bleibt, und mithin letzlich niemals vollkommen und bis ins Letzte angeeignet werden kann.
 
Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 

Weitere Artikel von:
 


Star Rating

12345
Current rating: 3 (2 ratings)

Comments

*You must be logged in with your IPA login to leave a comment.